Autor: Tim Berge
Von außen betrachtet ist es ein kleinteilig parzellierter Block inmitten der Millionenstadt Singapur, die Holzfassaden im Kolonialstil wurden gerade frisch saniert und in hübschen Pastellfarbtönen gestrichen – fast wie gebaute Bonbons stehen die Häuser eng aneinander gelehnt. Doch wer das Büro der Design- und Marketingagentur MOD im Inneren dieses Häuserblocks betritt und eine der Architektur entsprechende Büroaufteilung oder gar Einrichtung erwartet, der hat sich kräftig getäuscht: Größer könnte der Kontrast nicht sein!
An der Schnittstelle von Singapurs Büro- und Geschäftsviertel CBD und dem historischen Chinatown der Finanzmetropole liegt das neue Studio von MOD. Das Büro durchschneidet das Innere von sechs traditionellen „Shophouses“ – einer speziellen südost-asiatischen Gebäudetypologie, die neben einem Ladengeschäft im Erdgeschoss auch Lager und Wohnung für den Betreiber und seine Familie umfasst. Leben und Arbeiten findet hier im gleichen Gebäude statt. Neben der besonderen Funktion tritt auch die äußere Gestaltung hervor: Die bunte Farbgebung und aufwändige Fassadendekorationen aus den jeweiligen Entstehungsjahren haben diese Architektur längst zu einem Touristenmagneten gemacht.
Nur die Pause ist rot
Ein langgestreckter Raum zieht sich wie eine Schneise durch den Block und vereint die Einzelteile zu einem großen Ganzen. MOD wollten für ihr neues Büro eine offene Struktur schaffen, die eine gute und schnelle Kommunikation ermöglicht und traditionelle Büro-Hierarchien unterbindet. Also wurden alle störenden Trennwände herausgeschnitten und nur die Fassade zu Straße hin in ihrem ursprünglichen Zustand belassen. Hätte der Besucher das Gebäude nicht von außen betreten, würde er meinen, in einer zur Galerie umgebauten Fabrikhalle zu stehen. Die Dachstruktur liegt offen, man blickt auf schräge Dachbalken, geweißte Lüftungsrohre und Kabelführungen. Überhaupt ist die gesamte Hülle, mit Ausnahme des Bodens, weiß gehalten. Der Boden und alles, was daraus erwächst, ist dagegen tiefschwarz. Die einzige Abweichung erlaubt sich der kleine Aufenthaltsraum für die Mittagspause: Er strahlt in kräftigem Rot.
Arbeiten am Laufsteg
Die Linearität des Raums wird durch die Möbel- und Oberflächengestaltung fortgeführt. Die Arbeitsbereiche befinden sich allesamt innerhalb eines mittig laufenden Bandes, das im Boden durch einen eingelassenen schwarzen Teppich nachgezeichnet wird. Rechts und links davon verlaufen die Verbindungsgänge wie Laufstege über die komplette Raumlänge, belegt mit schwarz gestrichenen Dielen. Laufen auf hartem Grund – Arbeiten auf weichem. Sämtliche Arbeitstische und Wände der eingeschobenen Raumboxen enden exakt auf den beiden Außenlinien des „Arbeitsbandes“. Als Inspiration für die Anordnung und Aufteilung der Büroräume diente den Designern der „Barcode“, dessen Verschlüsselungssystem ebenfalls aus unterschiedlich breiten, parallelen Strichen besteht, die alle gleich lang sind.
Shophouse im Shophouse
Die Räume mit einem größeren Bedarf an Ruhe und Intimität wurden entweder als Boxen konzipiert oder in ein schmales Funktionsband am Rand integriert, das ebenfalls über die gesamte Länge parallel zu den Arbeitsplätzen verläuft. Durch die klare visuelle und akustische Trennung dienen Bibliothek, Besprechungsräume und eine „Play Area“ für die Mitarbeiter als Rückzugsorte in einer ansonsten fließenden und offenen Struktur.
Ankerpunkt in dem Gestaltungs- und Organisationskonzept von MOD ist die „Gallery Area“ mit einer kleinen Tribüne, die auf eine große Präsentationswand ausgerichtet ist. Direkt am Eingang des Büros gelegen, soll der Ort flexibel bespielt und für interne wie öffentliche Veranstaltungen genutzt werden: Eine Art Schnittstelle zwischen außen und innen und damit ganz in der Tradition der „Shophouses“.
Zurück