Autor: Norman Kietzmann
Schon früher dienten Brücken weit mehr als nur der Passage von einem Flussufer zum anderen. In den Städten des Mittelalters waren sie einst mit Wohnungen und Geschäften dicht bebaut, die die strategisch wichtigen Nadelöhre auf beiden Seiten der Straße flankierten. Auch wenn bebaute Brücken aus dem Stadtbild fast vollständig verschwunden sind, zeigt ein Wohnhaus im australischen Adelaide, wie der Typus der Wohnbrücke auch heute noch Bestand haben kann: Als Überquerung eines kleinen Baches inmitten eines ursprünglichen Baugrunds. Steht die Wohnbrücke womöglich vor einer Wiederkehr?
Als der Hamburger Architekt Hadi Teherani im Jahr 2005 eine bewohnte Brücke über die Elbe vorschlug, war die Verwunderung groß. Denn auch wenn den Besuchern von Florenz der berühmte „Ponte Vecchio“ lebhaft in Erinnerung bleibt, schien die Vorstellung, eine Adresse direkt über einem Fluss zu beziehen, selbst für die wasserliebenden Hanseaten zunächst ein wenig befremdlich. Dabei liegen die Argumente für jene ungewöhnlichen Wasserlagen auf der Hand: Nicht nur, dass inmitten des Zentrums zusätzliches Bauland gewonnen wird und auch die Gewerbetreibenden sicher sein können, dass ein zuverlässiger Strom an Passanten die Brücke beleben wird. Für die zukünftigen Bewohner dürfte aus heutiger Sicht vor allem ein Aspekt besonders interessant sein: der unverstellte Blick auf das Wasser und die vorbeiziehenden Schiffe.
In idyllischer Landschaft
Wartet Teheranis Vorschlag, der eine Querung der Elbe auf fast 700 Metern Länge bedeuten würde, noch immer auf seine Umsetzung, entstand unweit von Adelaide eine nicht minder beeindruckende Wohnbrücke im Miniaturformat. Geplant vom australischen Architekten Max Pritchard nimmt sich das 110 Quadratmeter große Bauwerk zwar im Vergleich geradezu als Winzling und bietet auch nur Platz für zwei Personen. Doch auch hier stand der verbindende Gedanke im Vordergrund. Denn das Grundstück, das die Bauherren eine Autostunde von Adelaide entfernt erworben haben, wird von einem schmalen Bach durchschnitten, der sich im südlichen Abschnitt zu einem kleinen Teich erweitert. Das Haus als eine bewohnte Brücke umzusetzen, schafft nicht nur die Verbindung zwischen den beiden getrennten Grundstückshälften, sondern lässt auch den Baugrund in seiner Ursprünglichkeit weitgehend unberührt. Getragen von vier filigranen Stützen schwebt das Haus über die Natur hinweg, anstatt auf irreparable Weise in sie einzugreifen. Und auch aus finanzieller Sicht konnte die Idee der Brücke die Bauherren überzeugen, ließ sich durch den Einsatz von vorfabrizierten Elementen schließlich die Bausumme auf weniger als 125.000 Euro senken.
Gekonnter Brückenschlag
Die Topographie des Baugrundes wird dabei selbst zu einem Teil des Gebäudes. Leicht versenkt in der Schräge des Flusstals, wird das Haus direkt vom Grundstück aus betreten und macht eine zusätzlich Treppe überflüssig. Als langgezogenes Band spannt sich der Bau in Ost-West-Richtung über das Gewässer und erlaubt durch seine großzügige Verglasung den Blick auf die umgebende Landschaft. Auch die Konstruktion folgt der einer „richtigen“ Brücke und wird von vier schlanken Pylonen getragen, die sich mit ihren rechtwinkelig angesetzten Schenkeln zu einem rhythmischen Zickzack-Band verdichten. Ihre schmalen Fundamente aus Beton sind die einzigen Eingriffe, die die Architekten in die Landschaft vorgenommen haben, während der Baukörper selbst an beiden Enden leicht über dem Boden schwebt. Die Verkleidung der Fassade mit Wellblechpaneelen verstärkt dabei die horizontale Ausrichtung des eingeschossigen Hauses, dessen Boden aus Beton gegossen und von einer wärmedämmenden Schicht isoliert wird. Sämtliche Fassadenbauteile wurden als einzelne Elemente installiert, die leicht zu demontieren und wieder recycelbar sind.
Sparsamer Verbrauch
Der respektvolle Umgang mit der Natur gilt ebenso dem tagtäglichen Verbrauch. So wird das Haus, das von seinen Bewohnern ganzjährig als Wohnraum und Büro genutzt wird, im Winter durch das tief einfallende Sonnenlicht geheizt, während im Sommer außen liegende Blenden einen direkten Lichteinfall verhindern. Der isolierte Betonboden vermag die Wärme zudem über Nacht zu speichern und macht den Einsatz des vorsorglich installierten Holzofens weitgehend überflüssig. Sollte dieser aber dennoch benötigt werden, wird nur jenes Holz verwendet, das direkt auf dem Grundstück gesammelt wurde. Auf dem Dach montierte Solarpaneele sorgen indes für eine energieeffiziente Gewinnung von Warmwasser, während das Regenwasser im Inneren des Gebäudes gesammelt wird. Photovoltaik-Anlagen, die in die Sonnenblenden der Südfassade integriert sind, steuern zudem einen weiteren Teil zur Stromversorgung bei.
Neuer Typus
Auch wenn es sicher zu früh wäre, von einer Rückkehr der Brückenhäuser zu sprechen, könnte der Bau in gewisse Weise dennoch Vorbildcharakter bekommen. Denn bisher galten alle neuen Planungen bewohnter Brücken, die außer in Hamburg ebenso in Berlin, Paris oder Florenz ins Gespräch gebracht wurden, vor allem überdimensional großen Strukturen. Für diese braucht es nicht nur hohe Investitionen, die allein mit einer betont kommerziellen Ausrichtung wieder einzuspielen wären. Die neuen Brückenhäuser würden auch jene frei gewordenen Sichtachsen wieder zerstören, die das Bild der europäischen Innenstädte seit ihrem Verschwinden bestimmen. Der Entwurf von Max Pritchard zeigt dagegen, wie im Maßstab eines Privathauses selbst auf unwegsamem Gelände mit einer bewohnten Brücke souverän und kosteneffizient gebaut werden kann. Bitte mehr davon!
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