Autor: Katharina Horstmann
Winzig, mini, mikro – das „Kleine“ war schon immer beliebt in Japan. Man denke nur an die dort in den 1970er Jahren entstandenen Mini-Audiosysteme, die traditionelle Begeisterung für die auf Miniatur-Format geschrumpften, auch unter dem Namen Bonsai bekannten Topfpflanzen oder die kleinmotorigen Miniautos. Seit einigen Jahren ist auch das „klein zu wohnen“ in Japans Großstädten zeitgemäß geworden, denn dort sind zentral gelegene Baugrundstücke rar und teuer. Die sogenannten Mikro-Häuser, auf Japanisch als „Kyo-sho-jutaku“ bekannt, können mitunter so kompakt sein, dass selbst ein Garten seinen Platz darin finden kann – dies nicht nur um Grün in das Hausinnere zu bringen, sondern auch als (Miniatur-) Raumteiler des ansonsten zum Wohnraum offen gehaltenen Badezimmers, wie ein Beispiel aus Nagoya zeigt.
Ein Garten: Das war der ausdrückliche Wunsch des Bauherrn und eine Herausforderung für Makoto Tanijiri vom Architekturbüro Suppose Design Office. Denn das Grundstück hat zwar eine Größe von 70 Quadratmetern – was für japanische Großstädte wie Nagoya „groß“ ist – grenzt jedoch bei einer Breite von dreieinhalb Metern so nah an die Nebenbebauungen an, dass jede Art von Privatsphäre Mangelware ist. Daher beschloss der Architekt, den Außenraum in den Innenraum zu verlegen. Er fand dafür die Form eines sogenannten Gartenzimmers – angesiedelt in der Küche im Erdgeschoss – das von Pflanzen umrahmt ist und, nicht etwa durch einen Blick auf einen Rasen mit alten Bäumen und Büschen, sondern allein durch das Grün im Inneren des Hauses, die Existenz eines Kontinuums ins Freie suggeriert.
Auflockerung der Innenabgrenzung
Betritt man das zweigeschossige, von außen eher unspektakuläre, fast barackenähnliche Gebäude durch die stählerne Haustür, findet man sich in einem kleinen, bepflanzten und mit Kieselsteinen und großen Steinplatten ausgelegten Treppenhaus wieder. Es ist durch eine Glaswand von der etwas tiefer liegenden Küche – dem Gartenzimmer – getrennt, in die wenige Stufen führen. Hier befindet sich auf der linken Seite eine hölzerne Küchenzeile, ihr gegenüber steht ein länglicher Esstisch und auf der rechten Seite hinter weiteren Glaswänden liegt ein schmaler begrünter Bereich, in dem Objekte wie beispielsweise Bilder angeordnet sind, die normalerweise mit dem Innenraum in Zusammenhang gebracht werden. Steine und weitere Blumenbeete dehnen sich indessen in den Wohnraum aus. So liegt hinter diesem 15 Quadratmeter großen grünen Hauptwohnraum ein weiteres bepflanztes und mit Kieselsteinen und grossen Steinplatten ausgelegtes Zimmer, das sich zu einem zweistöckigen Atrium öffnet und – wie schon das Treppenhaus – von natürlichem Licht erhellt wird, das durch die Deckenfenster fällt.
Ohne Geheimnisse: das Badezimmer
Gleich dahinter befindet sich – ebenfalls durch Glaswände separiert – das Badezimmer, von den Blicken nur durch die Pflanzen des Gartenzimmers getrennt. Die Anordnung von Toilette, Waschtisch, Badewanne und Dusche setzt sich über alle Hemmschwellen und Befindlichkeiten hinweg. So gibt es keine Geheimnisse, keine Tricks, was nicht nur dieses Bad, sondern das ganze Mikro-Haus zu einem sehr privaten und ehrlichen Ort macht. Das Zimmer wirkt durch seine Transparenz sehr geräumig. Er ist ganz in Weiß gehalten, nur der Fußboden ist – wie auch in der Küche – aus Beton, und trotzdem wirkt der stille Ort wegen des Grüns nicht ungemütlich, sondern auf eine abstrakte Weise gar natürlich.
Zudem gibt es in dem Haus nur wenige Fenster an den Wänden, die einen Blick nach außen bieten, vielleicht um – nach Auffassung der Zen-Buddhisten – ein Ort des Rückzugs von der Welt zu bieten, in dem es den Bewohnern leichter fällt, sich darauf zu konzentrieren, was wahrhaftig gesehen werden sollte, vielleicht auch nur, weil die Aussicht auf die lediglich etwa 50 Zentimeter entfernten Nachbarbauten nicht allzu vielversprechend ist.
Die obere Etage hingegen beherbergt ein kleines Wohn- und zwei Schlafzimmer. Hier hat Makoto Tanijiri mit den Öffnungen gespielt, denn es gibt keine wirklichen Trennwände. Und wenn doch, dann sind sie mit großen quadratischen Ausschnitten in Fenstergröße versehen. Auch im Treppenhaus und Atrium führt der Architekt das Spiel mit den Volumina fort. Hier gibt es auskragende Flächen, auf denen die Bewohner sitzen, ihre Beine baumeln lassen und beobachten können, was in der unteren Etage passiert. Sie können mit dieser in Verbindung treten oder einfach nur – im Sinne des Kontinuums – das Grün ihres Gartens genießen. In einer Großstadt der wahre Luxus.
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