Autor: Cordula Vielhauer
Am Anfang steht dieses Foto mit Schafen auf einer bergigen Weide, das für den namenlosen Werber und Protagonisten in Murakamis „Wilder Schafsjagd“ schwerwiegende Folgen haben soll: Ein mysteriös-mafiöser „Boss“ ist ob der Publikation des Bildes sauer und schickt den Helden auf die Suche nach einem der abgebildeten Schafe. Damit beginnt für unseren Werbefachmann eine Odyssee von Tokio bis nach Hokkaido. Wir bleiben jedoch zunächst in Tokio und schauen uns in einer neuen Werbeagentur um, die nach den Plänen von Klein Dytham Architecture gestaltet wurde.
In der Werbebranche sieht das Arbeiten ja bekanntlich ganz anders aus als der graue Alltag eines durchschnittlichen Schreibtischtäters: Kreativität verträgt sich eben nicht mit schnöder Arbeitsarchitektur, und die Werber sind ja nach eigener Aussage „die Kreativen“ unter den kunstnahen Berufen. Auf jeden Fall aber sind sie die bestbezahlten.
T/H heißt das Joint Venture in Japans Hauptstadt Tokio bestehend aus dem Global Player TBWA, der unter anderem bei Adidas und Apple unter Vertrag ist, und Japans zweitgrößter Werbefirma Hakuhudo. Auf der Suche nach der richtigen Location für ihr neues gemeinsames Domizil wandten sie sich an Klein Dytham Architekten. Das deutsch-britische Duo aus Astrid Klein und Mark Dytham lebt und arbeitet schon seit Jahren in Japans spannendster Metropole, Elle Japan schrieb über sie: „Ihre Arbeit bringt Spaß in die Stadt und macht uns alle glücklich.“ Diesem Statement können wir uns unbesorgt anschließen.
Als Location-Scouts wurden sie schließlich in einem alten achtgeschossigen Freizeitzentrum fündig. Mitten in Tokios Innenstadt stand hier eine ganze Bowling-Anlage leer: Zwei Geschosse in der Mitte des ansonsten mit Golf- und weiteren Kegelanlagen genutzten Gebäudes waren frei. „Disruption“ („Störung“) lautet das Mantra von TBWA – „Irritation“ ist das mindeste, das die Kunden der Firma erfahren, wenn sie die neuen Räume der Agentur betreten werden, dachten sich die Architekten.
Bowlingbahnen haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie liegen in riesigen stützenfreien Räumen. Nachdem die Architekten die abgehängten Decken entfernt hatten, kamen darunter zwei Meter hohe Träger zum Vorschein, neben denen sie bequem Lichtführung und Klimaanlage unterbringen konnten. Gleichzeitig waren hier Räume mit doppelter Raumhöhe verborgen, die nun genutzt werden konnten. Klein Dytham arrangierten die Arbeitsplätze in der Achse der früheren Bowlingbahnen, dazwischen wurden die Verkehrswege angeordnet. In der Mitte des Raums verläuft ein zentraler „Park“, an den eine Reihe kleinerer Besprechungsräume und Projektleiterbüros angeschlossen sind. Erhöhte Ebenen auf diesen kleineren Räumen dienen als Erholungsflächen für die Mitarbeiter.
Man betritt die Agentur über den sechsten Stock des Hauses. Diese Etage fungiert als Rezeption, Galerie und Treffpunkt für Besucher. Eine breite Treppe führt hinab auf die Hauptebene und den „Park“ mit eigenem Café. Abgestufte Sitze und ein großer Plasmabildschirm machen diesen Ort zu einem flexiblen Präsentationsraum, der nicht nur von T/H genutzt wird, sondern auch von ihren Kunden bespielt werden kann – beispielsweise für Modenschauen, Empfänge, Produktlaunches und ähnliches. Nicht selten werden aus den Veranstaltungen feucht-fröhliche Parties, so die Architekten.
Sind Klein Dytham eigentlich auch auch Hurakami-Fans? Jedenfalls würde es uns nicht wundern, wenn auf dem Rasenteppich des „Parks“ demnächst auch ein paar Schafe weiden…
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