Autor: Katharina Horstmann
Ein grauer Kasten inmitten eines Naherholungsgebiets in der nordholländischen Provinz: Von außen erscheint er unauffällig, fast gewöhnlich. Wer ihn betritt, erlebt das genaue Gegenteil. Er wird an den East River nach New York versetzt, genau genommen in eine originalgetreue Replik der Toiletten des UN-Hauptquartiers, nachempfunden vom dänischen Künstlerkollektiv Superflex in Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Architekturbüro Nezu Aymo.
Das UN-Hauptquartier ist wie kein zweites Gebäude Symbol für Frieden und Völkerverständigung. Ende der vierziger Jahre von einer internationalen Architektengruppe – unter ihnen Le Corbusier und Oscar Niemeyer – entworfen und 1952 von den UN-Mitarbeitern bezogen, galt es dank seiner schlichten, riesigen Glasfassaden, die seitlich durch Marmor ergänzt werden, lange Zeit als Inbegriff des modernen Hochhauses. Seit damals ist das Gebäude nahezu unverändert geblieben – ein Ort mit lebendiger Geschichte, der jedoch nur wenigen zugänglich ist.
Zutritt verboten?
1959 versuchte Alfred Hitchcock eine Drehgenehmigung für seinen Klassiker „Der unsichtbare Dritte“ im UN-Hauptquartier zu erhalten. Leider vergebens, weshalb der britische Regisseur die imposante, alle Geschosse einnehmende Eingangshalle im Studio originalgetreu nachbauen ließ. Seit damals mussten über vierzig Jahre vergehen, bis zum ersten Mal im UN-Hauptquartier gedreht werden durfte: Im Jahr 2005 entstanden hier Aufnahmen für „Die Dolmetscherin“ von Sydney Pollack, einem Thriller, der sich abgesehen von der spannenden Geschichte vor allem durch wunderbare Einsichten in die wichtigsten Räume des Gebäudes auszeichnet. In derselben Zeit entstanden auch die heimlich mit einem Mobiltelefon von einem Mitarbeiter des Sicherheitsrats geknipsten Fotoaufnahmen der Toiletten, die Jahre später von Superflex für den detaillierten Nachbau der Power Toilets im westfriesischen Heerhugowaard Verwendung fanden.
Öffentlich zugänglich
Wer heute am Strand von Luna das stille Örtchen aufsucht, wird von seiner Ausstattung überrascht sein. Schon die beiden Eingangstüren aus elegantem Mahagoni-Holz verweisen auf den Gestaltungsstil der fünfziger Jahre. Zudem sind sie nicht auf Holländisch, sondern auf Englisch und Französisch beschriftet – ein weiterer Hinweis auf ihre Deplatziertheit. Auch die Innenräume entsprechen vielmehr dem Design der Kultserie „Mad Men“ als dem eines sandigen Naherholungsgebiets: Die Böden sind mit anthrazitgrauen Mosaiksteinen ausgelegt. Decke und Wände sind geweißt, nur im WC-Bereich sind sie bis auf eine Höhe von etwa einem Meter mit gelben Kacheln gefliest. Die Trennwände zwischen den WCs bestehen aus weißen Marmor-Platten und stehen im Kontrast zur ansonsten schlichten Ausstattung. Die Türen hingegen sind aus Edelstahl gefertigt – einem Material, das in den fünfziger Jahren gerade erst entwickelt worden war und überall in den UN-Räumen eingesetzt wurde. Ebenfalls aus weißem Marmor gestaltet sind die Vorräume der Toiletten: Hier stehen große eckige Waschtische, die mehrere Bassins bergen, über denen große Spiegel hängen. Auf der Damentoilette gibt es zudem einen eleganten Frisiertisch – ebenfalls aus Marmor. Bei dem davor positionierten Holzstuhl mit gelber Polsterung ist man jedoch nicht sicher, ob dieser jemals genutzt wird.
Sicher indes ist, dass in New York die Toiletten derzeit für niemanden zugänglich sind; das UN-Hauptquartier wird seit 2008 restauriert. Oberstes Ziel der Restaurierung ist neben Aspekten wie Energieeffizienz, erhöhter Sicherheit sowie technischer Modernisierungsmaßnahmen die Bewahrung von Ästhetik und Architektur des Gebäudes und seines Interieurs. Wie gut das gelinget, wird sich in den kommenden Jahren wohl wenigen – genau genommen nur den UN-Mitarbeitern – offenbaren.
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