Autor: Tanja Pabelick
Wenn die Sonne nicht scheint, herrscht hier Tristesse. Das Kopfsteinpflaster oder die immer wieder auftauchenden Schlaglöcher bringen die Autos zum Schwanken. Entlang der Straßen reihen sich Fabrikgebäude. Sie reichen fast bis zum Horizont und beinahe bis zum Himmel. Wir befinden uns im Industriegebiet von Krakau, genauer im Stadtteil Zabłocie, dessen Glanzzeiten, so zeigen der abblätternde Putz und einige eingeworfenen Scheiben, im Gestern liegen. Ausgerechnet hier befindet sich das neue Headquarter eines Kreativstudios mit dem Namen Pride and Glory. Allerdings: Damit sind sie mitten in der Krakauer Kreativszene, die die alten Gemäuer zu ihrem Spielplatz macht.
Der Kontrast zwischen Drinnen und Draußen könnte größer kaum sein. Die Leitidee für die Einrichtung des Studios lautete zwar Schuppen und passt damit gut zu den maroden Werkstätten der Umgebung, doch das Gefühl, das einem beim Betreten der Räume befällt ist ein ganz anderes. Helle, weite Räume sorgen für eine fast wohnliche Atmosphäre. Während das Farbspektrum sich vor allem zwischen Schwarz, Weiß und Grau bewegt, bringen die vielen Holzdetails die nötige Wärme. Keine Frage: An der Schwelle der Kreativagentur Pride and Glory treffen Welten aufeinander: Vergangenheit und Zukunft, maschinelle Fertigung und Kreativarbeit, verfallene Industriearchitektur und High-End-Interieur-Design. Dabei ist das so alles ganz typisch für Polen und exemplarisch für eine Entwicklung, die sich landesweit beobachten lässt.
Eine Profession im Aufwind
Polen und Gestaltung – das ist eine Geschichte mit Geschichte. Lange war Polen ein blinder Fleck auf der Landkarte der europäischen Design-Nationen. Das lag vor allem an den Auswirkungen der postkommunistischen Ära des Landes, in der Formgebung schlicht und einfach nicht die größte Sorge der Hersteller war. Doch dieser Teil der Chronik wird in Polen mittlerweile als abgeschlossen betrachtet. Die gestaltenden Professionen sind in einem als stürmisch zu bezeichnenden Aufwind – und der nationale Nachwuchs erobert die noch junge Profession für sich. Allerdings hatten die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte auch Nebenwirkungen an anderen Schauplätzen: Viele der polnischen Firmen und Hersteller mussten die Pforten ihrer Fabriken schließen. In Krakau sind die Konsequenzen am deutlichsten im südlich von Krakaus Zentrum gelegenen Zabłocie zu beobachten. Die nicht enden wollenden Gebäudeblöcke zeugen von den Zeiten, in denen hier noch Oscar Schindlers Emaillefabrik untergebracht war. Später zog unter anderem der Fernmeldebauteilebetrieb Telpod ein. Als dann Schluss war, blieb die Leere: Die sowieso schon maroden Gebäude verfielen immer mehr.
Besetzt und umgenutzt
Hier kamen die immer zahlreicher werdenden Kreativen wieder ins Spiel: Sie zogen in die alten Blocks ein und schlossen den Kreislauf. Wie in vielen ehemaligen Industriegebieten lockten die großen leeren Hallen und die günstigen Mieten. Und den Büros und Studios folgten die Galerien und Museen. Wo früher an den Fabriktoren angestanden werden musste, warten die Besucher heute am Kassenhäuschen des Krakauer Museum of Contemporary Art. Ein paar Blöcke hinter dem großen grauen Kubus für die Kunst liegt dann auch das Gebäude einer alten Kabelfabrik, das zum Hauptsitz für die Kreativagentur Pride and Glory wurde und exemplarisch ist für die neuen Zeiten. Hier lässt sich das Morgen schon erahnen. Der Gebäudeblock ist einer der wenigen bereits renovierten des Viertels und bietet den Gestaltern mit seinem Loftcharakter eine offene, helle und moderne Büroatmosphäre auf über 800 Quadratmetern.
Alles gestalten
Die Planung des Interieurs wurde dem ebenfalls in Krakau ansässigen Morpho Studio von Justyna Friedberg übertragen. Die junge Gestalterin hat Architektur und Stadtplanung an der Krakauer University of Technology studiert – eine beispielhafte Studienwahl für Designer in Polen. Weil sich bisher nur wenige ausschließliche Design-Studiengänge etabliert haben, ist das professionsübergreifende Studieren in Polen üblich. Positiver Nebeneffekt: Die Gestalter entwerfen nicht nur Möbel und Interieur, sondern manches Mal auch die Grafik oder erstellen Webseiten. Auch Justyna Friedberg arbeitet in vielen Bereichen – so war sie unter anderem Co-Organisatorin der Architecture Triennale in Kraukau. Ihren Background zwischen Interieur-, Produkt- und Event-Design kann man vielleicht auch in der Gestaltung der Studioräume von Pride and Glory erahnen, eine gekonnte Kombination aus kuratierten Designmöbeln, selbst entworfenen Recycling-Installationen und Fabrik-Zitaten. Die Frau hinter Morpho-Studio, das heute übrigens direkter Nachbar der Agentur ist, beschreibt die Möblierung als Mix aus „industrieller Atmosphäre, Scheune und gemütlichen Elementen.“
Ab in den Schuppen
Alte und nicht begradigte Bretter stapeln sich zum Empfangstresen, zwei Leitern werden zum Skelett für ein Regal. Zu alten Bohlen hat die Designerin auch noch eine Anekdote zu erzählen: Sie stammen aus dem einhundert Jahre alten Haus einer der Agenturinhaber – und blieben nach der Restaurierung übrig. Die wenigen abgetrennten Räume des offenen Büro-Lofts, die als akustisch beruhigte Zonen für Besprechungen dienen, werden von rustikalen Balken und ebenso rustikal gezimmerten Türen "zoniert", ganz im Sinne des Themas. Die industrielle Vergangenheit hingegen wird vor allem im Lichtkonzept aufgegriffen: Werkstatt-Lampen aus Metall hängen hier ebenso wie „Kronleuchter“ aus nackten Birnen und einfachen Kabeln – und erleuchten Räume, die vor allem durch die Wahl der Möbel Wohnlichkeit ausstrahlen. Auch hier herrscht Holz vor und – noch wichtiger – Stoff. Diese Materialien weichen die Strenge der industriellen Architektur auf. Und während bei den Nachbarn noch gezimmert wird, lässt sich bei Pride and Glory schon einmal der frische Wind testen, der wohl bald auch durch die anderen Straßen von Zabłocie wehen wird.
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Projekt
Pride and Glory www.facebook.com/prideandglory
Projektarchitekt
Morpho Studio www.morphostudio.pl