Autor: Norman Kietzmann
Größenwahn im Sauberstaat: Mit einem gigantischen Hotel-Casino, das Ende Juni eröffnet wurde, hofft Singapur auf zahlungskräftige Besucherscharen. Entworfen von Altmeister Moshe Safdie, entstand ein Gebäudekomplex der Superlative, der von einem schwebenden Badestrand in über 200 Metern Höhe gekrönt wird. Schwimmen am Abgrund oder fliegen über der Stadt? Vielleicht von beidem etwas. Den utopischen Geist seiner früheren Projekte hat Safdie damit jedoch endgültig über Bord geworfen.
Urbanismus und Showgeschäft zeigen mitunter erstaunliche Parallelen. Kaum ist Dubai aus dem Rampenlicht verschwunden – aufgrund einer Verletzung mussten sämtliche Auftritte in den kommenden Monaten abgesagt werden – betritt mit Singapur eine fast schon vergessene Diva wieder die Bühne, um die Besetzung der Hauptrolle wie in alten Zeiten zu übernehmen. Es ist auffallend ruhig geworden um den einstigen Vorzeigestaat, dem in den achtziger Jahren innerhalb von einer einzigen Generation der Sprung vom Entwicklungsland zur Industrienation gelungen war.
Doch saubere Straßen reichen längst nicht mehr aus, um inmitten der architektonischen Wettkämpfe, die zwischen aufstrebenden Emiraten und den Machern des neuen Chinas ausgefochten werden, überhaupt wahrgenommen zu werden. Was es braucht, ist ein weiterer Superlativ. Ein Zeichen, das in der gesamten Stadt zu sehen ist und dabei nicht minder einprägsam wirkt wie anderswo eine künstlich aufgeschüttete Palme oder ein übergroßes Vogelnest.
Landschaft auf sechs Beinen
Die Antwort, die sich nun vor die Skyline von Singapur geschoben hat, besitzt durchaus das Potenzial dazu und wirkt dennoch befremdlich zugleich. Die Rede ist von den „Marina Bay Sands“, einem gigantischen Hotel-, Casino-, Einkaufs- und Unterhaltungskomplex, der auf einer gleichnamigen, künstlich aufgeschütteten Halbinsel am südöstlichen Ende der Innenstadt nach Plänen von Moshe Safdie errichtet wurde.
Die Zahlen sprechen für sich: 5,7 Milliarden US-Dollar beträgt die Bausumme (einschließlich der Landgewinnung), von der der Großteil in ein Hotel mit 2.560 Zimmern und 265.000 Quadratmetern Nutzfläche floss. Diese verteilen sich auf drei Hochhäuser à 55 Etagen, die jeweils aus zwei gekrümmten und versetzt zueinander angeordneten Baukörpern bestehen. Verbunden werden die Türme in 200 Metern Höhe von einem 40 Meter breiten und 340 Meter langen „Skypark“, der auf einer Fläche von einem Hektar eine öffentliche Aussichtsplattform, eine umlaufende Joggingbahn, einen Park mit 250 Bäumen, mehrere Restaurants sowie den derzeit höchst gelegenen Swimmingpool der Welt umfasst.
Schwimmen am Abgrund
Dieser schmiegt sich auf einer Länge von 146 Metern an die zum Wasser gelegene Seite der Terrasse und schließt mit ihr bündig ab. Der Effekt eines scheinbar unendlichen Verlaufs, mit dem sonst künstliche Wasserbecken mit dahinter liegenden, offenen Gewässer optisch verbunden werden, führt hier zu einem Schwindel erregenden Ergebnis. Denn die Schwimmenden gewinnen nicht den Eindruck, in die Bucht oder den offenen Ozean hinaus zu schwimmen, sondern direkt in die vor ihnen liegende Skyline der Stadt.
Doch so spektakulär diese Aussicht sein mag und die höhenbedingte Frischluftzufuhr in der sonst so dicht besiedelten Millionenstadt zu begrüßen ist, zeigt sich das Gesamtbild umso banaler. Der „Skypark“ erinnert mit seiner nach vorne überstehenden „Schnauze“, die eine Aussichtsplattform für 900 Besucher aufnimmt und zur Attraktion auch für jene werden soll, die sich den Aufenthalt im Hotel und seinem Casino nicht leisten können, von weitem eher an einen gestrandeten Ausflugsdampfer, der von einem Orkan in 200 Meter Höhe gewirbelt wurde.
Ende der Utopien
Dabei hat die horizontale Überbrückung von Hochhäusern durchaus Vorbilder, an denen auch Moshe Safdie entscheidend beteiligt war. Mit seinem ersten Gebäude, dem 1967 in Montréal fertiggestellten Apartmentblock „Habitat 67“, hat der israelisch-kanadische Architekt eines der wenigen Beispiele metabolistischer Architektur in die Realität umgesetzt. Zusammengesetzt aus vorgefertigten Modulen, türmten sich diese zu einer komplexen Struktur aus Überbrückungen und Durchbrüchen, die sich ins Endlose fortzusetzen scheint – vergleichbar mit den Megastrukturen, die Yona Friedmann zur selben Zeit über den Dächern von Paris platzieren wollte und die doch über den Stand von Zeichnungen nicht hinauskamen.
Einen Verrat am utopischen Geist seiner Jugend hat Moshe Safdie aber nicht nur mit seinem plumpen „Skypark“ begangen, sondern ebenso mit dessen tragendem Unterbau. Durch den Umstand, dass sich die drei Hoteltürme aus jeweils zwei versetzten, vertikalen Baukörpern zusammensetzen, entsteht der Eindruck eines laufenden Ungetüms auf sechs Beinen. Gibt es eine peinlichere Annäherung an die „Walking Cities“, mit denen einst Archigram die Architektur aus ihrem statischen Korsett befreien wollten?
Mit geöffneter Hand
Umso bitterer erscheint das Ganze, wenn die eigentliche Funktion des Hotels zu tragen kommt: Der mittlere Teil des riesigen Atriums, das sich durch die Beine der drei Türme hindurch schiebt, wartet nicht nur mit einem der größten, sondern zugleich dem teuersten Spielcasino von ganz Asien auf. Von seiner Gestalt dem Atrium eines Hotels nachempfunden, wird es von einem sieben Tonnen schweren Leuchter gekrönt, während darunter 1000 Spieltische und 1.400 Automaten auf die Besucher warten.
Ergänzt wird der Komplex von einem 121.000 Quadratmeter großen Messe- und Kongresszentrum, einem 74.000 Quadratmeter großen Einkaufszentrum, zwei Theatern sowie einem noch nicht fertig gestellten Wissenschaftsmuseum, das von seiner Gestalt an eine weit geöffnete Hand erinnert – oder wahlweise an einen auf den Kopf gefallenen Riesenkraken. Dubai, so scheint es, hat längst auch den wiedererwachten Tiger in seinem Griff. Verletzung hin oder her.
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