Autor: Katja Neumann
Bildung sollte „frei sein wie Luft und Wasser“, zugänglich für jeden, unabhängig von Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Herkunft. So beschrieb Peter Cooper seine Mission, als er 1859 im New Yorker East Village „The Cooper Union“ gründete. Über die Zulassung zu der Hochschule für Architektur, Kunst und Ingenieurwesen entscheidet damit seit 150 Jahren nur das Talent der Anwärter, die bei positiver Bewertung ein Stipendium erhalten. Gegenüber des eigentlichen Hauptgebäudes am Cooper Square wurde kürzlich der Neubau von Pritzker-Preisträger Thom Mayne eröffnet, der wie ein schimmernder Monolith zwischen den historischen Mansardenhäusern des Viertels hervorsticht. An der gewagten Architektur und der unkonventionellen Lichtplanung scheiden sich noch die Geister der New Yorker. Fest steht aber, dass das Gebäude gängige Konventionen sprengt – was durchaus im Sinne des Hochschulgründers Peter Cooper sein dürfte.
Peter Cooper war zweifelsohne seiner Zeit voraus. So ließ der Erfinder und Eisenbahnmagnat schon im 19. Jahrhundert einen Liftschacht im Hauptgebäude seiner neu gegründeten, freigeistigen Hochschule einbauen – obwohl es den dafür passenden Aufzug erst über hundert Jahre später, in den 1970er Jahren gab. Diesen charakteristischen Pioniergeist erkannten die Bauherren des neuen Hochschulgebäudes im Dezember 2003 schließlich im Entwurf des kalifornischen Architekten Thom Mayne wieder, der mit seiner Firma Morphosis den Zuschlag für das ambitionierte Bauprojekt erhielt.
Das Treppenhaus als „vertikale Piazza“
Dem Lift, der vor 150 Jahren noch eine Utopie war, kommt auch im Maynes Architekturkonzept eine Schlüsselrolle zu. Das Ungewöhnliche daran: der Aufzug hält lediglich in drei der insgesamt neun Stockwerke – wobei es für Gehbehinderte natürlich noch einen weiteren Lift gibt, der in jeder gewünschten Etage stoppt. Was auf den ersten Blick etwas bemüht erscheinen mag, lässt bei näherer Betrachtung jedoch einen klugen, wenn auch frechen Sinn erkennen: So sind Studenten und Besucher quasi zwangsweise dazu angehalten, das Treppenhaus zu benutzen, das Mayne als eine „vertikale Piazza“ anlegte. Wie ein überdimensionaler Wirbel scheint die großzügige Raumstruktur durch den Baukörper empor zu steigen. Diese asymmetrische Spirale, die durch ein Gitterwerk und ein milchig leuchtendes Geländer akzentuiert wird, zieht sich bis zur Decke und endet schließlich in einem großen Fenster, durch das das Tageslicht großzügig einfällt – bis hinunter ins Erdgeschoss. Das Treppenhaus als zentraler Treffpunkt, als Ort für Kommunikation und Diskussion und als soziales Herz des Gebäudes. Über die Treppen gelangen die Besucher zum einen auf drei weitere Ebenen, die übereinander angeordnet sind, sowie zu den zwei „Sky-Lobbies“, die auf der vierten und der siebten Etage das Treppenhaus wie ein Atrium umrunden. Auf diesen Ebenen befinden sich zentrale Einrichtungen wie Besprechungs- und Seminarräume ebenso wie Drahtlosnetzwerke und Telefone. Lernen im sozialen Umfeld, in einer Umgebung, in der sich die Studenten wohl und regelrecht heimisch fühlen – so erfüllt die Architektur der Cooper Union die Ansprüche an moderne Arbeitsumgebungen. Denn dank neuer Technologien kann an der Kaffeebar ebenso gelernt werden wie im Hörsaal.
Unterschiedliche Lichtstimmungen aus Tages- und Kunstlicht
Bei der Lichtplanung ist vor allem das Spiel mit Licht und Schatten das zentrale Element der Gestaltung. So wird das Treppenhaus durch das große Dachfenster in den oberen Etagen fast vollständig mit Tageslicht ausgeleuchtet, welches in den unteren Etagen abnimmt und sukzessiv durch Kunstlicht ergänzt oder schließlich ganz ersetzt wird. Diese Mischung aus natürlichem und künstlichem Licht sei charakteristisch für das Gebäude, sagt Teal Brogden, Senior Principal des Büros Horton Lees Brogden Lighting Design in Los Angeles und verantwortliche Lichtplanerin des Projekts. „Das Wunderbare an natürlichem Licht ist, dass es ständig wechselt, je nach Wetterverhältnissen, Tages- und Jahreszeit die Farbe und Intensität ändert. Künstliches Licht hingegen tendiert zur Gleichmäßigkeit und zum wärmeren Ende des Farbspektrums. Diesen Zusammenhang haben wir für das Konzept genutzt, das Licht auf dem Weg ins Zentrum des Gebäudes wärmer und intensiver werden zu lassen.“ So wird der Besucher im Treppenhaus Zeuge unterschiedlicher Stimmungen: Bläuliches Tageslicht herrscht in den oberen Etagen, nach unten vermischt es sich mit immer wärmerem Kunstlicht. Ihr wirkungsvolles Konzept konnten die Lichtplaner mit nur einem bestimmten Strahler umsetzen, dem Vivo-Strahler des Herstellers Zumtobel .
Konsequentes Spiel mit Licht und Schatten
Die Gegensätze von Licht und Schatten wurden im Hochschulneubau zweifelsohne auf die Spitze getrieben. So wurden im Atrium einige Ecken, zum Beispiel hinter den Treppen, bewusst etwas dunkler gelassen. „Als wir fertig waren“, erklärt Teal Brogden, „fragte der Bauherr, ob wir da etwas vergessen hätten. Wir klärten ihn auf, dass es gerade im Eingangsbereich um die Dramatik gehe. Deshalb sind nur Teile des Raums erhellt und wie eine Bühne im Licht. Der Rest ist Schatten.“ Die Freiheit, mit Licht und Schatten zu spielen, war in anderen Bereichen des Gebäudes durch konkrete Funktionen eingeschränkt. In den Labors etwa sind doppelt so viele Leuchtmittel im Einsatz wie in den Seminarräumen, damit feine Farbunterschiede von Flüssigkeiten und andere Details leichter erkennbar sind. In den Seminarräumen und vielen Labors musste zudem eine lichttechnische Herausforderung gemeistert werden: Die Leuchtpaneele, die in der Decke eingelassen sind, wurden in die dort ebenfalls eingebauten Heiz- und Kühlelemente integriert. Eine knifflige Aufgabe, die man angesichts der generellen Umweltverträglichkeit des Hauses gern in Kauf nahm, schließlich ist das Gebäude nach Anforderungen der LEED konzipiert und hat gute Chance mit dem höchsten, dem Platinum Award, ausgezeichnet und damit das erste „grüne“ akademische Haus in New York zu werden.
Nachhaltigkeit als zentraler Aspekt
So wird der gesamte Innenraum zu 75 Prozent durch Tageslicht erhellt. Detektoren im ganzen Gebäude sorgen dafür, dass das Licht und die Ventilation automatisch heruntergefahren werden, wenn die Räume unbenutzt sind. Auf dem Dach sorgt eine großflächige Bepflanzung für Kühlung im Sommer und Dämmung im Winter. Das hier aufgefangene Regenwasser dient zudem als Spülwasser für die Toiletten. Nicht zuletzt sorgt die schimmernde Fassade, die in Form eines halbtransparenten Netzes aus perforierten Stahlpaneelen als äußere Hülle über die Glasfassade gelegt ist, für den Sonnenschutz im Sommer und als zusätzliche Wärmeschicht im Winter. Die beweglichen Paneele dienen zudem der visuellen Außengestaltung des Gebäudes: Je nach Wetter schimmern sie weiß bis metallisch in grauem Anthrazit, wobei die Oberfläche nicht glatt, sondern kantig und gefaltet wirkt. Zwei große Kerben in der Oberfläche geben den Blick frei auf die innere Struktur des Gebäudes und öffnen es so optisch nach außen. Und nachts scheint das gesamte Haus aus seinem Inneren heraus zu leuchten.
Für die New Yorker mag das neue Gebäude der Cooper Union wie ein Fremdkörper inmitten des Viertels wirken, wie ein glänzender Meteorit, der plötzlich im East Village auf die Erde prallte. Für einige mag auch das zwangsverordnete Treppensteigen befremdlich scheinen oder das Spiel mit Licht und Schatten, wobei nicht nur dem Licht sondern auch tatsächlich dem Schatten Raum gegeben wurde. Die New Yorker werden sicherlich noch eine Weile über das Für und Wider des neuen The Cooper Union-Gebäudes streiten. Eines jedoch scheint ziemlich sicher: Das unkonventionelle Gebäude mit seinen Regelbrüchen wie auch die kontroverse Diskussion darüber hätten dem Gründer Peter Cooper bestimmt gefallen.
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