Autor: Nadine Claudius
Als „Englischer Garten“ ist die Landschaft in Englands Süden in aller Welt zum Modell für kunstvoll arrangierte Wildnis geworden. Heute wirkt sie für die meisten wie ein mit Liebe von Menschenhand gepflegter Park. Angeschmiegt an die idyllisch grünen Hügel in der Grafschaft Somerset erscheint das „Dairy House“ auf den ersten Blick wie eines dieser typisch kleinen englischen Landhäuser. Pittoresk und gleichsam unschuldig wirkt die einstige Käserei mit ihren großen Fenstern und den charmanten Schornsteinen auf dem Dach. Rein gar nichts lässt erahnen, dass es sich bei diesem Kleinod um ein mehrfach ausgezeichnetes Architekturprojekt handelt. Das Geheimnis liegt im Verborgenen, genauer gesagt auf der Gebäuderückseite: Neben einem beheizten Außenpool bietet der zweigeschossige Anbau Fläche für zwei Bäder. Durch die simple wenngleich bemerkenswerte Fassadenkonstruktion entsteht hier bei Tage mittels der unzählig eintretenden Sonnenstrahlen der Eindruck einer sphärischen Unterwasserwelt.
Der Wunsch des Bauherrn las sich recht einfach: Er wollte für sich und seine Familie nebst Freunden einen Rückzugsort vom stressigen Londoner Alltag schaffen. Dafür beauftragte er Charlotte Skene Catling, die gemeinsam im Jahre 2002 mit Jaime de la Pena das Architekturbüro SCDLP gründete. Die vielseitig ambitionierte Architektin, die nach ihrem Studium an der Universität von Westminster in Berlin mit Axel Kufus arbeitete und für „Elz und Rothkegel“ in Potsdam tätig war, schrieb parallel dazu über Architektur, Design und Mode für den "Sunday Telegraph" und "The Burlington Magazine". Als Drehbuchautorin arbeitete sie mit Malcolm Mc Laren an einer Verfilmung über Christian Dior und – als wäre dies nicht genug – gründete sie in Jahre 2000 „Eco Lab (PLC), ein Label für Biokost, Mode und Kosmetik.
Keep it simple!
Obwohl im Falle des „Dairy House“ ein Abriss und entsprechender Neubau bei weitem kostengünstiger ausgefallen wäre, sahen Bauherr und Architektin den Wert des Erhaltens der über die Zeit gewachsenen Gebäudestrukturen. Sensibilität und Fingerspitzengefühl waren erforderlich, damit das Resultat den Anschein einer natürlichen Erweiterung hatte.
Dabei erfuhr der Raum sowohl innen wie außen eine pragmatische Neustrukturierung: Überflüssiges wurde entfernt, ein rückwärtiger zweigeschossiger Anbau hinzugefügt und so Raum für insgesamt fünf Zimmer, drei Bäder und allgemein günstigere Raumproportionen mit viel Licht und Weite geschaffen. Die Gebäudehülle selbst blieb in ihrer äußeren Form einfach und unauffällig: Unauffällig und verschwiegen, so beschreibt auch der Bauherr die einstige Käserei, die ihr eigentliches Geheimnis erst beim Betreten offenbart.
Nachhaltiges Vergnügen
Der originale Badbereich befand sich ursprünglich in einem kleinen Anbau aus Wellblech, der allerdings bedingt durch mangelnde Größe und desolaten Allgemeinzustand nicht zur Restaurierung zu nutzen war. Die neu konzipierten Bäder befinden sich im Obergeschoss des Anbaus und sind jeweils mit großzügigem Waschtisch, Badewanne und einer Dusche ausgestattet. Der Clou: Durch eine Tür im Duschbereich besteht ein direkter Zugang zum 215 Quadratmeter großen beheizten Außenpool, der beiden Bädern vorgelagert ist.
Dieser ist aber weitaus mehr als nur Entspannung und Vergnügen dienlich, denn der Pool steht in Verbindung zu einer Biomasse-Kraftquelle. Benötigtes Warmwasser wird durch das Verbrennen von Holz und anderen biologischen Abfällen gewährleistet, die sich auf dem rund 340 Hektar großen Anwesen ansammeln. In den Sommermonaten dient der Pool als Wärmetauschanlage und sorgt für behagliche Kühle im Inneren des Gebäudes.
In Nachbars Garten
Die Inspirationsquelle für die Konstruktion des Anbaus war mehr zufälliger Natur: auf dem Hof eines Nachbarn lagerte Eichenholz, das zum Trocknen in mehreren Lagen übereinander geschichtet war. Was dabei entstand war ein eigenwilliges Szenario aus Massivität und Dichte sowie Transparenz und Leichtigkeit, bedingt durch die entstandenen Luftzwischenräume. Dieses Wechselspiel an Gegensätzlichkeiten wurde zum Leitmotiv des Entwurfs. Die Firma Pilkington entwickelte in einem speziellen Herstellungsverfahren ein besonderes Float-Glas, das in mehreren Lagen die Zwischenräume der Eichenbohlen ausfüllte. Äußerlich betrachtet wirkt das gesamte Konstrukt einfach und unaufdringlich. Es gewährt weder Einblicke noch entsteht der Eindruck eines Fremdkörpers, der mit dem Bestand konkurriert.
Unterwasserszenarien
Mit Sonnenaufgang werden die Bäder mittels in das Glas einfallender Sonnenstrahlen in ein stimmungsvolles Unterwasserleuchten getaucht. Dabei fungieren die einzelnen Glaslagen wie Prismen und projezieren wässrig grüne Rauten an Decken und Wände. Dieser Effekt verdoppelt sich insbesondere am frühen Morgen, wenn die Strahlen auf die Wasseroberfläche des Pools treffen und kleine Wellen aus Licht im Inneren der Bäder zu tanzen beginnen. Dabei haben die aquamarin funkelnden Lichter einen weichen und zugleich meditativen Effekt: Nuancen in Blau und Grün spenden augenblickliches Wohlbefinden und lassen Entspannen. Das Spiel aus Ebbe und Flut der immer wieder neu eintretenden Sonnenstrahlen ist durchaus vergleichbar mit einer Lichttherapie, die angesammelten Stress auf den unzähligen kleinen Wellen davonträgt.
Den Hausherrn zieht es nach eigener Aussage überwiegend an Wochenenden in das „Dairy House“: Nach Dinner und einer guten Flasche Wein sei es mittlerweile zu einem Ritual geworden bei Mondschein ein wohltuendes Bad im Pool zu nehmen. In diesen Momenten führe er sich den eigentlichen Luxus dieses Ortes immer wieder vor Augen: die Ruhe.
Jedoch auch letztere währt nicht ewig, denn immer häufiger kommen nun auch seine Kinder mitsamt Freunden hierher, um in den frühen Morgenstunden übermütig in den Pool zu springen: Das Bedürfnis nach Zerstreuung sieht eben bei jedem etwas anders aus.
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