Autor: Katharina Horstmann
Sind es Leuchtskulpturen, die an Konstruktionen aus Fritz Langs Metropolis erinnern – oder überdimensionale Korbgeflechte, die den geläufigen Maßstab ins Wanken bringen und die Größenordnung in Frage stellen? Das von dem spanischen Architekturbüro ch+qs gestaltete Filmzentrum Cineteca im Süden Madrids lässt der Phantasie ihren freien Lauf und betreibt mit seinen kaum erfassbaren Räumen ein Spiel aus Licht und Schatten, Zwei- und Dreidimensionalität.
Der Film Matador von 1986 gehört zu Pedro Almodòvars frühen Meisterwerken; für seinen Drehort, das ehemalige Schlachthaus Matadero und den Viehmarkt Mercado de Ganadas im Südmadrider Stadtteil Legazpi, mag es der letzte große Film gewesen sein, der dort aufgenommen wurde. Der Anfang des 20. Jahrhunderts erbaute Komplex diente bis in die 1970er Jahre hinein seinem ursprünglichen Zweck. Danach stand er lange Zeit leer und wurde nur hin und wieder für Filmprojekte, insbesondere als Schauplatz für Kriegsfilme, genutzt. In den vergangenen Jahren wurde die Anlage nach und nach zu einem Kulturzentrum umgebaut, zunächst als Standort für das spanische Nationalballett und die Nationale Tanzkompanie, später auch für Design-, Kunst- sowie Musikzentren und nun durch die spanischen Architekten Josemaría de Churtichaga und Cayetana de la Quadra-Salcedo des Büros ch+qs für die Cineteca, ein Ort für Dokumentations- und Experimentalfilme.
Das magische Hintergrundlicht
Für die Renovierung bedienten sich die Architekten bei drei Inspirationsquellen: der Unendlichkeit der Geometrie, einer kindlichen Faszination für die Kunst des Korbgeflechts sowie einer Malereitechnik. Bei letzter handelt es sich um ein magisches Hintergrundlicht wie es bei Rembrandts Geschlachteter Ochse zu finden ist, einem Gemälde, das den aufgebrochenen Kadaver eines Ochsen zeigt; dahinter bilden vollkommen glatte schwarze und leuchtend gelbe Farbflächen einen engen und doch unbestimmbaren Raum und schaffen einen dramatischen Effekt. Zudem war Josemaría de Churtichaga und Cayetana de la Quadra-Salcedos gestalterischer Anspruch, die ursprüngliche Architektur so wenig wie möglich zu verändern. Die Fassade und Klinkerwände mit ihren Unregelmäßigkeiten sollten soweit es ging in die Umgestaltung integriert werden.
Die Kunst des Korbgeflechts
Heute beherbergt der zweigeschossige Gebäudeabschnitt ein Filmarchiv, ein Film- und Fernsehstudio, Büros, zwei Kinosäle, ein Freilichtkino und eine Bar, die voneinander separierte Eingänge haben und nur teilweise miteinander verbunden sind. Im linken Gebäudeteil befindet sich das Filmarchiv, das rund 7.000 Dokumentarfilme des internationalen Filmfestivals Documenta Madrid umfasst. Wer es zum ersten Mal betritt, mag überrascht sein: Wände, Böden und Decke sind mit dunkelgrauen, fast schwarz wirkenden Kiefernholzleisten verkleidet, die eine klare Unterscheidung zum alten Mauernwerk des Schlachthofes schaffen. Sie bilden eine Kulisse für den Protagonisten des schmalen, langen Raums, eine überdimensionale Leuchtstruktur, die mit Schatten und gefiltertem Licht spielt. Sie besteht aus einer Vielzahl von orangefarbigen Industrieschläuchen, die miteinander verwebt und mit eingeflochtenen LEDs versehen sind. Der an Konstruktionen aus Fritz Langs Metropolis erinnernde Entwurf erstreckt sich über drei Etagen: In die oberste, die erste Etage, wächst er hinein und wirkt wie eine übergroße Stehleuchte, die den von dunklen Regalen gesäumten Raum in goldenes Licht wirft. Die mittlere Etage, das Erdgeschoss, nimmt die Struktur fast komplett ein, nur zwei dunkle schmale Gänge umrahmen sie. Von hier aus führt eine schmale Treppe in die untere Etage, die ebenfalls von dunklen Regalen gesäumt wird. Am Ende des Raums steht ein großer dunkler Tisch für einen Mitarbeiter des Archivs. Die Skulptur selbst wirkt hier wie eine gigantische Hängeleuchte.
Die Unendlichkeit der Geometrie
Der Eingang rechts neben dem Archiv führt zu dem Film- und Fernsehstudio und den Büros. Auch hier sind die Räume dunkel gehalten. Das bis zum Dach ausgebaute Studio etwa umfasst dunkelgraue Betonböden; Decke und Wände sind mit schwarzen Akustikpaneelen verkleidet. Danach folgen zwei weitere Eingänge, die zu den Kinosälen führen; über der rechten hängt ein großes Leuchtschild, das Cineteca ausweist. Am Kartenverkauf, einer schlichten langen Rezeption aus grau gestrichenem Holz, vorbei, gelangt der Besucher in einen großen bis unter das Dach ausgebauten und mit natürlichem Tageslicht durchfluteten Raum, dessen Wände die originalen Klinker erkennen lassen. Im Gegensatz zum Archiv wurden sie nur bis zu einer Höhe von rund zwei Metern mit dem dunkelgrau gestrichenen Kiefernholzleisten verkleidet. Boden und Dach sind ebenfalls mit dunklem Holz bedeckt.
Erleuchtetes Konzept
Links verweist ein Flechtwerk aus dunkelgrau lackiertem Stahl zum großen Filmtheater – und gibt einen Vorgeschmack auf das hinter der roten Metalltür zu erwartende: Das Kino ist von dem Geflecht an Wänden und Decke wie von einem überdimensionalen Korb umhüllt, der ähnlich wie im Filmarchiv mit LEDs versehen ist. Geradeaus deutet eine weitere rote Metalltür auf den kleineren Kinosaal hin, auch er wird von einem dunkelgrauen Flechtwerk dominiert. Dieses hängt von der Decke herab und endet etwa eineinhalb Meter über dem grauen Holzboden. Anders als im großen Saal und im Filmarchiv wurden keine LEDs in die Konstruktion „hineingeflochten“. Vielmehr wird indirektes Licht durch lange Lichtleisten geschaffen, die im unteren Teil der Struktur eingebaut sind. Zudem umfasst der Raum große Fenster, die bei Filmende natürliches Licht verströmen und das spielerische Konzept von Josemaría de Churtichaga und Cayetana de la Quadra-Salcedo deutlich erkennen lassen.
Wer nach dem Film die Räumlichkeiten weiterhin genießen möchte, kann dies in der sich im äußersten Teil des Bau untergebrachten Bar, der Cantina, tun. Hier sind noch die meisten Originalcharakteristiken des Gebäudes zu erkennen. Zudem grenzt sie an den großen Innenhof des Bauwerks an, der, wenn nicht als Freilichtkino genutzt, mit Tischen unter freier Luft aufwartet und den Kinobesucher langsam zurück in die Gegenwart holt.
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Projektarchitekten
ch+qs www.chqs.net
Fotograf
Fernando Guerra www.ultimasreportagens.com
Ein weiteres Projekt von ch+qs bei Designlines