Autor: Claudia Simone Hoff
Bequem zurückgelehnt in kuschelweiche Federbetten gebettet einen Film anschauen – das kann man in Luzern. Das wäre an sich noch nichts Besonderes, handelte es sich um ein gewöhnliches TV- oder DVD-Gerät. Aber hier läuft der Film an der Decke des Zimmers ab, denn wie ein barockes Gemälde ergießt sich die Filmszene über den Gast. Erdacht hat sich diesen gestalterischen Clou der französische Architekt und Pritzker-Preisträger Jean Nouvel für das Boutique-Hotel „The Hotel“.
Mitten im Zentrum der kleinen, von Alpen und Vierwaldstättersee eingebetteten Stadt liegt das Hotelprojekt, dessen Bauherrschaft der Schweizer Hotelier und Gastronom Urs Karli übernahm. Mit dem ambitionierten Designprojekt – insgesamt hat das Hotel 25 Suiten und Studios sowie gastronomische Einrichtungen – beauftragte er Jean Nouvel, der zuvor in der Stadt an der Reuss das gigantisch große Kultur- und Kongresszentrum erbaute. Das 1907 errichtete Gebäude, das die erste Hotelfachschule Luzerns, einen Kindergarten, Büros, Wohnungen sowie eine Frauenschule beherbergte, wurde völlig umgestaltet. An der Fassade blieb der helle Sandstein erhalten, neue gerade eingeschnittene Fenster lassen den Bau dennoch modern erscheinen.
Trend zur Individualität
Boutique- und Design-Hotels liegen voll im Trend. Vorbei scheinen die Zeiten als Hyatt, Hilton oder Radisson ihre Gäste mit immergleichen Zimmer-, Bad- und Restaurant-Interieurs locken konnten. Denn jetzt ist Individualität gefragt. Den Unterschied zwischen beiden Konzepten erklärt der Bauherr folgendermaßen: „Gäste vom The Hotel sollen genau wissen, wo sie sind. Sie sollen etwas erleben, wie es zuhause nicht möglich ist und dadurch inspiriert werden.“ Dazu passt Nouvels Architektur-Philosophie ganz besonders, ist der Architekt doch bekannt dafür, dass er für jedes Projekt etwas Neues auslotet, das meist aus der Geschichte und Geografie des jeweiligen Ortes entsteht. Architektur als Wiedererkennungszeichen durch Reproduktion – so wie man es beispielsweise von Zaha Hadid kennt – gibt es bei ihm nicht. Er bemüht sich um eine Architektur des Spezifischen und vermeidet es, immer wieder dieselben Formen oder Materialien zu verwenden.
Speisen à la Nouvel
Betritt man das Hotel – das nachts spektakulär in Regenbogen-Farben illuminiert wird – herrscht Leere. Jedoch kein sterile unangenehme Leere, stattdessen findet sich in dem relativ kleinen Raum ein Empfangstresen, eine Sitzecke und gedeckte Farben. Apropos Farben: Das ausgeklügelte Farbkonzept des Interieurs stammt vom Designer Alain Bony, der schon seit längerem mit Nouvel zusammenarbeitet. Von der Lobby aus sieht man durch eine schmale Glasscheibe das Restaurant „Bam Bou“ mit insgesamt siebzig Sitzplätzen, das um eine Etage nach unten versetzt wurde und zu einem der kulinarischen Hotspots Luzerns avanciert ist. Dort wird dem Gast eine französisch-asiatische Fusion-Küche serviert, die mit vierzehn Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet wurde. Obwohl im Interieur dunkle Farbtöne dominieren, wirkt es dennoch nicht düster. Und zwar deshalb, weil Fenster auf Höhe des Trottoirs viel Tageslicht in den Raum lassen. Wieder zurück in der Lobby führen ein paar Stufen in den Lounge-Bereich des Hotels.
Schlafen mit einem Filmstar
Schlicht gehaltene Korridore in den sieben Etagen führen zu insgesamt 25 Zimmern, die dafür umso aufregender gestaltet sind. Diese bestechen vor allem durch die Filmsequenzen, die an die Decken projiziert wurden. Dabei wurden Szenen aus Filmen von so unterschiedlichen Regisseuren wie Wim Wenders, Peter Greenaway oder David Lynch gewählt. Inspirieren lies sich der Architekt von historischen Deckengemälden in Villen und Palästen. Und auch davon, dass er zwischen dem Beruf des Architekten und Filmregisseurs Parallelen sieht und unter anderem Wim Wenders zu seinen Freunden zählt.
Aber nicht nur diese Deckengemälde machen die Extravaganz der Zimmer aus, Nouvel gestaltete auch die Möbel: Sessel, Nachttische, Schreibtische, Stühle und Betten. Als gemeinsames Gestaltungsmerkmal wurden alle vertikalen Fronten aus Holz, alle horizontalen Fronten aus Chromstahl gefertigt. Sie ergänzen Teakholzböden, dramatisches Lichtdesign und eine gediegene, eher dunkle Atmosphäre, die insbesondere durch die Wahl von Erdtönen hervorgerufen wird. Bei Preisen von bis zu 370 Euro pro Nacht versteht es sich fast von selbst, dass sämtliche Suiten und Studios voll klimatisiert sind und mit Internetanschluss, W-LAN, Flachbildschirm TV & DVD, Telefon und Minibar ausgestattet wurden.
Und nun?
Da bleibt dem Reisenden nur die Qual der Wahl: Möchte er in einem der altehrwürdigen Grand Hotels übernachten, die sich wie Perlen an der Schnur entlang des Vierwaldstätterseeufers aufreihen oder doch lieber avantgardistisch in den Schlaf sinken.
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Projektarchitekt
Ateliers Jean Nouvel www.jeannouvel.fr
Projekt
The Hotel Luzern www.the-hotel.ch
Farbkonzept
Alain Bony www.alainbony.com
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