Autor: Norman Kietzmann
Leicht, flexibel und täglich neu: Das japanische Designbüro Nendo entwickelte für das Modelabel Issey Miyake ein ungewöhnliches „Shop-in-Shop“-Konzept in Tokio. Die Idee: Aus wenigen vorfabrizierten Möbeln entsteht ein veränderliches Einrichtungsprogramm, das zugleich eine prägnante visuelle Identität besitzt. Eine Abkehr von den überdesignten Flagship-Stores der etablierten Modemarken?
Wir erinnern uns: Kurz nach der Jahrtausendwende bestimmten plötzlich zwei Extreme die Welt des Modeshoppings. Auf der einen Seite standen die aufwändig inszenierten Markenarchitekturen, mit denen Labels wie Prada, Dior oder Louis Vuitton an den wichtigen Shoppingadressen eine weithin sichtbare Visitenkarte hinterließen. Auf der anderen Seite konterkarierte das japanische Label Comme des Garçons die „Flagship-Stores“ oder gar „Epi-Center“ (Prada) getauften Super-Boutiquen mit winzigen „Guerilla-Shops“, die leer stehende Geschäfte oder Lagerräume plötzlich zur temporären Modeboutique erklärten. Gefunden haben die Kunden den Weg in die oft versteckten und ohne sichtbare Werbung markierten Geschäfte aber dennoch. Schließlich haben sich die angesagten Adressen in Windeseile herumgesprochen.
Permanenter Wandel
An der Vorstellung, dass eine Modeboutique mit einem aufwändig inszenierten Interieur aufwarten müsse, hat sich bis heute kaum etwas geändert. Mehr noch: Selbst die großen Bekleidungsketten für den Massenmarkt adaptieren in abgewandelter Form die minimalistischen Shop-Konzepte, die von Gucci & Co. in den späten neunziger Jahren lanciert wurden, anstatt nach eigenständigen oder gar unkonventionellen Konzepten zu suchen. Denn widerspricht die Idee eines statischen Innenraumes nicht im Grunde auch dem Prinzip der Mode? Während diese in ihren Farben, Formen und Materialien einem permanenten Wandel unterzogen ist, bleibt die räumliche Umgebung weitgehend unverändert. Sie scheint den Gesetzen der Mode in gewisser Weise sogar im Weg zu stehen.
Flexibles Nutzungskonzept
Wie sich ein Kompromiss aus etabliertem Ladeninterieur und der Spontanität der Guerilla-Stores entwickeln lässt, hat unterdessen das japanische Modelabel Issey Miyake in Tokio gezeigt. Das Interieur, entworfen von Oki Sato und seinem in Tokio und Mailand ansässigen Büro Nendo, verblüfft mit seiner radikalen Einfachheit und vermag dennoch, gezielt Akzente zu setzen. Der Aspekt der Veränderlichkeit wurde hier zum primären Gestaltungsprinzip erklärt. Anstatt feste Installationen vorzunehmen, entwarfen Nendo eine Kollektion aus Tischen, Kleiderständern, Hockern sowie einem freistehenden Spiegel, die so leicht sind, dass sie von einer einzelnen Person frei im Raum bewegt werden können. Das Layout der Geschäfte, die als „Shop-in-Shop“-Filialen in großen Kaufhäusern geplant sind, kann auf diese Weise tagtäglich neu konfiguriert werden.
Das Interieur als Möbel
Gefertigt aus sieben Millimeter dicken, weißen Stahlstäben, geben die mobilen Elemente dem Stand eine ungewohnte Transparenz und Leichtigkeit. Der Blick vermag durch die Metallstäbe hindurchzugehen und läuft dennoch nicht ins Leere. Die diagonale Anordnung der Stäbe erzeugt ein subtiles, grafisches Spiel aus Überschneidungen, das sich mit jeder Position im Raum verändert und ein optisches Vibrieren auslöst. Gleichzeitig zitieren sie das Motiv der metallenen Einkaufskörbe, wie sie in Supermärkten oder Tante-Emma-Läden häufig zu finden sind.
Dynamisches Shopping
Für Nendo waren diese Geschäfte auch konzeptionell ein Vorbild. Schließlich sind in Japan vor allem die kleinen Eckläden einem dynamischen Wandel unterzogen. Nicht nur die Waren wechseln dort täglich, sondern ebenso ihr Standort innerhalb der Geschäfte. Um keinen wertvollen Raum zu verlieren, wird auf Lager verzichtet und die gesamte Verkaufsfläche mit Waren bespielt. Dieses „harmonische Chaos“, wie Oki Sato es bezeichnet, in ein luxuriöses Modekaufhaus zu bringen, scheint gewagt wie nahe liegend zugleich. Vermag dieser Ansatz doch, einen relativ kleinen Standort auf optimale Weise auszunutzen. Die Bestückung der „24“ getauften Boutique folgt ebenso der Idee des Interieurkonzepts: So sollen nicht nur Kleider aus allen Kollektionslinien von Issey Miyake zu erschwinglichen Preisen angeboten werden. Auch steht jedes Kleidungsstück in 20 unterschiedlichen Farben zur Auswahl, die vor dem weißen Hintergrund der Boutique umso mehr zu Geltung kommen.
Aspekt der Veränderlichkeit
Die Boutique als eine Summe interaktiver, leichter Möbel zu denken, die sich in immer neuen Konfigurationen zusammenstellen lassen, könnte durchaus Schule machen. Denn aufgrund der geringen Anschaffungskosten ließen sich gerade für kleine Labels temporäre Lösungen realisieren, ohne auf einen entsprechenden Designstandard für die anspruchsvolle Modekundschaft zu verzichten. Nendo haben mit ihren einfachen, aber gezielten Eingriffen ein Interieurkonzept geschaffen, das in seiner Wirkung sogar viel stärker ist als viele der aufwändig in Szene gesetzte Stände, die sonst die Modeetagen der renommierten Kaufhäuser bevölkern. Wer weiß, vielleicht werden in Zukunft noch viel mehr Geschäfte von sanften Guerillas erobert werden. Die Zeit der schweren Schiffe war gestern.
Zurück