Autor: Julia Bluth, Fotograf: Li Xiaodong
Nur zwei Fahrstunden vom belebten Zentrum Pekings entfernt liegt das beschauliche Dorf Huairou. Trotz der kurzen Distanz ist hier vom Stress der Millionenstadt kaum etwas zu spüren. Dichte Laubwälder locken vor allem im „goldenen Herbst“ zahlreiche Besucher in die Gegend. Auf einem waldigen Hügel unweit des Zentrums befindet sich nun eine neue Attraktion: ein streng kubisches Gebäude, das ganz aus Ästen zu bestehen scheint.
Hinter der so organisch wirkenden Fassade versteckt sich die kürzlich fertiggestellte Bibliothek, die sich harmonisch in ihr natürliches Umfeld einfügt. Die verantwortlich zeichnenden Architekten von Lixiaodong Atelier wählten das etwas dezentral gelegene Grundstück, um dort inmitten alter Bäume einen Ort der Ruhe und Kontemplation für die Lesenden zu schaffen.
Natürliche Harmonie
Der chinesische Architekt Li Xiaodong, der sein Studium in China und den Niederlanden absolvierte, ist bekannt für seine ebenso umweltorientierten wie klaren Entwürfe. Neben den klimatischen und kulturellen Bedingungen versucht er, die eigentliche Essenz des Standorts zu erfassen. Angesichts der spektakulär schönen Landschaft Huairous wollte er vermeiden, den Neubau in optische Konkurrenz mit seinem Umfeld zu setzen. Er suchte nach einem geeigneten Weg, das Gebäude dem Charakter der Umgebung anzupassen.
Bei seiner Analyse traditioneller Baumaterialien und Charakteristika der Region stieß er auf eine Gemeinsamkeit: Viele Bewohner Huairous befeuern ihre Kochstelle noch mit Holz und stapeln das aus gesammelten Zweigen bestehende Brennmaterial dekorativ entlang ihrer Hauswände. Die Architekten beschlossen, dieses regionaltypische Material zu nutzen, um die neue Fassade damit zu verkleiden.
Lichte Lesestube
Herausgekommen ist ein einstöckiger Holzrahmenbau, der zu allen Seiten – bis hin zur Decke – verglast wurde. Der tragende Holzrahmen ist umschlossen von einer vorgesetzten Fassadenstruktur, die mit unzähligen, in Reihen gesetzten Brennholz-Zweigen verkleidet wurde. So entsteht trotz der Verwendung organischen und entsprechend unregelmäßigen Materials eine starke Symmetrie, die dem Baukörper eine klare Struktur verleiht. Das Sonnenlicht fällt durch die schmalen Zwischenräume der aufgereihten Zweige und erfüllt den Innenraum mit angenehmer Helligkeit.
Für die Besucher der Bibliothek ist so in jedem Bereich des 175 Quadratmeter großen Raums genug Licht, um ein Buch aufzuschlagen – ohne beim Lesen geblendet zu werden oder ins Schwitzen zu geraten. Auch eine Ergänzung durch Kunstlicht wird durch die große Menge an Tageslicht beinahe hinfällig. Die tanzenden Schatten der vielen Zweige werfen ein geometrisches und bewegtes Muster auf Boden und Wände.
Die kontemplative Atmosphäre wird durch den geschickten Aufbau des Raums noch unterstützt: Hölzerne Böden, Treppen und Bücherregale ergeben verschiedene Ebenen und Sitzgelegenheiten, an denen die Besucher Ruhe und Konzentration finden können. Der warme Holzton und die überall platzierten Sitzkissen sorgen für Behaglichkeit, während der Blick nach draußen die Schönheit der umliegenden Landschaft offenbart: Selbst ein bekennender Nichtleser sollte hier zum passionierten Bücherwurm werden.
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