Autor: Norman Kietzmann
Am Luganer See realisierte die Schweizer Architektin Caterina Hörtig ein wohlproportioniertes Haus aus Sichtbeton. Um den Höhenunterschied des steilen Baugrunds zu überwinden, entstand ein plastischer Baukörper, der Garage und Wohnraum grazil ausbalanciert.
Allein die Auffahrt entwickelt filmreife Qualitäten: Als steile Kurve schmiegt sie sich an den Hang von Vico Mocorte und lässt den Blick auf den Luganer Sees gezielt zur Geltung kommen. Umgeben von üppigen Palmen, wirkt die Schweiz im Tessin weit mediterraner als ihr italienisches Gegenüber südlich der Grenze.
Zwischen Tag und Nacht
So eindrucksvoll die Aussicht beim Betreten des Grundstücks inszeniert wird, rückt das Gebäude selbst fast unscheinbar an den Hang. Statt einer kompakten Box entwarf die Schweizer Architektin Caterina Hörtig, deren Büro nur einen Steinwurf weit in Richtung Tal entfernt liegt, einen plastisch geformten Baukörper. Den Auftakt nimmt dieser über die Einfahrt zur Garage, die sich als umgekehrter, u-förmiger Bogen im Erdgeschoss selbstbewusst aus dem Berg herausschält und für die darüber liegende Etage einen Balkon bildet.
Der Aufbau des Hauses vollzieht dabei eine klare Trennung zwischen Tages- und Nachtnutzung. So ist das horizontale Volumen, das sich über die Garage hinweg schiebt, allein den Schlafzimmern der Eltern und der Kinder vorbehalten, während die Wohnräume die darüber liegende Etage bespielen. Auch diese schiebt sich als ein u-fömiger Bogen aus dem Gebäude heraus und schließt als plastisches Pendant mit der Garage bündig ab. Die mittlere Etage der Schlafräume wirkt auf diese Weise wie eine überdimensionale Waage, die die auskragenden Volumen der Garage und des Wohnzimmers gegeneinander ausbalanciert und gleichzeitig in der Topografie des Baugrunds verankert.
Horizontale Insellage
Vor allem im Wohnbereich kommen die Gegensätze der Steillage zur Geltung: Wurde die freistehende, von Norbert Wangen entworfene Küche vor eine geschlossenene Rückwand an die zum Hang ausgerichtete Seite des Wohnzimmers platziert, ist die gegenüberliegende Seite durch eine vollständige Verglasung zum See geöffnet. Selbst das Gewässer, das vor Morcorte einen Bogen zu einem westlichen Seitenarm vollzieht, scheint dem orthogonalen Aufbau des Hauses zu folgen und schiebt sich als ein präzises, horizontales Band vor dem Panorama des Wohnzimmers vorbei. Gesteigert wird dieser Eindruck auf der Terrasse, die den Wohnraum oberhalb der Schlafzimmer ins Freie fortsetzt. Indem der schmale, lang gestreckte Pool gezielt an den Hang platziert wurde, wird die Terrasse inmitten der beiden horizontalen Wasserflächen aus Schwimmbecken und See wie eine Insel umklammert.
Während das Wohnzimmer zur Talseite vollständig verglast wurde und den Blick auf den gegenüberliegenden Berg San Giorgio freigibt, verfügen die Schlafräume über schmale vertikale Fenster. Diese folgen nicht nur einem strengen Raster, das in der Frontansicht des Hauses unweigerlich an die schwarz-weiße Tastenfolge eines Klaviers denken lässt. Ihre Zwischenräume sind zugleich so proportioniert, dass sie auf ihrer gesamten Breite die Blenden der Fenster aufnehmen, die die nach Südosten ausgerichtete Fassade vor dem einfallenden Sonnenlicht schützen.
Mineralische Hülle
Auf Kontraste setzt auch die Materialität des Hauses, dessen Außenhaut vollständig aus Sichtbeton besteht. Caterina Hörtig hat eine Verschalung gewählt, die eine starke hölzerne Maserung auf der Oberfläche des Betons aufweist und dieser eine haptische Qualität verleiht. Der Reiz von Beton liegt in den Augen der Architektin vor allem darin, dass sich das Material mit der Zeit zu verändern vermag und eine monotone Farbigkeit somit verhindert wird. Reagiert das Gebäude mit seiner mineralischen Hülle auf die Rauheit der umliegenden Berge, bringt die mit einem Holzboden ausgestattete Terrasse einen warmen, wohnlichen Aspekt ins Spiel, der sich in den Böden der Innenräume weiter fortsetzt. Trotz der Gegensätze aus kühler Hülle und warmen Innenleben kommt eines nicht zu kurz: der Blick auf die umgebende Landschaft, in die das Gebäude fest verankert ist.
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