Autor: Claudia Simone Hoff
Es gibt Orte, an denen würde wohl jeder gern wohnen. Und das Landhaus, das Hermann Muthesius kurz nach der Jahrhundertwende für den Ingenieur und Fabrikanten Eduard Bernhard in Berlin-Grunewald entwarf, ist ein solcher Ort. Erworben von einem Berliner Kunsthändler, umfassend restauriert und zurückgebaut in ein luxuriöses Einfamilienhaus, erstrahlt es in neuem Glanz. Zu diesem Glanz tragen nicht nur jede Menge Patina, originale Ausstattungsdetails, Kunstwerke und Designklassiker aus den zwanziger und fünfziger Jahren bei, sondern auch das qualitätvolle Küchensystem „b3“ von Bulthaup, mit dem die großzügige Küche mit angeschlossenem Esszimmer ausgestattet ist.
Hermann Muthesius (1861–1927) ist in Berlin kein Unbekannter: Von den über einhundert Häusern, die der streitbare Architekt seit 1904 entworfen hat, stehen noch einige in der deutschen Hauptstadt. Das Haus Bernhard, das mitsamt des Gartens unter Denkmalschutz steht, ist ein Beispiel für die reformierte Landhausarchitektur, die sich um 1905 in Deutschland herausbildete und ein veritables Juwel, was Zustand und Ausstattung betrifft.
Stationen: Berlin, Tokio, London
Muthesius, Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und neben seiner Tätigkeit als Architekt einer der bedeutendsten Wortführer und Theoretiker der Moderne, hatte nach Stationen bei Paul Wallot – dem Erbauer des Berliner Reichstags – sowie im Architekturbüro Ende & Böckmann in Tokio sieben Jahre in London als Technischer- und Kulturattaché verbracht. Dort wurde sein Interesse für die englische Architektur geweckt, aus der sein dreibändiges, schriftstellerisches Hauptwerk „Das englische Landhaus“ entstand, das 1904 erschien und großen Einfluss auf den Architektur- und Gestaltungsdiskurs der Zeit hatte. In dieser Publikation geht er sowohl auf die englische Architekturgeschichte, den Aufbau englischer Landhäuser als auch auf die Gestaltung der Innenarchitektur von Villen und Landhäusern ein.
Kampf um die Gestaltung: turbulente Werkbundjahre
Muthesius hatte maßgeblichen Einfluss auf die ideologische Ausrichtung des Werkbunds: Ihm ging es darum, Qualität und Form von Massenprodukten zu verbessern. Man erinnere sich zurück: Die Zeit um 1900 brachte aufgrund der Industrialisierung und damit einhergehender Massenproduktion gewaltige Umwälzungen mit sich, die nicht nur sozialer, sondern auch intellektueller und gestalterischer Natur waren. Die Auseinandersetzung zwischen Hermann Muthesius und Henry van de Velde auf der Kölner Werkbund-Ausstellung 1914 mag ein Paradebeispiel für die in dieser Zeit herrschenden, polarisierenden Gestaltungsansichten sein und ging als „Typenstreit“ in die Kunstgeschichte ein.
Vereinfacht gesagt ging es bei diesem Streit um die beiden Gegenpole von Typisierung versus Individualisierung. Während van de Velde auf die künstlerische Freiheit pochte, stellte Muthesius zehn Grundsätze auf, nach denen sich deutsche Gestalter – in Zusammenarbeit mit der Industrie – um die gute Form bemühen sollten. Deshalb propagierte er die Typisierung, nur so konnte seiner Meinung nach „wieder ein allgemein geltender, sicherer Geschmack Eingang finden.“ Die Gruppe um van de Velde – mit Walter Gropius und Bruno Taut prominent besetzt – stellte indes zehn Gegenthesen auf, mit denen sie ihre künstlerische Freiheit verteidigen wollte.
Außenansichten: Symmetrie und Geometrie
Auch mit der Villa Bernhard in Berlin-Grunewald blieb Muthesius seinen Gestaltungsprinzipien treu und wandte sich gegen den in dieser Zeit üblichen historischen Eklektizismus in Architektur und Innenausstattung. Architektonisch auffällig sind vor allem das wuchtige Mansardwalmdach des 1905/06 erbauten Hauses sowie der mehrfach gebrochene Mittelgiebel. Die mit einer Rauputzfassade versehene repräsentative Villa öffnet sich zum Garten, der bis zum Zweiten Weltkrieg bedeutend größer war, ehe das Grundstück geteilt und teilweise neu bebaut wurde. Ein durchgehender Balkon, Sprossenfenster sowie Quadtratgitter im Brüstungsbereich bestimmen die Außenansicht des an einem leichten Hang gelegenen Hauses. Diese geometrischen Formen, die auch durch den Verzicht auf schmückendes Beiwerk eine klare Formensprache hervorbringen, setzen sich beim Gartenpavillon und der Einfriedung des Gartens fort und tauchen auch im Innenraum auf.
Innenansichten: großzügig und lichtdurchflutet
Das großbürgerliche Wohngebäude zeichnet sich innen durch großzügig geschnittene, helle Räume aus. Klare Linien, Wandvertäfelungen und individuell gestaltete Decken sind Teil des umfassenden Gestaltungskonzepts. Als der Potsdamer Architekt Robert Quehl das nach dem Zweiten Weltkrieg stark umgestaltete Haus für den Auftraggeber herrichten sollte, stand er vor einer diffizilen Aufgabe und entschied sich für eine Wiederherstellung im Sinne von Muthesius und dem Deutschen Werkbund.
Die Küche: edle Materialien, strenge Linien
Auftraggeber und Architekt haben sich beim Mobiliar für das Küchensystem b3 des deutschen Herstellers Bulthaup entschieden. Es ist platziert in einem Raum, der sich durch einen schönen Grundriss hervortut: Im länglichen Teil wurde ein langgestreckter Monoblock mit Koch- und Wasserstelle sowie einer großen Arbeitsplatte und vielen Stellflächen angeordnet, darüber befindet sich eine Dunstabzugshaube aus Edelstahl. Im dazu quer verlaufenden Raum ist Platz genug für einen großzügigen Essplatz – hier befand sich ehemals das Musikzimmer. Durch einen großen halbrunden Erker mit weißen Sprossenfenstern fällt viel Tageslicht hinein, während man von der Küche aus sogar direkt in den Garten treten kann.
Der Essbereich ist mit einem Eichen-/ Mooreichen-Parkett ausgelegt, das stilistisch mit der Küche korrespondiert, denn der Bauherr wählte für das Küchenmobiliar Fronten aus dem Sonderfurnier Mooreiche und kombinierte diese mit Edelstahl-Oberflächen. Neben dem in der Mitte positionierten Küchenblock ist ein großes hängendes Schrankelement das bestimmende Element der Küchenzone: Hier sind Elektrogeräte und umfangreiche Stauflächen untergebracht, die sämtlich mit Türen verschlossen sind. Die Schrankwand scheint trotz der massiven Anmutung wie schwebend. Dieser Eindruck ist der sogenannten Multifunktionswand von Bulthaup, der konstruktiven Basis der „b3", geschuldet. In diese, vor die eigentliche Hauswand montierte Wand können nicht nur Ober- und Unterschränke, sondern auch Lichtsysteme, Accessoires und sogar eine Sitzbank aus Holz eingehängt werden.
Ein weiteres auffälliges Gestaltungselement des Raums ist das vom aus Halle an der Saale stammenden Künstler Karl Goerlich entworfene Glasmosaik. Es ist direkt mit der Wand verbunden und wölbt sich in den Raum hinein. Da der Küchenfußboden mit dunklem Basalt ausgelegt wurde, anstatt mit Mooreichen-Parkett wie im Esszimmer, ist für eine optische Trennung zwischen den beiden Funktionsbereichen Auf- und Zubereiten sowie Speisen gesorgt.
Im Gartenzimmer des Hauses – mit einer schönen Decke aus farbigen geprägten Metallplatten versehen – kommt ein anderes Möbelstück von Bulthaup zum Einsatz: ein Hochschrank, der frei schwebend in einer Wandnische platziert wurde. Hier wird die Kompetenz des bayerischen Küchenherstellers deutlich, etwas, womit dieser sich seit der Zusammenarbeit mit Otl Aicher zu Beginn der achtziger Jahre hervortut: die Ausweitung der Küche in den Wohnraum und die Entwicklung von Möbeln, die dieser Philosophie gestalterisch entsprechen. Dazu gehört auch, dass Schränke nicht mehr wie reine Küchenschränke anmuten, sondern in ihrer hochwertigen Verarbeitung und Materialwahl jedem Wohnzimmer zu Ehre gereichen. Und so kann der Ordnungsliebende alles darin unterbringen, was in der Küche keinen Platz mehr hat.
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Projektarchitekten
Miethe + Quehl Architekten, Potsdam www.miethe-quehl.de
Projektküche
Bulthaup www.bulthaup.de
Wandmosaik von Karl Goerlich
Cream Contemporary, Berlin www.creamcontemporary.com
Bulthaup-Produkte in den Designlines
Die Küche neu erfinden – Bulthaup ist 60
Hermann Muthesius (1861-1927) – Das Landhaus als kulturgeschichtlicher Entwurf
Publikation von Laurent Stalder www.typografie.co.at