Autor: Katja Neumann
Ob Licht, Helligkeit oder ganz allgemein die Sonne einen positiven Einfluss auf das Lernverhalten haben, ist eine interessante Frage. Der Volksmund scheint dem tendenziell zuzustimmen, betrachtet man Sprichwörter wie „Er ist ein heller Kopf“ oder „Ihm geht ein Licht auf“. In Comics werden plötzliche Ideen gern durch Glühbirnen in Kopfnähe visualisiert und im spirituellen Sinn dreht sich alles um die „Erleuchtung“. Bewiesen ist freilich nichts, doch der Verdacht liegt nahe. Sollte sich nun tatsächlich jemand mit der Absicht tragen, dieses Thema einmal genauer zu beleuchten, dem wäre eine Reise nach Dänemark anzuraten. Besser gesagt, in die Hauptstadt Kopenhagen, denn hier böte sich mit dem neuen Ørestad College der ideale Gegenstand für derartige Untersuchungen.
Die Schule im Süden von Kopenhagen öffnete im Herbst 2007 ihre Pforten und wird ihrer modernen IT-Infrastruktur wegen inzwischen sogar schon „Virtual College“ genannt. Doch nicht nur die Ausstattung ist für das 21. Jahrhundert gewappnet, auch die Philosophie der Schule ist interdisziplinär und auf Offenheit, Flexibilität und Interaktion ausgerichtet. All diese Attribute wurden von den dänischen Architekten von 3XNielsen, kurz 3XN, die sich durch die innovative Gestaltung von Bauten im Bildungs- und Kulturbereich bereits international einen Namen machen konnten, nun
mit dem fünfgeschossigen Schulgebäude in Ørestad architektonisch umgesetzt.
Lebensnahe Umgebung und Stärkung von Kompetenzen
Ausgangspunkt für den Neubau der Schule war zunächst die Erkenntnis, dass die demografische Entwicklung von Kopenhagen einen signifikanten Anstieg in der Gruppe der 16- bis 19-Jährigen aufwies, mit dem Ergebnis, dass die Stadt rund 50 Prozent mehr Bildungsstätten benötigt. Im Jahr 2005 wurden in Dänemark Bildungsreformen beschlossen, die die Kompetenzen der Schüler stärken, besser auf das Studium an einer Universität vorbereiten und den wissenschaftlichen Aspekt forcieren sollen. Diese Ziele sollten bei der Neugründung des Ørestad College gleich zu Anfang berücksichtigt und umgesetzt werden, wobei den Architekten bei der Interpretation größtmöglicher Spielraum gelassen wurde. Fernab von traditionellen Raumaufteilungen orientierten sich die Architekten von 3XN also an den internationalen Tendenzen einer dynamischen und lebensnahen Studienumgebung. Darüber hinaus bestand die Absicht, die Schüler durch die Aufteilung der Räumlichkeiten darin zu bestärken, Verantwortung für das eigene Lernverhalten zu entwickeln, aber auch die Möglichkeit für Teamarbeit offen zu lassen.
Offener Innenraum mit Wendeltreppe als Herzstück
Ausgehend von diesen Voraussetzungen schufen die Architekten einen offenen Innenraum, der von bumerangförmigen Ebenen auf vier Etagen umringt ist, die in Relation zu einander verdreht wurden, ähnlich der Blende einer Kamera. Diese Ebenen sind durch eine große Wendeltreppe miteinander verbunden und bilden so den Grundaufbau und den Rahmen für die offene und interdisziplinäre Ausrichtung. Unterstützt wird der Gedanke auch durch die runden, mit überdimensionalen Schreibtischleuchten und Sitzsäcken ausgestatteten Lernzonen, die offen in den Raum ragen. Ein Umlauf öffnet jede Etage zur großen Treppe hin, die sich vom Boden bis zur Dachterrasse erstreckt und somit den Kern des Gebäudes bildet. Dabei ist sie nicht nur reines Verbindungselement, sondern auch Platz zum Verweilen, sehen und gesehen werden, kurz gesagt, sie fungiert gleichermaßen als Herzstück des Soziallebens der Schule.
Lernen im Sonnenlicht
Dazu dienen auch die Lernzonen, für die eine ganze Reihe neuer Möbel entwickelt wurde, die eine flexible Anordnung des Mobiliars ermöglichen und somit die Voraussetzungen für unterschiedliche Arbeitsszenarien schaffen, vom Einzelarbeiten bis hin zum Teamwork in verschieden großen Gruppen. Dem IT-Anspruch gerecht werdend sind im Ørestad College ausreichend Laptops für alle Schüler vorhanden, mit denen im ganzen Haus kabellos im Internet gesurft oder geforscht werden kann.
Der gesamte Innenraum ist durch die verglaste Fassade angenehm lichtdurchflutet. Runde, transparente Glasschirme lassen das Sonnenlicht punktuell und in verschiedenen Abstufungen in den Innenraum treffen, sodass die Licht- und Schattenwechsel der Tages- und Jahreszeiten sicht- und erfahrbar werden.
In der Regel schließt die Fassade nach außen hin mit den Etagen ab, jedoch ist auf jeder Ebene ein Fassadenteil zurückgesetzt, sodass ein kleiner Außenraum entsteht. Diese Außenbereiche sind miteinander vom Boden bis zum Dach verbunden. Als Sonnenschutz dienen farbige, halbtransparente Jalousien, die in geschlossenem Zustand den Innenraum in dezent farbiges Licht tauchen.
Schulgebäude können also auch anders aussehen, als die gewohnten, funktionalen Betonkästen der Siebziger und Achtziger Jahre, die viele noch aus eigener Erfahrung vor dem inneren Auge haben werden. Ob Licht und Helligkeit einen Einfluss auf das Lernverhalten haben, bleibt abzuwarten. Ohne Zweifel ist jedoch, dass das Licht einen maßgeblichen Einfluss auf das Wohlbefinden hat. Im Kombination mit einer angenehmen Umgebung in bester skandinavischer Tradition könnte das Beispiel aus Ørestad Schule machen. Denn bekanntermaßen hat der Mensch die besten Ideen im Zustand der Entspannung.
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