Autor: Norman Kietzmann
Mit der Stadtbibliothek von Stuttgart hat der südkoreanische Architekt Eun Young Yi sein erstes Großprojekt realisiert. Der würfelförmige Monolith wirkt abstrakt und offenbart seine Funktion erst dann, wenn er betreten wird. Als erstes Gebäude auf dem Gelände des einstigen Güterbahnhofs der Stadt wird die Bibliothek zum Vorboten des zukünftigen Europaviertels.
Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Für staatliche Baumaßnahmen aber ein guter Schnitt. Auch der südkoreanische Architekt Eun Young Yi weiß davon ein Lied zu singen, denn den Wettbewerb für die Stadtbibliothek am Mailänder Platz hatte er 1999 gewonnen. Das Projekt, das unter dem Titel Bibliothek 21 an den Start ging, wurde im Oktober 2011 eröffnet. Eine passable Dauer, mag sich der 56-jährige gedacht haben. Schließlich ist sein Gebäude das erste im neu geplanten Europaviertel und blieb vom Zorn der Wutbürger bislang verschont. Doch besonders einfach macht es auch dieser Bau den Stuttgartern nicht.
Monolithischer Würfel
Als Teil der Planungen von Stuttgart 21 wurde auch die Idee einer neuen Bibliothek in die Welt gesetzt. Konnte sich Christoph Ingenhoven 1997 mit Plänen für einen Bahnhof durchsetzen, der viel Tageslicht über organisch geformte Lichtkegel ins dunkle Erdreich holen soll, könnte Eun Young Yis Bibliothek kaum gegensätzlicher sein. Einen strengen Kubus aus hellgrauem Beton und Glasbausteinen platzierte der Wahl-Kölner auf das Gelände des einstigen Güterbahnhofs der Stadt; ein Kubus, der jeden Ungers-Anhänger zur Ekstase und jeden Ungers-Zweifler in Rage bringt. Ganz zufällig ist die Nähe zum formalen Rationalismus freilich nicht, hatte der im südkoreanischen Daecheon geborene Architekt 19990 im Kölner Büro des Quadrat-Fetischisten gearbeitet.
Dass seine Würfel-Bibliothek derzeit allein auf weiter Flur steht, ist Eun Young Yi nicht anzulasten. Schließlich haben die Proteste gegen den Bahnhofsumbau auch die Planungen des Europa-Viertels aus dem Zeitplan geworfen. Die exponierte Lage als Solitär hat dem Bau in den vergangenen Monaten harte Schelte eingebracht. „Stammheim 2“ sollen die Stuttgarter die Bibliothek bereits getauft haben, die mit ihrer neutralen Hülle jede Spekulation darüber ins Leere laufen lässt, was sich wohl in ihrem Inneren befinden mag. Lediglich ein dezenter Schriftzug über dem Fensterband der achten Etage verrät an jeder Fassadenfront auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Koreanisch die Bestimmung des Baus.
Homogene Hülle
Als wollte er das Innere des Gebäudes beschützen, legte Eun Young Yi auf die Homogenität der Fassade besonderen Wert. Nicht nur die Fenster und Glasbausteine verschmelzen mit dem Tragwerk aus Sichtbeton zu einer Ebene. Auch die Türen, Beschläge und sämtliche Gebäudekommunikation und Zugangskontrollen. An den Nebeneingängen, die ausschließlich den Mitarbeitern der Bibliothek vorbehalten sind, wurden die Videokameras, LED-Leuchten, Displays und Tastenblöcke von Siedle farblich exakt auf die hellgraue Materialität der Fassade abgestimmt. An den vier öffentlichen Eingängen, die jeweils in der Mitte der vier Stirnseiten des Gebäudes angeordnet sind, korrespondieren Kommunikationsanlagen aus gebürstetem Stahl mit den Beschlägen der Türen.
So geschlossen die Fassaden mit einem Raster von neun mal neun Feldern wirken mögen, so überraschend erscheint das Innere mit einem hellen, einladenden und nicht zuletzt auch identitätsstiftenden Raumgefüge. Gewiss, auch hier ist Eun Young Yi dem Quadrat treu geblieben, wenngleich auf weitaus weniger spröde Weise. Wenn die Besucher den Würfel, der zu allen vier Seiten durch einen mittig gelegenen Eingang geöffnet ist, betreten, gelangen sie in ein würfelförmiges Atrium, das vier Stockwerke in die Höhe reicht. In der Mitte der Decke wirft ein quadratisches Fenster Tageslicht in den leeren Raum, der gänzlich ohne Möbel auskommt und entlang der Wände von einem Raster rechteckiger Fenster überzogen wird.
Verdrehte Pyramide
Möchte Eun Young Yi mit dieser Ordnung an das Pantheon in Rom anzuknüpfen, erinnert die fünfgeschossige Freihand-Bibliothek, die sich direkt oberhalb des Atriums anschließt, an eine auf den Kopf gestellte Stufenpyramide. Von Stockwerk zu Stockwerk weitet sich der Raum zu einer gläsernen Decke auf, deren einfallendes Licht die farbigen Buchrücken inmitten des weißen Raums zum Leuchten bringt. So sehr man den Kölner Architekten, der an der Hanyang Universität in Korea sowie der RWTH in Aachen studiert hat, für die Außenwirkung seines Baus auch kritisieren mag:
Mit diesem Raum, der zugleich einen Gegenpol zur dunklen, andächtigen Stimmung des Atriums bildet, entfaltet die Bibliothek tatsächlich atmosphärische Qualitäten. Das gilt ebenso für die zur Fassade ausgerichteten Leseräume, die über rechteckige Fenster und Wände aus Glasbausteinen mit viel Sonnenlicht versorgt werden. Die abweisende Wirkung der Gebäudehülle kehrt sich in diesen Denkkammern um: Der Blick kann frei hinaus in die Umgebung wandern und den vom Lesen erschöpften Augen eine kurze Verschnaufpause gönnen.
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Projektarchitekten
Eun Young Yi www.yiarchitects.com
Projekt
Stadtbibliothek Stuttgart www1.stuttgart.de/stadtbibliothek
Siedle