Autor: Claudia Simone Hoff
Der Name klingt verheißungsvoll: Via Vittorio Veneto. So manch einer mag dabei in Erinnerungen an das süße Leben im Rom der fünfziger und sechziger Jahre schwelgen. Als auf der legendären Prachtstraße noch Stars wie Sophia Loren und Brigitte Bardot flanierten, verfolgt von den ersten Paparazzi, als wilde Parties stiegen und Federico Fellini sich hier Anregungen holte für seinen legendären Film La dolce vita. Inzwischen hat die Via Veneto zwar an Glanz eingebüßt und das süße Leben spielt sich anderswo ab – doch in den pompösen Art-Déco-Palästen, die den berühmten Boulevard säumen, tut man so als wäre nichts gewesen. Italienische Wirtschaftskrise, Berlusconi-Rücktritt und Euro-Entwertung hin oder her, die Luxushotellerie scheint an dieser Prachtmeile zwischen Piazza di Spagna und Villa Borghese zu florieren.
Und das Hotel Boscolo Palace reiht sich ein in diesen Fünf-Sterne-Reigen der Grand Hotels. Ob diese Sterneklassifizierung allerdings immer berechtigt ist und wirklich funktioniert – das sei dahingestellt. Imposant ist das gegenüber der Amerikanischen Botschaft gelegene Hotel mit seinen 87 Zimmern allemal. Dies ist vor allem der opulenten Architektur aus den zwanziger Jahren – als das Boscolo Palace noch Hotel Ambasciatori hieß – geschuldet. Kein Geringerer als der italienische Architekt Marcello Piacentini zeichnet dafür verantwortlich. Unter Mussolini zum „Staatsarchitekten“ avanciert, stammen Entwürfe wie die Città Universitaria, die Via della Conciliazone in Rom und die Umgestaltung des Stadtzentrums von Brescia aus seiner Feder.
Clash der Kulturen
Dass viele unabhängig geführte Fünf-Sterne-Hotels ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, überrascht in Zeiten von straff geführten, auf Effizienz ausgelegten Hotel-Großkonzernen nicht wirklich. Und so hat sich auch die Boscolo-Hotelgruppe – mit immerhin zweiundzwanzig Vier- und Fünf-Sterne-Häusern – einen großen Partner ins Haus geholt. Auch wenn man hier durchaus einen Zusammenprall der Kulturen zu befürchten hat – Italien trifft auf USA – der Deal mit der Marriott-Hotelgruppe hat einiges für sich: Die Amerikaner verleiben sich mit einem speziellen Franchise-System das Boscolo Palace in seine im letzten Jahr lancierte Autograph Collection ein. Und haben damit ein stilvolles Hotel im Portfolio, das so gar nichts zu tun hat mit den sonstigen Ketten-Ungeheuern des Unternehmens und zudem die ambitionierten Expansionspläne in Europa forciert. Während die scheinbar in finanzielle Not geratenen Italiener von der professionellen Vernetzung der Amerikaner profitieren.
Alt versus Neu
Warum diese gerade das Boscolo Palace für ihr Markenkonzept ausgewählt haben, ist schnell ausgemacht: Betritt der Besucher die Eingangshalle des Hotels, kommt er ob der prunkvollen Ausstattung aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das in die Jahre gekommene Interior des Hotels wurde von Italo Rota – der zusammen mit Gae Aulenti auch für die Umgestaltung des Musée d’Orsay in Paris verantwortlich war – komplett überarbeitet und geht nun mit der orginalen und teilweise denkmalgeschützten Bausubstanz eine visuelle Allianz ein. Schöne weiße Stuckdecken und -gesimse, funkelnde Kristalllüster sowie ein glänzender Natursteinboden werden im Entree gepaart mit neu entworfenen Sitzecken und einem Empfangstresen, die stilistisch und farblich an das Art Déco erinnern.
Römische Dekadenz
Von der Lobby aus führt ein schmaler Gang direkt in den Salone Cadorin. Benannt ist der langgestreckte, zur Via Veneto hin ausgerichtete Raum nach dem venezianischen Maler Guido Cadorin, der für das augenfälligste Element des Interiors sorgte und sämtliche Wände bebilderte. Auf den Fresken tummelt sich die High Society Roms zu Beginn des Jahrhunderts. Frauen mit Bubiköpfen und Charleston-Kleidern, Pelzstolen, Perlenketten und Schoßhündchen flirten mit schwarz befrackten Männern und schauen zwischen geschwungenen Säulen hervor, die an den Baldachin von Gian Lorenzo Bernini über dem Hauptaltar von San Pietro erinnern. Die auf den Fresken porträtierten Personen gab es teilweise wirklich: Nicht nur ist mit Margherita Sarfatti die Maitresse des Duce dargestellt, auch die Architekten Giò Ponti und Marcello Piacentini tummeln sich auf den Wandgemälden.
Umgeben von derlei illustren Persönlichkeiten also nimmt der Gast in diesem Raum das Frühstück ein und sitzt auf Stühlen, die zwar niedrig, durch ihre Polsterung aber durchaus komfortabel sind. Entworfen hat sie der auf Hotel-Interiors spezialisierte Designer Giovanni Monzio Campagnoni. Im Salone Cadorin finden bis zu 100 Personen Platz, wohingegen im auf die Zubereitung von Fisch- und Fleischgerichte spezialisierten Restaurant ABC lediglich 25 Personen gleichzeitig bewirtet werden können. Ein paar Stufen schließlich führen hinauf in die Bar, in der die Farbe Rot in Kombination mit Schwarz dominiert.
Frische Luft
Wem dieser Belle-Epoque-Prunk zu viel werden sollte und wer nach frischer Luft schnappen möchte, dem sei die Terrasse des Hotels empfohlen. Auf den wunderbar fragilen, von Emu produzierten Drahtsesseln Re-trouvé der spanischen Designerin Patricia Urquiola kann der Gast beim Glas Champagner oder Spritz am Abend unter einer begrünten Pergola wunderbar nachdenken über amerikanische Hotelkonzerne und was Marketing mit Design und italianità zu tun hat. Oder sich einfach treiben lassen vom nie versiegenden Fluss der Via Veneto.
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Projektdesigner
Studio Italo Rota www.studioitalorota.it
Projekt
Hotel Boscolo Palace, Rom www.autograph-hotels.marriott.com
Möblierung
Giovanni Monzio Campagnoni www.gmcitalia.com
Kochstudio
Boscolo Etoile Academy www.istitutoetoile.it