Autor: Katja Neumann
In den zwanziger Jahren realisierte er die technische Revolution von fast vollständig aus Metall gefertigten Flugzeugen, 1925 erreichte der Polarforscher Roald Amundsen mit dem Flugboot „Wal“ den 88. Breitengrad, 220 Kilometer vom Nordpol entfernt, die „Do X“ ging 1929 als das größte Flugzeug seiner Zeit in die Luftfahrtgeschichte ein und die „Merkur“ flog sieben Weltrekorde – der Flugzeugkonstrukteur Claude Dornier (1884 -1969) war zweifellos ein Pionier der Luftfahrt. Seinen Errungenschaften zu Ehren eröffnete am 23. Juli 2009 das privat finanzierte und von Silvius Dornier initiierte „Dornier Museum“ in Friedrichshafen. Der einem Hangar nachempfundene Neubau der Münchner Architekten Allmann, Sattler, Wappner bietet auf 5000 Quadratmetern einen Einblick in die Geschichte der Luft- und Raumfahrt der letzten 100 Jahre. Das Ausstellungskonzept stammt vom Stuttgarter Atelier Brückner, das gemeinsam mit der Firma Light Design Engineering Belzner Holmes auch die Lichtplanung realisierte.
„Werdet Pioniere“ – dieses Motto steht über dem Eingang des Museums und soll die Besucher gleich zu Beginn darauf einstimmen, sich von dem mutigen Erfindungsgeist Claude Dorniers inspirieren zu lassen. „Jeder Mensch kann ein Pionier sein und seine Verantwortung für die Mitgestaltung der Zukunft übernehmen“, so die offizielle Botschaft des Museumsprojekts. 2004 beschloss Silvius Dornier, dem Lebenswerk seines Vaters ein Museum zu widmen, in der dessen technische Errungenschaften und die Historie des ältesten, deutschen Flugzeugwerks der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein ehrgeiziges Unterfangen, denn zu diesem Zeitpunkt existierte weder ein Geldgeber noch eine Sammlung. Im August 2005 wurde die „Dornier-Stiftung für Luft- und Raumfahrt“ gegründet, im Januar 2006 folgte die Gründung des „Freundes- und Förderkreises Dornier Museum Luft- und Raumfahrt“ . Sechs Monate später war bereits der ausgelobte Architektur-Wettbewerb zum Neubau des Museums entschieden: Die Münchner Architekten Allmann, Sattler, Wappner und das Stuttgarter Atelier Brückner wurden mit der Realisierung des Projekts beauftragt.
Museum in Form eines Hangars
Der Grundriss des Museums ist in Form eines Hangars angelegt. Der luftige, moderne Bau wurde in einem Landschaftspark von rund 25 000 Quadratmetern Größe realisiert und vereinigt Ausstellungsfläche, Flugzeugexponate und Museumsbetrieb unter einem Dach. Mit seinem großflächigen Vorfeld hat das Museum an beiden Seiten eine direkte Anbindung an das Rollfeld des Flughafens von Friedrichshafen, sodass auch Flugschauen mit den historischen und überwiegend noch funktionstüchtigen Flugzeuge veranstaltet werden können. Das Gebäude selbst besteht aus einer robusten Stahlkonstruktion und Polycarbonatplatten, die silbrig schimmernde Wandverkleidung des Gebäudes vermittelt zudem einen bewusst sachlich-technischen Charakter. Die Außenbeleuchtung lebt vor allem von der illuminierten Fassade. Während an der Nordseite das auskragende Dach betont und eine sanfte Lichtstimmung über die transluzente Fassade von innen nach außen transportiert wird, ist die Südseite des Gebäudes großflächig durch farbige LEDs beleuchtet.
Lichtkunst von James Turrell
Schon bald wird sich das Gebäude in den Abend- und Nachtstunden jedoch in ein echtes Kunstwerk verwandeln: ab Mitte Oktober wird die Fassade an der Südseite mit einer eigens angefertigten Lichtinstallation des Lichtkünstlers James Turrell bespielt werden. Zurzeit wird das Gebäude in der Dunkelheit noch mit fünf Standbildern illuminiert, die mit James Turrell abgestimmt und von seinem Team programmiert wurden. Diese geben bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das Kunstwerk, das ab Herbst zu sehen sein wird. So viel sei gesagt: Die dynamische Fassadenbeleuchtung am „Dornier Museum“ wird eine der größten, öffentlich zugänglichen Außeninstallationen Turrells werden.
Der erfolgreiche und international renommierte Lichtkünstler kann bei diesem Projekt gleich zwei seiner Passionen vereinen: das Licht und das Fliegen. Selbst leidenschaftlicher Flieger und Sammler historischer Flugzeuge ergab sich der erste Kontakt zwischen Turrell und Dornier schließlich dadurch, dass James Turrell nach einer „Do 27“ für seine Sammlung suchte.
Parcours durch 100 Jahre Luft- und Raumfahrt
Beim Ausstellungskonzept stellte sich zunächst die Frage, wie die sehr unterschiedlichen Exponate sinnvoll zusammengeführt werden könnten: Neben zwölf Originalflugzeugen mussten auch die 400 weiteren, oftmals kleinteiligen Ausstellungsstücke, wie Dorniers Aufzeichnungen, Akten oder Fotos zur Geltung kommen. Multimediale Inhalte sollten ebenfalls Platz finden.
So inszenierte das Team von Atelier Brückner einen Parcours, der durch die drei Museumsbereiche Hangar, Galerie und „Museumsbox“ führt. In letztere gelangt der Besucher zunächst über das lichtdurchflutete Foyer des Museums. Von hier aus erhält er Zugang zur sogenannten „Museumsbox“, einem hellen Ausstellungskubus, der scheinbar frei schwebend im Hangar hängt. In einem Rundgang werden die Geschichte des Dornier Konzerns und die Entwicklung der Luft- und Raumfahrt der vergangenen 100 Jahre dargestellt, eingerahmt von hinterleuchteten Großgrafiken mit Porträts von historischen Flugzeugpionieren.
Anschließend wird der Besucher ins Obergeschoss geleitet, wo ihn eine raumfüllende 270 Grad-Bespielung empfängt, die einen Überblick über die Firma Dornier im Wandel der Zeit gibt. Rund um diesen rechteckigen Raum sind die einzelnen Zeitabschnitte in chronologischer Reihenfolge näher vorgestellt. Der Wandel der Zeit- und Firmengeschichte drückt sich in den insgesamt zehn Raumeinheiten durch eine jeweils veränderte Gestaltung der Räume aus. Zur Raumtrennung sind großformatige Rahmenelemente mit Glasfonds eingesetzt, die quasi einen Durchblick durch die verschiedenen Zeitabschnitte ermöglichen. Auf Knopfdruck wird der Fond schließlich zur Leinwand und die Raumeinheit ist mit Bildern aus der jeweiligen Zeit umschlossen – man befindet sich nun im sogenannten „Epochenraum“.
Schließlich betritt der Besucher die Galerie des Hangars, die an den technischen Hintergrund heran führt, dargestellt durch einzelne Ausstellungsstücke und über individuell gestaltete Infostationen. Hier ist auch der bekannte „Nierenlithotripter“ zu sehen: Das in der Medizin vielfach eingesetzte Gerät zur nicht-operativen Entfernung von Nierensteinen basiert auf Stoßwellen und zeigt auf, wie eine Technologie aus der Luftfahrt in der Medizintechnik zum Einsatz kommen kann.
Originalflugzeuge aus nächster Nähe
Herzstück des Museums ist jedoch sicher der Hangar, in dem zwölf Originalflugzeuge von Claude Dornier, ein Nachbau der berühmten „Merkur“ sowie sieben Originalexponate aus der Raumfahrt zu bewundern sind. Hier wurde eine flexible Beleuchtung, bestehend aus zwei Systemen, gewählt. Eine Grundbeleuchtung, die je nach Nutzungsanforderung zuschaltbar und dimmbar ist, sowie eine Akzentbeleuchtung, die individuell programmiert werden kann. So können unterschiedliche Lichtszenarien kreiert werden: von einer Akzentuierung der Exponate bei Tag bis hin zu einer stimmungsvollen Nachtbespielung, wenn der Hangar beispielsweise als Eventfläche genutzt wird.
Im Hangar können sich die Besucher frei zwischen den überwiegend noch flugfähigen Flugzeugen bewegen und die Klassiker aus nächster Nähe bewundern. Vermissen werden Kenner jedoch die legendäre „Dornier Wal“, ein Wasserflugzeug, von dem lediglich drei Stück gebaut wurden. Vor der Küste Marokkos soll nach einem Wrack dieses Flugzeuges gesucht werden, sodass es geborgen und möglicherweise irgendwann doch noch ins Museum nach Friedrichshafen transportiert werden kann.
Geschichtliche Aufarbeitung
Die Errungenschaften Claude Dorniers für die Luftfahrt sind zweifellos enorm: Als Sohn deutsch-französischer Eltern begann seine Karriere 1910 bei der Firma Luftschiffbau Zeppelin. Bereits 1912 ließ er sich seine Entwicklung der „Drehbaren Lagerhalle für Luftschiffe“ patentieren. Mit seiner „Abteilung Do.“ agierte er für das Zeppelin Werk in Lindau, später als Dornier Metallbauten mit Sitz in Friedrichshafen und ab 1932 schließlich als eigenständige Firma, die mit zahlreichen Neuentwicklungen für internationale Anerkennung sorgte. Dennoch ist Dorniers Rolle als Produzent für Militärflugzeuge im Dritten Reich umstritten – bei der Entnazifizierung nach Kriegsende stuften ihn die Briten als „entlastet“, die Franzosen dagegen als „Mitläufer“ ein. Der damalige Wehrwirtschaftsführer Dornier fertigte zwar zunächst in erster Linie zivile Produkte und trat erst 1940 in die NSDAP ein. Doch beteiligte er sich zum Höhepunkt des Krieges im großen Stil an der Produktion von Kampfflugzeugen und das unter Einsatz von Zwangsarbeitern. „Für mich war es bedrückend, mich mit diesem Thema zu befassen“, so Cornelius Dornier, Enkel von Claude Dornier und Projektleiter des Dornier Museums in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Aber es war mir sehr wichtig, diese Zeit objektiv aufzuarbeiten und ihr ein bedeutsames Kapitel im Museum zu widmen.“ So gibt es einen Ausstellungsbereich, der die Kriegsjahre beleuchtet. Hier sind Tonbandaufnahmen zu hören, in der Zwangsarbeiter der Firma Dornier zu Wort kommen, Wandtexte informieren über die elenden Arbeitsbedingungen in den Rüstungsbetrieben.
Schwerpunkt der Ausstellung bleibt aber die technische Vorreiterrolle Claude Dorniers. Das Museum möchte zu mutigen Ideen inspirieren und den Pioniergeist eines jeden Besuchers wecken. „Mein Traum wäre, dass irgendwann jemand zu mir kommt und sagt: ,Ich war im Museum, und das hat mich bei meiner Berufswahl inspiriert‘“, resümiert Cornelius Dornier gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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