Autor: May-Britt Frank
Seit Jahren gehören Medienwände mit Botschaften aus Kunst und Werbewirtschaft zum Erscheinungsbild der internationalen Metropolen. Neben günstigen aber lichtschwachen Auf-Projektionen werden dabei zunehmend Displayfassaden mit LED Technologie eingesetzt. Welche Blüten dieser Trend zur medialen Bespielung der öffentlichen Räume in Zukunft treiben könnte, war bei der beeindruckenden Eröffnungsshow zur Fussball-WM 2006 in Frankfurt am Main zu sehen. Hier wurden, in Kombination mit einer eindrucksvollen Licht- und Soundshow, Bilder aus vergangenen Weltmeisterschaften gleich auf acht Hochhäuser projiziert. Und seit Mai zeigt das Gebäude des Versicherungsunternehmens Uniqa in Wien nun eine Lichtinstallation der besonderen Art: Nicht eine Fassade, sondern der gesamte dreidimensionale Baukörper bildet die Projektionshaut für das leuchtende Spektakel.
Im Unterschied zu Projektionswänden und überdimensionalen LED-Displays, die sich wenig in die Oberfläche der Gebäude einfügen, bilden Leuchtmittelfassaden generell eine stärkere Einheit mit dem architektonischen Baukörper. In Rotterdam integrierte das niederländische Telekommunikationsunternehmen KPN bereits vor sechs Jahren auf 3000 qm Fassade ihres Firmengebäudes eine riesige animierte Lichtwand aus Planon® (Osram). Die 900 einzeln ansteuerbaren Flachstrahler bildeten einen riesigen monochromen Bildschirm, auf dem stehende und bewegte Bilder erzeugt werden können. Zum Anlass seines zwanzigjährigen Bestehens entwickelte der Chaos Computer Club vor etwa fünf Jahren eine damals einzigartige interaktive Lichtinstallation in den Räumen des Haus des Lehrers am Alexanderplatz in Berlin. Einem Computer Display nachempfunden wurde die Fensterfront in eine Matrix von 8 x 18 Pixeln - das entspricht 144 Bildpunkten - umgewandelt und Animationen sowie SMS Botschaften auf dem monochromen Bildschirm abgespielt. Seither kommen Medienfassaden zunehmend in Mode. Die Berliner Medien-Agentur realtities:united präsentiert derzeit am Potsdamer Platz auf der Fassade eines Bürogebäudes der Architekten Schweger und Partner Animationen und Filme von Videokünstlern.
Dreidimensionale Medienfassade in Wien
Die Einweihung der dauerhaft installierten Medienfassade des führenden österreichischen Versicherers Uniqa im Mai 2006 in Wien setzte der Entwicklung jedoch neue Maßstäbe. Erstmalig wurde die gesamte Kubatur und nicht nur eine einzelne Gebäudeseite zur Projektionsfläche erhoben. Das in Köln und Berlin ansässige Büro LichtKunstLicht entwickelte für den Auftraggeber eine aufwendige Lichtinstallation, die vor Witterungseinflüssen geschützt im Innern der zwanzigstöckigen Doppelfassade angebracht wurde. Die in LED-Stelen (Größe 40 cm x 200 cm) zusammengefassten Bildpunktmodule docken dabei in dem etwa 40 cm breiten Zwischenraum an die Aluminiumprofile der raumhohen Fenstermodule an. Das System arbeitet auf herkömmlicher Videokomponentenbasis (25 Bilder pro Sekunde) und macht damit die gesamte Fassade in Videoqualität bespielbar. Durch die Integration aller notwendigen technischen Komponenten in die Fassadenabwicklung wird die Installation im ausgeschalteten Zustand von außen nicht wahrgenommen. Über 40.000 einzeln ansteuerbare Bildpunkte wurden dafür von dem belgischen Elektronikunternehmen Barco produziert. Die LED-Matrix ummantelt das gesamte Gebäude mit einer Gesamtfläche von 7000 qm.
Doch nicht die Größe, sondern vor allem das Einbeziehen der gesamten Oberfläche des Uniqa Towers in die visuelle Gestaltung bildet die Besonderheit der Installation. Die Herausforderung für die Medienkünstler Holger Mader, Alexander Stublic und Heike Wiermann (Karlsruhe, Berlin) bestand also darin, das Gebäude in seiner gesamten Ausprägung zu thematisieren. Nicht die zweidimensionale Fläche einer Fassade, sondern der dreidimensionale Baukörper, bestehend aus mehreren aneinander stoßenden Flächen und Rundungen, bildet demnach die Projektionshaut für die zwölf Minuten dauernde Animation. Im Unterschied zum autonomen Medium Film, das auf beinahe jede plane Fläche projiziert werden kann, funktioniert die Animation von Mader Stublic Wiermann nur in Auseinandersetzung mit dem Bau- und dem Stadtkörper. Basierend auf der gebauten Wirklichkeit entstand eine dynamische Bilderwelt, eine Abfolge von Linien und geometrischen Rastern, die von der Struktur des Gebäudes inspiriert wurden, jedoch im Betrieb zu jedem Zeitpunkt eine eigene Interpretation des Raumes liefern. „Auf einem anderen Gebäude müsste zwangsläufig ein ganz anderer Film laufen“, so Alexander Stublic.
Entstanden sind zwölf Minuten Film, die auf faszinierende Weise phantastisch anmutende Räume aus dem Dunkeln heraus entstehen lassen, deren Volumen sich ändern, sich verzerren, biegen, de-konstruieren und schließlich das Gebäude wieder in seiner ursprünglichen Form sichtbar werden lassen. Sehen und bestaunen kann man diese einmalige Medieninstallation in Wien während der Dämmerung und den frühen Abendstunden.
Zurück