Autor: Julia Bluth, Fotograf: David Frutos
Brauchen Städte architektonische Wahrzeichen? Nicht nur die meisten Lokalpolitiker würden diese Frage sicherlich mit „ja“ beantworten. Wie sieht es jedoch mit Dörfern aus? Im spanischen 2000-Seelen-Ort Algueña war man sich einig: Das neue Konzert- und Kulturzentrum sollte ein modernes Markenzeichen inmitten der landwirtschaftlich geprägten Region werden. Die Architekten von Cor & Asociados aus Alicante kamen diesem Wunsch nach und schufen einen schillernden Blickfang zwischen Marmorbruch und Mandelhain.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind die finanziellen Mittel für architektonische Ikonen knapp bemessen – umso mehr, wenn es um die Aufwertung eher abgeschiedener und wenig touristischer Landstriche geht. So beschlossen die Architekten im Fall von Algueña, das seit Jahren leerstehende, ehemalige Quartier der Guardia Civil in ihre Planung einzubeziehen und an die Stelle großer baulicher Gesten das subtile Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung zu setzen.
Schillernde Keramik
Der U-förmige Gebäudekomplex der Polizeistation aus den sechziger Jahren wurde durch einen kubischen Baukörper ergänzt, der als Multifunktionshalle dient. In der Form bewusst einfach gehalten, besticht der Neubau vor allem durch seine auffällige Umhüllung: Die fensterlose Fassade ist mit Ausnahme zweier gläserner Portale durchgehend mit perlmuttfarbenen Keramikfliesen versehen, die ein schillerndes Abbild der Umgebung zeigen. Der starre Baukörper ändert auf diese Weise seine Farbigkeit den herrschenden Lichtverhältnissen entsprechend und wirkt vibrierend beweglich.
Bei den beschichteten Keramikfliesen handelt es sich um eine Spezialanfertigung nach den Wünschen der Architekten. Sie hatten eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das Licht in all seinen Facetten eingefangen werden sollte. Die Platten bestehen aus einer frostresistenten Porzellanbasis, die dreimal trocken gepresst und ebenso häufig gebrannt wurde: zunächst bei 950 °C, anschließend bei 1180 °C zur Erhärtung des weißen Decklacks und zu guter Letzt bei 780 °C, um den schimmernden Perlmutteffekt zu erzielen.
Im Inneren der Perle
Der Raum hinter der fensterlosen Fassade ist von überraschender Helligkeit. Über Decke und Wände reichende Lichtbänder ziehen sich quer durch das gesamte Gebäude und bewirken grafische Effekte aus Licht und Schatten. So wie die Architekten im Außenbereich gekonnt mit den Möglichkeiten des natürlichen Tageslichts spielen, bewirken sie im Innenbereich anhand des durchdachten Beleuchtungskonzepts ein Gefühl von Weitläufigkeit.
Der alte Gebäudetrakt ist mit der neuen Veranstaltungshalle über zwei gläserne Treppenhäuser verbunden, die dem Zusammentreffen von Alt und Neu Leichtigkeit und Transparenz verleihen. Die 350 Quadratmeter große Halle bietet Platz für 230 Sitze und für die unterschiedlichen Veranstaltungen des Dorfes: von der Chor- und Bandprobe über die Kurse der Tanzgruppe bis hin zu großen Konzerten. Da Algueña wie die gesamte Region Alicante über eine lange und leidenschaftlich gepflegte musikalische Tradition verfügt, ist für die konstante Auslastung des neuen Veranstaltungsortes gesorgt.
Fenster zur Kunst
Alte Gebäude atmen Geschichte und die ehemalige Polizeistation verkörpert viele Erinnerungen, die gerne vergessen werden wollen. Cor & Asociados suchten also einen Weg, das neue kulturelle Herz von Algueña nicht mit dem kollektiven Gedächtnis des Ortes zu belasten. Zu diesem Zweck organisierten sie noch während der Bauphase die öffentliche Kunstaktion „Sechzig Blicke“. Einen Tag lang versahen 60 Künstler alle vorhandenen Fenster- und Türleibungen mit ihren malerischen Werken. Im Beisein von über 500 Menschen verwandelten sie so den Blick aus alten Fenstern in eine farbenfrohe Zukunftsvision.
In der ländlichen, erdigen Umgebung wirkt das kürzlich fertiggestellte Kulturzentrum beinahe wie eine Fata Morgana. Wenn sich an einem sonnigen Tag weiße Schäfchenwolken in der Fassade spiegeln und die Grenzen zwischen Realität und Abbild verschwimmen, fühlt man sich unweigerlich an ein surreales Gemälde von Magritte erinnert.
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