Autor: Julia Bluth
Im malerischen Tessin, am nördlichen Ufer des Lago Maggiore, liegt die kleine Gemeinde Gordola. Die reinste Idylle, sollte man meinen, doch neben seinem mittelalterlichen Stadtkern verfügt der Ort – wie so viele Städte der Gegenwart – über eine wenig ansprechende Peripherie. Nachkriegsarchitektur, Einkaufszentren und industrielle Zweckbauten prägen das trostlose Bild. Einen architektonischen Hoffnungsschimmer gibt es jedoch: In der Sonne funkelt der verzinkte Neubau des Berufsbildungszentrums der Schweizerischen Gesellschaft der Bauunternehmer SSIC.
Untergebracht in einem alten Gebäudekomplex aus den siebziger Jahren, benötigte das Berufsbildungszentrum im neuen Jahrtausend dringend eine bauliche Erweiterung, um Platz für neue Werkstätten zu schaffen. Der im Überschwemmungsgebiet des Sees gelegene Campus war jedoch aufgrund der häufigen Überflutungen kein einfaches Bauland, so dass die schweizerische Gesellschaft im Jahr 2004 beschloss, einen internationalen Wettbewerb auszuschreiben. Gewonnen hat der Entwurf der Architekten Pia Durisch und Aldo Nolli aus Massagno, die mit einem modernen Pfahlbau überzeugten.
Nordlicht für die Werkbank
„Wie eine Werkbank, auf die das Werkstück gestellt ist,“ beschreiben die beiden Architekten den auf der erhöhten Plattform ruhenden Baukörper. Überhaupt spiegelt das Gebäude in der Wahl der Materialien sowie in seiner Formensprache die Berufswahl und handwerkliche Tätigkeit der werdenden Haustechniker, Holz- und Metallbauer. Während die Tragstruktur der um zwei Meter erhöhten Plattform in schlichtem und zweckmäßigem Sichtbeton gehalten ist, befinden sich die Werkstätten und Klassenräume in einer Stahlkonstruktion mit innerer Verkleidung aus Leichtmetall, die die Last auf die Plattform auf ein Minimum begrenzt. Die Fassade wurde mit einer dünnen Edelstahlhaut verkleidet, die das Lehrgebäude im wechselnden Licht des Tages glänzen und schimmern lässt.
Die Form des etwa 140 Meter langen Gebäudes wird durch die insgesamt 41 Sheddächer geprägt. Wie die funkelnden Zacken einer Kreissäge reihen sich die spitzen Dächer gleichförmig aneinander und verleihen dem Schulgebäude das Aussehen einer Fabrik. Die industrielle Optik sowie die flexible Funktionalität der Räumlichkeiten entspricht den späteren Arbeitsstätten der Schüler und soll sie auf ihr kommendes Berufsleben vorbereiten. Da die nach Norden ausgerichteten Dachaufbauten verglast wurden, ist optimales Licht zum Lernen und Werken gewährleistet. Die klare Helligkeit und die introvertierten Arbeitsbereiche sollen sich positiv auf die Konzentration auswirken und das neue Schulungsgebäude zu einer „Lernfabrik“ im positiven Sinne machen. Nur wenige quadratische Fenster lassen zusätzliches Licht hinein und ermöglichen den Ausblick über die grünen Hügel der Umgebung.
Die Fassade und Bedachung wurden von innen mit einem Kassettensystem ausgekleidet, dessen perforierte Deckenflächen für eine angemessene Akustik in den Werkstätten und Unterrichtsräumen der oberen Ebene sorgen. Die drei zweigeschossigen Bereiche wurden auf der unteren Ebene als massiver Betonbau ausgeführt und im oberen Teil ebenso leicht gehalten wie der Rest des Gebäuderiegels. Gläserne Trennwände unter der stützenfreien Stahlkonstruktion des Daches lassen das Licht durch alle Räume wandern und von den glänzenden Metall- und Betonflächen zurückscheinen.
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