Autor: Tanja Pabelick
Mit gängigen Bollywood-Klischees hat dieser Bar- und Restaurant-Komplex im Zentrum der indischen Filmmetropole Mumbai wenig gemein. Kaum Gold und kein Glitzer, keine ekstatischen Farbräusche, kein überladenes Interieur. Allerdings: Eine Dosis Poesie sorgt auch bei der Gestaltung von The Tote on the Turf für ein besonderes Flair. Die alten, kolonialen Hallen wurden vom Architekturbüro Serie demontiert, restauriert und neu gedeutet. Wo früher Leerstand herrschte, strecken sich heute verästelte Stützen zur Decke des weißen Empfangsbereichs, und aufwändige Holzverkleidungen in Facettenform schmücken die Wände des in dunklem Holz gehaltenen Bankett-Saals. Auch wenn das zunächst nach der Inszenierung von Gegensätzen klingt, wird das Konzept durch ein übergeordnetes Thema zusammengefasst: Das architektonische Recycling des kolonialen Erbes steht ganz im Zeichen des heimischen Regenbaumes.
Vielleicht ist es einer der schönsten Freiräume Mumbais. Im Herzen der dicht besiedelten Millionenstadt gelegen, öffnen sich 1,3 Quadratkilometer unbebaute Grünfläche mit historischer Bedeutung. Hier, auf der Mahalaxmi-Rennstrecke, finden alljährlich mit dem „Indian Derby“ die bekanntesten Pferderennen des Landes statt. Und so ist auch das alte Gebäude, in dem heute The Tote untergebracht ist, nicht irgendein altes Gemäuer, sondern der Ort, an dem über viele Jahrzehnte Rupien aufs Pferd gesetzt wurden. Der Name des Restaurants leitet sich aus der Tradition ab: Der sogenannte Totalisator ist eine für Pferderennen typische Wettart, und auch die Tafel, an der die jeweiligen Ergebnisse und Quoten angeschlagen wurden, hat man danach benannt. „The Tote on the Turf“ heißt also nichts Anderes als „Die Wetttafel auf der Rennbahn".
Wald der Regenbäume
Die freistehenden Gebäude liegen am Rande der Strecke zwischen vereinzelten Regenbäumen, die mit ihrer besonderen Silhouette – einem schlanken, geraden Stamm und weit ausladender Krone – für ganz besondere Lichtverhältnisse sorgen. Ein stetes Spiel von Sonne und Schatten, von sich mit dem Rauschen des Windes bewegenden, gleißenden Lichtpunkten. Diese Stimmung, das Gegenspiel von hell und dunkel, wollten die beiden federführenden Architekten Chris Lee und Kapil Gupta auf den gesamten Charakter der Anlage und das Innere des Gebäudes übertragen. Von Außen und aus der Ferne steht es nun wie ein Stück ausgebleichten Waldes zwischen den umgebenden Bäumen. Durch den offen gestalteten Eingangsbereich betritt der Gast den Restaurantbereich wie einen Laubengang. Zur Rechten und Linken recken sich die Stützpfeiler aus Doppel-T-Profilen zur Decke, teilen sich nach oben hin und münden in der verästelten Struktur des Daches, deren geometrische Formen immer wieder durch kleine Lichtbuchten ergänzt werden.
Facettenreiches Raumkonzept
Diese geometrischen Formen finden sich auch in den dunkel gehaltenen Räumlichkeiten der darüber liegenden Bar, in denen der Gast nach dem Dinner auf einer der Terrassen oder im großzügigen Restaurantbereich den Abend ausklingen lassen kann. Atmosphärisch bestimmt werden die Räume von den Paneelen aus Walnussholz, die sich als dreidimensionale Facetten über die Wand bis zur Decke fortsetzen. Aus den mit Bronze verfüllten Zwischenräumen ergibt sich auch hier eine verästelte Struktur, die das übergeordnete Thema des Regenbaumes aufgreift. Die Paneele sind aber nicht nur dekorativer Wandschmuck, sondern gleichzeitig Schallabsorber. Eine besondere Beschichtung sorgt für gedämpfte Lautstärke – bei den hohen Decken und weitläufigen Räumlichkeiten eine Notwendigkeit.
Lokale Traditionen und heimisches Handwerk
Nicht nur bei der Konzeption haben die Architekten sich auf die einheimische Flora bezogen, auch bei der Umsetzung wollte man lokal bleiben. Nur in der direkten Umgebung ansässige Handwerker und Betriebe sollten an der praktischen Umsetzung beteiligt werden. Statt etwa landesweit nach einem Stahlspezialisten für Gebäudekonstruktion zu suchen, fand man vor Ort einen Boiler-Fabrikanten, der zwar branchenfremd, aber in der Lage war, die Stützprofile mit der notwendigen Präzision zu fertigen. Die Holzpaneele der Bar wurden von lokalen Kunstgewerblern umgesetzt. Weil jedes einzelne Teil der Konstruktion andere Seitenlängen hat, konnten sie die Teile durch die Handarbeit genau anpassen – und das auch mit verhältnismäßig einfachen Werkzeugen. Und so ist aus dem ehemaligen Wettbüro ein mondänes Regenwald-Restaurant entstanden – mitten im Großstadtdschungel.
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