Autor: Norman Kietzmann
Ein Tempel für die Naschsüchtigen: Mitten im Tokioer Trendviertel Harajuku eröffnete die belgische Schokoladenmarke Godiva einen eindrucksvollen Verkaufsraum mit angeschlossenem Restaurantbereich. Werden die vergänglichen Köstlichkeiten normalerweise nur in wohl dosierten Portionen verabreicht, drohen hier gleich riesige Tropfen Schokolade auf die kakaoaffine Kundschaft herabzufallen.
Chocolatiers und Juweliere haben eines gemeinsam: Sie wissen um die Wirkung der richtigen Verpackung. Denn was wäre wohl ein Ring ohne die passende Box? Dass die Verpackung von Schokolade mitunter kaum weniger aufwändige Ausmaße annimmt, hat durchaus seinen Grund. Schließlich sollen die kleinen Kostbarkeiten aus Kakao und Zucker nicht minder verführerisch erscheinen als ihre hochkarätigen Pendants.
Schokoladige Versuchung
Dass mittlerweile auch die Verkaufsräume edler Süßspeisen den Salons vornehmer Juweliere gleichen, erscheint an dieser Stelle konsequent. Und doch geht die Entwicklung längst einen Schritt weiter, hin zu kleinen, hauseigenen Restaurants, die weit mehr als nur der Verköstigung der süßen Ware dienen. Angesiedelt zwischen religiöser Verehrung und sündiger Hingabe, ergänzen sie den Schokoladengenuss um eine kommunikative Komponente. Schließlich bereitet der Verzehr von Schokolade in Gesellschaft gleich doppelt so viel Freude als allein zuhause.
Inwieweit sich die naschsüchtige Kundschaft dabei auch auf räumliche Weise stimulieren lässt, zeigt derweil die belgische Schokoladenmarke Godiva mit ihrem neuen Showroom in Tokio. Entworfen von Masamichi Katayama und seinem in Tokio ansässigem Designbüro Wonderwall, verarbeitet es ein Stück von jener Schlaraffenland-Phantasie, die jedem Schokoladen-Liebhaber bestimmt schon einmal durch den Kopf gegangen ist: Es scheint, als würde der gesamte Verkaufsraum von Schokolade schlichtweg überflutet werden.
Ins Fließen gebracht
Anlass für diesen gefährlich-appetitanregenden Raumeindruck ist allerdings weniger die zurückhaltende Theke im Erdgeschoss der Boutique, an der die Pralinés und Schokoladen erworben werden können. Es ist der Treppenaufgang zum Restaurant in der ersten Etage, der die Besucher unwillkürlich in eine andere Welt versetzt. Von einem Paneel an der Decke scheinen riesige Tropfen heißer Schokolade auf die Besucher herabzufallen, die einfach nur ihren Mund zu öffnen bräuchten, um in den Genuss der Brüsseler Leckerei zu gelangen. Die hölzernen Vertäfelungen der Wände folgen diesem Konzept und wirken – durch eine Bemalung mit weißem Lack in der umgekehrten Form von Tropfen – als wären sie selbst von brauner Schokolade überzogen.
Terrasse mit Aussicht
Sorgt der Treppenaufgang für einen atmosphärisch-eindrucksvollen Auftakt, zeigt sich der Restaurantbereich mit seinem durchgehend in Weiß gehaltenem Interieur betont zurückhaltend. Der ruhige Raumeindruck des Erdgeschosses wird hier fortgesetzt, jedoch mit schlängelnden Tapetenmustern um ein dekoratives wie auflockerndes Element ergänzt. Ganz anders dagegen der Außenbereich des Restaurants, den der Gast über eine große Glastür erreicht. Das Motiv der tropfenden Schokoladendecke wird hier erneut aufgenommen und sorgt bereits auf der Straße für einen weithin sichtbaren Vorgeschmack auf das Sortiment des Geschäfts.
Punks im Schokoladenladen
Für die belgische Traditionsmarke, die in Japan bereits über 55 eigene Geschäfte verfügt, bedeutet der Showroom zugleich eine klare Verjüngung. Nicht ohne Grund wurde der Standort inmitten des Harajuku-Viertels gewählt, das durch den schrägen Kleidungsstil seiner überwiegend jungen Bewohner – halb Punk, halb Manga – international Bekanntheit erlangte. Wonderwall hat für sie einen markanten Raumeindruck erzeugt, ohne die sonst leicht konservative Kundschaft von Godiva mit einem allzu aufdringlichen Interieur zu verschrecken. Diese wird sich an die verjüngte Zielgruppe auf Dauer allerdings gewöhnen müssen. Schließlich verspüren auch Punks und schrille Mangahelden eine Schwäche für belgische Schokolade.
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