Autor: Norman Kietzmann
Nichts für schwache Nerven: Das Tokioter Architekturbüro Atelier A5 plante im japanischen Tokorozawa ein schwebend leichtes Einfamilienhaus in extremer Hanglage. Der Schwierigkeit des Baugrunds stellten sie ein zweigeteiltes Volumen entgegen, das die umgebende Landschaft eindrucksvoll in Szene setzt. Vorhang auf für ein Wohnhaus in den Bergen, das den Alltag auf die Bühne hebt.
Wer locker mit der Schere spielt, erfindet manchmal ein Haus. So geschah es dem japanischen Architekturbüro Atelier A5, das für eine knifflige Bauaufgabe schnipp-schnapp eine Lösung fand. Die Herausforderung: Eine Tokioer Familie suchte nach einem Wochenenddomizil im Grünen und wurde in Tokorozawa, einer Kleinstadt ungefähr 30 Kilometer westlich von Tokio, fündig. Das 600 Quadratmeter große Grundstück liegt inmitten eines dicht bewachsenen Waldes, der als anerkanntes Vogelschutzgebiet die gesuchte Ruhe versprach. Doch die Sache hatte einen Haken: Satte 30 Grad misst das Gefälle des Baugrunds, das die Architekten mit nur wenigen Eingriffen zu bezwingen hatten.
Schnitt in zwei Teile
Sadahiro und Yuko Shimizu sowie Masatoshi Matsuzaki, die Atelier A5 im Jahr 2002 in Tokio gegründet haben, verzichteten auf die Staffelung einzelner Baukörper, wie sie an Hanglagen nur allzu häufig praktiziert wird. Ihre Lösung: ein präziser Einschnitt, mit dem sie einen kubischen Baukörper diagonal in zwei Hälften teilen. Während das obere Volumen im Anschluss um einen halben Meter angehoben wurde, vergrößerten sie den Neigungswinkel seiner Unterseite in Richtung des Tals. Das Ergebnis: Während sich das untere Volumen optisch in den Berg eingräbt, scheint der obere Baukörper über diesem zu schweben.
Dazwischen liegt ein umlaufendes Band aus Fenstern, das wie ein Keil das Gebäude durchbricht und die Schräge des Baugrunds grafisch lesbar macht. Unterstützt wird die Zweiteilung durch die Auswahl der Materialien. Kam für das Sockelgeschoss ausschließlich Sichtbeton zum Einsatz, wurde das schwebende Obergeschoss aus Holz errichtet, um sowohl das Gewicht als auch die Baukosten möglichst gering zu halten.
Wohnraum als Theater
Die Dramaturgie des Hauses, das mit seinen 123 Quadratmetern Wohnfläche nur drei Räumen bespielt, erinnert an den Zuschauerraum eines Theaters. Bevor das Gebäude von der Straßenseite betreten wird, führt eine schmale Treppe in einen Keller hinab. Haben die Besucher die Wohnungstür passiert, betreten sie eine Plattform aus Sichtbeton, von der eine aus Holz gearbeitete Treppe zum Wohnraum hinab führt. Dieser nimmt nicht nur das komplette Sockelgeschoss des Hauses ein, sondern schiebt sich in seiner gesamten Breite als Terrasse ins Freie hinaus.
Dass die zum Hang ausgerichtete Fassade lediglich im unteren Drittel verglast wurde und darüber verschlossen bleibt, sorgt für einen eindrucksvollen Effekt: Von innen betrachtet wirkt die Terrasse nun tatsächlich wie die Bühne eines Theaters, über der sich ein versteckter Bühnenturm erhebt. Würde das umlaufende Fensterband, das den Wohnraum auf 360 Grad zu seiner Umgebung öffnet, nicht das Gegenteil beweisen: Man könnte beinahe glauben, dass die Bäume, die sich hinter der Terrasse erheben, lediglich eine Kulisse seien, die sich per Knopfdruck im imaginären Bühnenturm wieder verstauen ließen.
Rollende Möbel
Auch die Möblierung folgt der Materialität der Wände. Die freistehende Kücheninsel sowie die rückseitig an der Wand montierten Regale sind aus Sichtbeton gefertigt und setzen sich klar vom warmen Farbton des Dielenbodens ab. Die ebenfalls aus Holz gefertigte Treppe, die vom Wohnbereich zum Eingangsbereich des Hauses hinaufführt, dient unterhalb der Treppenstufen als versteckter Stauraum und nimmt auf diese Weise ein traditionelles Motiv japanischer Innenraumgestaltung auf. Vom Eingangsbereich führen Treppenstufen aus Beton ins Obergeschoss, wo sich das Badezimmer sowie der Schlafbereich des Hauses befinden.
Anders als im Wohnbereich, wo Tageslicht durch das umlaufende Fensterband von allen Seiten hereinfällt, sorgen hier raumhohe Fenster für gezielte Ausblicke. Den Schlafbereich haben die Architekten als einen zusammenhängenden Raum gestaltet, der über Schiebewände in separate Zonen für Kinder oder Gäste unterteilt werden kann. Um auf die jeweils unterschiedlichen Raumkonfigurationen reagieren zu können, wurden die Schränke auf Rollen platziert und können frei bewegt werden. Auch sie werden dann zu Requisiten in jenem Stück, das die Bewohner des Hauses täglich aufs Neue aufführen.
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