900° Architektur

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Text: Tim Berge, 25.03.2014

Geknickte Betonflächen, marsähnliche Kraterlandschaften und mit Holz beplankte Schüsseln: Die Architektur von Skateparks hat innerhalb weniger Jahrzehnte eine eigene Sprache entwickelt, die spektakulär aussieht, aber dennoch ganz einigen funktionalen Leitbildern folgt. Jeder Winkel muss stimmen, jede Kurve ist genau berechnet: Wir haben uns einige abgefahrene Beispiele rund um den Globus angeschaut. 

Wer hat nicht schon mal auf einem dieser vierrädrigen Bretter gestanden: Die meisten von uns steigen völlig verunsichert wieder auf den sicheren Boden hinab. Aber bei einigen löst das Gefühl von ungebremster Dynamik einen Rausch aus, und sie nutzen die frei werdenden Energien zu Kunststücken – völlig losgelöst von der Erde! Eine Architektur für diese Sportart kann nicht normal sein. 

Betonsurfer
Surfen auf der Straße: Das war die ursprünglich Idee des Skatens. In den 60er Jahren kamen einige talentierte Wellenreiter in Kalifornien auf die Idee, ihrer Leidenschaft auch außerhalb des Wassers nachzugehen. Doch bis Material und Technik ausgereift waren, vergingen ein paar Jahre, und die noch junge Sportart wäre beinahe verschwunden, bevor sie überhaupt richtig existierte hatte. Aber die Bretter wurden technisch immer ausgefeilter, und neue Materialien wie Polyurethan machten das Skaten durch besseren Halt auf der Straße sicherer. Und mit Tony Hawk und seinen Kunststücken auf vier Rädern bekam Skateboarding weltweit ein Gesicht, dass das Asphaltsurfen in eine neue Popularitätskategorie hob. 

Beschleunigte Stadt
Die Skateparks wurden von Anfang an als Ebenbild unserer Städte entworfen: Denn Fahren auf Bürgersteigen, Straßen und Plätzen war mit einem großen Unfallrisiko verbunden und wurde schnell in vielen Orten verboten. Und wenn man schon anfängt, die Umwelt nachzubauen, dann kann man sie gleich optimieren und – ganz im Sinne der Sportart – beschleunigen. Schräge Rampen, höhenverstellbare Metallbrüstungen und perfekt gerundete Krater aus Beton lassen das Skaterherz höher schlagen und schaffen eine einzigartige Fahrwelt, die sich nur auf einem Rollbrett erschließen lässt. Um den perfekten Fluss herzustellen, werden die Anlagen im besten Fall aus Beton und in einem Guss hergestellt. Eine fugenlose und glatte Oberfläche beschleunigt die Skateboards und schützt gleichzeitig vor Unfallrisiken durch Unebenheiten. 

BaySixty6
Das ist nicht Batmans Höhle, die sich da unter Londons viel befahrener Autobahntrasse The Westway auftut. Die geknickte Betonkonstruktion der hochgestemmten Straße bietet die perfekte Kulisse: Oben und unten scheint es in der BaySixty6 getauften Anlage nicht zu geben. Der aus den 90er Jahren stammende Park wurde in den letzten Jahren von dem Architekturbüro Brinkworth und der Markenagentur Urb-Orbis überarbeitet und in eine neue Dimension gehievt: Die zu den Seiten offene Fläche ist so konzipiert, dass alle Blickrichtungen ungestört sind und damit der ganze Park – auch für Zuschauer – einsehbar ist. Hydraulische Elemente sorgen dafür, dass sich die Anlage dem Niveau der Skater anpassen kann: ein wichtiger Aspekt bei der Ausrichtung von Wettkämpfen. Im Zentrum von BaySixty6 befindet sich eine Ministadt aus mintgrünen Schiffscontainern, die neben einem Shop und einer Kantine auch Workshopbereiche beherbergen. Die Wellblechkisten sind so in die Rampenlandschaft integriert, dass man aus ihnen einen einmaligen Blick auf die Anlage genießen kann: ein wahr gewordener Traum für jeden Asphaltsurfer. 

Betterfabrik mit Geschichte
Wie im Wunderland müssen sich die Skater fühlen, die in der Anlage im spanischen Mérida ihre Kurven drehen: Überdimensionale, pilzartige Strukturen in grell-bunten Farben, die nachts leuchten, bieten den Einwohnern der Stadt eine Vielzahl von Nutzungsmöglichkeiten. Kletterwände, Straßentheater, Autotuning oder Graffiti – alles ist möglich in dem Factory getauften Park, natürlich auch Skateboarding. Die luftig leichte Gewölbestruktur aus Stahlstützen und Kunststoffplatten bietet den Nutzern ganzjährigen Witterungsschutz und ist gleichzeitig eine große und identitätsstiftende Geste des Architekturbüros Selgascano. Der Skatepark verwahrt aber noch etwas viel Kostbareres unter sich: Die Betonfläche liegt über einer alten romanische Siedlungsstruktur, die durch den Factory-Bau geschützt und gesichert wird.

Skatende Architekten
Dass eigene Erfahrungen mit dem Brett auf vier Rädern die Planung unterstützen können, beweisen Projekte aus Deutschland und Dänemark. Der ehemalige Skateboard-Europameister und heutige Architekten Matthias Bauer (MBA/S) hat bereits zwei größere Parks gebaut: In München und Stuttgart entstanden Anlagen, die vor Ort aus Beton gegossen wurden – der Idealfall aus Sicht des Planers, lässt sich die fast fugenlose Oberfläche doch am besten gestalten und fahren. Für ihn gehört bei der Streckengestaltung eine „gewisse Erfahrung, wie das Skaten funktioniert, dazu. Und die Geometrien, die der Planung zugrunde liegen, sind einerseits sehr komplex und andererseits in ständiger Weiterentwicklung begriffen.“

Auch der dänische Architekt Søren Nordal Enevoldsen (SNE Architects) ist ein passionierter Skater: Mit der Gestaltung des Rabalder Parks in Roskilde erbringt er den Beweis, dass er nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch eine gehörige Portion Umweltbewusstsein im Kopf hat. Die Stadtverwaltung schrieb die Planung einer Entwässerungsanlage für die immer stärker werdenden Regenfälle in der Region aus, um den Ort vor Überschwemmungen zu schützen. Der Architekt rechnete eins und eins zusammen und verschmolz Flussbett und Skatepark zu einer betonierten, leicht wellenförmigen Struktur, die nun die meiste Zeit des Jahres von jungen Leuten auf ihren Rollbrettern genutzt wird. „Der Kanal leert sich sehr schnell, so dass der Einfluss des Regens auf die sportliche Nutzung gering ist“, erklärt Enevoldsen, für den die Anlage zuerst als Entwässerungskanal gesehen werden sollte. Denn: „Für einen Skater hat eine gebaute Strecke immer etwas Künstliches“ – in der Sportart ginge es viel mehr darum, sich sein reales Umfeld anzueignen: die ganze Welt als Skatepark.

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