Abschied von der Pop Art

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Text: Claudia Simone Hoff, Foto: Zooey Braun, 06.12.2011


Sie war legendär, die Kantine des Spiegel-Verlags. Zu dieser Legendenbildung beigetragen hatte maßgeblich das knallig-bunte Pop-Interieur aus den Sechzigern, das sich der dänische Designer Verner Panton ausgedacht hatte. Doch mit diesem Knallbonbon ist nun – mit dem Umzug des Verlags in die Hafencity – Schluss. Mit dem neuen Gebäude von Henning Larsen Architects aus Kopenhagen an der Ericusspitze 1 wurde gleich auch eine neue Kantine samt Snackbar entworfen. Dieses etwas heiklen Projekts angenommen hat sich das Architektur- und Designbüro Ippolito Fleitz.


Die Stuttgarter sind wie geschaffen für diese Aufgabe, haben sie sich doch bereits hervorgetan mit der Gestaltung der Kantine der Württembergischen Versicherung in Stuttgart und dem neuen Interiorkonzept für die Gaststätten des Wienerwalds. Ähnlich wie beim Wienerwald kleben auch an der Spiegel-Kantine jede Menge Erinnerungen.

Die Snackbar

Diese werden nun – wenn auch in veränderter Form – sichtbar gemacht in der Snackbar im fünften Stock des 13-stöckigen Neubaus mit insgesamt 30.000 Quadratmeter Bürofläche. Während der Großteil der originalen Panton-Einrichtung in das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gewandert ist und dort ab Sommer 2012 vom Publikum bar seines ursprünglichen architektonischen Zusammenhangs bestaunt werden kann, sind einige Versatzstücke in die neue Snackbar – dem „Fenster zur Stadt“ – gewandert. Allerdings geht es dort nun weit weniger grell zu. Der wild gemusterte, orange-rote Teppich ist geblieben, ebenfalls rote und orange Sessel der Serie Amoebe von Vitra laden zum Lümmeln ein und auch die berühmten Plastikwaben der Wandverkleidung kommen noch einmal zum Einsatz – doch die Höhe des Raums und die lichtdurchflutete Fensterfront lassen das Ensemble weit luftiger erscheinen als in der gedrungenen Raumhöhe des alten Spiegel-Gebäudes in der Brandstwiete. Auch wenn Überlegungen zur kompletten Verlagerung der Panton-Kantine in das neue Gebäude bestanden – ihr auf dem Quadrat basierendes modulares Raumkonzept war im polygonal aufgebauten Neubau obsolet geworden und wohl auch nicht mehr gewünscht.

Die Kantine

Für die neue Kantine haben sich Ippolito Fleitz ein ganz anderes Konzept ausgedacht. Es wird dominiert durch den mit Gelb gepaarten Farbklang von Schwarz-Weiß-Grau und kommt weit zurückhaltender als sein Vorgänger daher – was freilich nicht schwer ist. Das neue Farbkonzept bietet mehr visuelle Erholung für die Spiegel-Mitarbeiter  als der Pantonsche Farbreigen. Der Grundriss der öffentlich nicht zugänglichen Kantine im Parterre des Bürogebäudes, das sich durch seine exponierte Lage am Wasser hervortut, ist polygonal gestaltet. An zwei Seiten durchgehende Fensterbänder lassen viel natürliches Licht ins Innere des flexibel nutzbaren Raums, der knapp 600 Quadratmeter misst. Diese räumliche Flexibilität hat zur Folge, dass die Decke zum identitätsstiftenden Element der Kantine avanciert ist.

Das Licht

Die Decke nimmt neben verschiedenen haustechnischen Installationen auch das ausgeklügelte Lichtsystem auf, das vom Büro Pfarré Lighting Design aus München konzipiert wurde. Über 4000 Ronden aus mikroperforiertem, matt geschliffenem Aluminium wurden auf ein schallabsorbierendes Trägermaterial aufgebracht und dann an der Decke montiert. Sie reflektieren das Tageslicht und die Bewegungen des Wassers und transferieren diese in den leicht unterkühlt und seltsam leblos wirkenden Raum. Ergänzt werden die futuristisch anmutenden, silbrig glänzenden Ronden durch Lichtschalen von intensiver Farbigkeit. Für weitere Beleuchtung sorgen die dimmbaren, ebenfalls kreisrunden Pendelleuchten, die direkt über den Tischen angebracht wurden und warm-weißes Licht erzeugen.

Die Möblierung

Die runde Form der knallig gelben Lichtschalen und Pendelleuchten wird aufgenommen von den runden, mit schwarz gepulverten Stahlgestellen und Granitplatten mit Laser-Rasterung versehenen Tischen sowie von der Decke hängenden Plexiglasstäben, die den großen Raum zonieren. Eine zusätzliche Zonierung befindet sich auf dem weißen, fugenlosen Terrazzoboden: geschwungene schwarze Linien. Ihr Schwarz findet sich in den schwarzen Stühlen wieder, die jederzeit verschoben werden können, um dem Raum eine andere Nutzung zukommen zu lassen.

Die Terrasse

Wenn die Sonne scheint – und das muss in Hamburg ausgenutzt werden – lädt die große, der Kantine vorgelagerte Terrasse am Wasser zum Verweilen ein. Und hier gehen die Gespräche der 1100 Spiegel-Mitarbeiter – die an der Ericusspitze erstmals unter einem Dach zusammenarbeiten – über Wirtschaft, Politik, Kultur und Co. bestimmt lebhaft weiter.


Buchtipp


Mit dem Umzug des Spiegel-Verlags in das neue Domizil in der Hafencity ist ein Buch zu Architektur und Design des neuen und alten Verlagsgebäudes erschienen, das reich bebildert ist.

Susanne Beyer und Martin Doerry (Hrsg.):
Das Spiegel-Haus in der Hafencity Hamburg
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2011
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