Bescheidenes Traumhaus

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Text: Julia Bluth, Foto: Peter Jurkovič, 07.07.2014

Ungewöhnlich bescheiden war der Auftrag eines jungen Paares an den Bratislaver Architekten Peter Jurkovič: Sie wünschten sich bewusst ein kleines Haus. Eines, das sie an die Sommerferien auf dem Land und die einfache, dörfliche Architektur ihrer slowakischen Heimat erinnern sollte. Ihr Budget: 75.000 Euro.

„Gewisse Grundlagen der volkstümlichen Architektur haben sich über die Jahrhunderte bewährt und sind auch heute noch aktuell – vor allem, wenn wir unseren ökologischen Fußabdruck verkleinern möchten“, so Architekt Peter Jurkovič. „Ländliche Gebäude wurden aus lokal vorhandenen Materialien errichtet, die keine langen Transportwege verursachten – beispielsweise aus Holz, Lehm und Stroh. Da Fenster damals noch nicht so gut isoliert waren wie heute, wurden sie eher klein gehalten. Ein überdachter Vorbau, gánok genannt, bot auch im Winter oder bei schlechtem Wetter einen geschützten Raum an der frischen Luft.“

Vorausschauend zurückblicken
Jurkovič und sein Projektteam beschlossen, einige dieser Charakteristika in ihren Entwurf einfließen zu lassen. Ein spitz zulaufendes Satteldach, kleine, hellblau gerahmte Fenster sowie eine hölzerne Veranda verleihen dem kompakten Gebäude am Stadtrand von Bratislava nun seine traditionell wirkende Form. Einzig sichtbares Zugeständnis an moderne Zeiten: die durchgehend verglaste Nordfassade, die Einblick in ein überraschend strukturiertes Innenleben gewährt.

Grundrisse und Schnitte
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Weite trotz Enge
Das Innere organisierten die Architekten rund um einen zentralen, aus Sperrholzplatten gefertigten Service-Kern, der Badezimmer, Toilette, Treppe, einen Abstellraum und eine Küchenzeile in sich vereint. Südseitig davon liegt ein Schlafzimmer und nordseitig der Wohn-Essbereich. Über die integrierte Wendeltreppe erreicht man die Galerie unter dem spitzen Dachgiebel. Hier befindet sich ein weiteres Schlafzimmer, ein offenes Badezimmer sowie ein Arbeitsplatz mit Aussicht auf den Garten hinter der gläsernen Vorhangfassade. Große Dachfenster lassen viel Tageslicht einfallen und ermöglichen einen kontemplativen Blick in den Himmel. Insgesamt entsteht ein Gefühl von Weite und Luftigkeit, das die eigentlich geringe Grundfläche von 85 Quadratmetern in Vergessenheit geraten lässt. Der polierte Betonboden unterstreicht den loftartigen Charakter.

Weniger ist mehr
„Größer ist nicht immer besser“, meint Peter Jurkovič, und sein Entwurf gibt ihm zweifellos recht. Das kompakte Gebäude in Holzrahmenbauweise spiegelt nicht nur alle Wünsche seiner Bewohner wieder. Es zeigt auch, wie sich mit geringem Budget und ohne große Eingriffe in die Landschaft der Traum vom individuellen Eigenheim verwirklichen lassen kann.

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