Das könnte Schule machen

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Text: Claudia Simone Hoff, 08.10.2009


In diese Schule würde wohl jeder gern gehen, allein schon wegen der Mensa samt Cafeteria. Was daran so besonders ist? Nun, sie ist nicht nur nachhaltig gestaltet, hier dürfen die Schüler auch selbst kochen, werkeln und ausprobieren. Denn das Luisengymnasium in München hat sich „pädagogisches Kochen“ in sein Leitbild geschrieben und das in der Stadt an der Isar ansässige Büro Bodensteiner Fest Architekten Stadtplaner beauftragt, Mensa und Cafeteria in einen Bestandsbau zu integrieren.


Der Neugestaltung unmittelbar vorausgegangen war eine Verkürzung der Gymnasialzeit in Bayern auf acht Jahre. Dies bedeutet für Schüler und Lehrer einen längeren Schulalltag und da möchten alle gut versorgt sein. Und nicht nur das: Manch einer wünscht sich einen Ort der Ruhe – einen Treffpunkt mit angenehmer Aufenthaltsqualität. Um diesen neuen Erfordernissen zu entsprechen, gab das Schulreferat der Landeshauptstadt München die Erweiterung der vorhandenen Mensa des Luisengymnasiums auf 125 Sitzplätze samt Cafeteria in Auftrag. Realisiert wurde das Umbauprojekt innerhalb von acht Monaten, wobei sich die Kosten auf zwei Millionen Euro beliefen. Was sich im Nachhinein so einfach anhört, war aber nur schwer umzusetzen: Erst ein Elternprotest ermöglichte die großzügige Lösung.

Wenn Mensa und Cafeteria zur Lounge werden

Das Münchner Luisengymnasium ist in einem Gebäude des Architekten Theodor Fischer – Anfang des 20. Jahrhunderts Mitbegründer und 1. Vorsitzender des Deutschen Werkbunds und für das Büro von Paul Wallot in Berlin tätig – untergebracht, das in den 1980er Jahren um einen Neubau erweitert wurde. Während der Mensabereich entlang zweier Lichthöfe im Untergeschoss der beiden denkmalgeschützten Gebäudeteile realisiert wurde, befindet sich die Cafeteria im Erdgeschoss des Neubaus.

Die Integration einer neuen Mensa oder Cafeteria in bereits vorhandene Schulbauten – ohne dabei an die sterilen, ungemütlichen, Neonlicht beschienenen „Verköstigungsungetüme“ ferner Zeiten zu erinnern – hat in den letzten Jahren Schule gemacht. So beispielsweise im schweizerischen Wettingen, wo die Schüler in einem Wald von Blättern speisen oder in Basel, wo sie im coolen, clubähnlichem Ambiente Latte Macchiato trinken. Und nun auch in München: Auf den ersten Blick erinnert das gesamte Ambiente an eine schicke Lounge im Stadtzentrum, auch dank der raumhohen Fenster, durch die viel Licht hereinfällt.

Nachhaltig ohne langweilig zu sein

Dass es sich dazu noch um eine Cafeteria handelt, bei deren Gestaltung viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt wurde, lässt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennen. Aber vielleicht ist die Formel „nachhaltige Gestaltung = unattraktive Gestaltung" ja sowieso längst obsolet geworden. Wichtig bei der Planung des Projekts und der Auswahl der verwendeten Materialien waren demnach die Ökobilanz, baubiologische Aspekte sowie die Eignung im Schulalltag. Nachhaltigkeit bedeutet für Bodensteiner Fest Architekten neben möglichst minimalen Eingriffen in die bereits vorhandene Bausubstanz und die Nutzung von Synergieeffekten auch die Verwendung von puren, naturbelassenen Materialien, die wie Fußboden oder Möbel aus Massivholz schön altern und deren Qualität auch mit dem Alterungsprozess erhalten bleibt. Außerdem versprechen sich die Architekten von ihrem Projekt – wahrlich ein ambitioniertes Ziel! – das Bewusstsein der Schüler für gute Gestaltung zu schärfen. Und diese gute Gestaltung ist in der Cafeteria in der Münchner Maxvorstadt allenthalben zu entdecken, denn es wurden nicht nur die Materialien bewusst ausgewählt, sondern auch die Farben. Nur wenige sind es und sie verströmen eine warme Stimmung. Dazu gehören auch die an der Akustikdecke positionierten Leuchtstoffröhren – von den Architekten als „Lichtteppich“ bezeichnet – die bei Bedarf gedimmt werden können.

Materialmix: Sichbeton, Holz und Stoff

„Lebensraum Schule“ heißt das Motto des Luisengymnasiums, das die Architekten in die Tat umgesetzt haben. Sie befreiten die Wände der Cafeteria vom alten Putz, so dass nun Sichtbeton das bestimmende ästhetische Element des Raumes ist. Dazu wurde die alte Betonfläche freigelegt, die Wände sandgestrahlt und anschließend lasiert – Betonrecycling nennen das die Architekten: „Nachdem ein Teil des Putzes ohnehin abgeschlagen werden musste, wurden durch Sandstrahlen verschiedene Musterflächen angelegt. Zum Vorschein kam eine attraktive, lebendige Betonoberfläche, die den Kontrast zu den glatten Oberflächen von Massivholzteilen und Polstern nicht besser hätte herstellen können", erklärt Christian Bodensteiner. Die entstandene Wandfläche ist nicht nur hochwertig, robust und nachhaltig, sondern auch kosteneffizient.

Auf einem Nussbaum-Industrieparkettboden stehen ordentlich aufgereiht schlichte Holztische und -bänke aus massivem, geöltem Ahorn, entlang der Fassade sind Barhocker aufgereiht. Die langlebige Möblierung ist aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt. Bodensteiner Fest Architekten haben auch die in einem kräftigen Orange gehaltenen, mit einem scheuerfesten Kvadrat-Stoff gepolsterten Lounge-Möbel entworfen, die zum Lümmeln, Abtauchen und Entspannen vom stressigen Schulalltag einladen. Im Gegensatz dazu sieht die Mensa eher unmotiviert farblos – im doppeltem Sinn des Wortes – aus: nämlich schwarz-weiß. Wer hier den Kochlöffel schwingt? Nun, das ist vielleicht die eigentliche Überraschung bei diesem Projekt: die Schüler! Denn jede Klasse kocht zwei Wochen pro Jahr in der Mensa. Unter Anleitung eines Profikochs, versteht sich.

Bis ins letzte Detail

Weil es in der Cafeteria nur wenige Ausstattungselemente und nichts rein Dekoratives gibt, sticht ein Detail besonders hervor: die an den Pfeilern angebrachten Magnetwände aus Rohstahl, die als Pinnwände genutzt werden können. Die dazugehörigen grellgrünen Magnete wurden vorsichtshalber an Stahlseilen befestigt, so dass kleine Schülerelstern keine Chance haben.


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