Der graue Schnitt

10
Text: Claudia Simone Hoff, Foto: Claessens & Deschamps, 10.09.2013

Der belgische Architekt Nicolas Schuybroek hat am südfranzösischen Cap d’Antibes ein Ferienhaus ganz aus Beton gebaut. Die Verbindung von minimalistischer Architektur und Sinnlichkeit ist ihm so gut gelungen, dass man hier am liebsten für immer einziehen möchte.

Die Lage des Hauses an der Côtes d’Azur ist privilegiert und könnte schöner nicht sein: direkt am Meer, inmitten eines alten Pinienhains mit Blick aufs azurblaue Wasser. Gegen die üppige Naturkulisse zeichnet sich die Architektur des Hauses durch eine beinahe klösterliche Strenge aus. Das liegt vor allem am reduzierten Grundriss, der an Projekte von Ludwig Mies van der Rohe (Barcelona Pavillon, Farnswort House) erinnert. Der große Wohnraum mit integrierter Küche, das WC und zwei Schlafzimmer mit separaten Bädern sind nebeneinander angeordnet – nach den perfekt austarierten Proportionen des goldenen Schnitts. Großzügige rechteckige Fensterflächen geben den Blick frei auf den 1500 Quadratmeter großen Garten, den Pool und das Meer. Zudem lenken sie Tageslicht ins Innere des monochromen Beton-Monolithen. 


Understatement in Grau


Im Interior dominieren Grautöne. Nicolas Schuybroek setzt dem visuell sehr zurückhaltenden, doch haptisch interessanten Werkstoff Beton auffällig wenige andere Materialien entgegen: Holz und schwarzen Stahl. Gerade das warm wirkende Holz der Einrichtung bringt eine emotionale Komponente in die Räume, die zudem außerordentlich spärlich möbliert sind. Im Wohnzimmer dominieren die um einen flachen Holztisch angeordneten Teaksessel Kangourou von Pierre Jeanneret aus den Fünfzigern sowie eine niedrige Couch mit einem beigefarbigen groben Leinenbezug – ein speziell für diesen Raum angefertigter Entwurf des Architekten. Ebenso wie der geradlinige Esstisch aus Beton, den Jean Prouvés Standard Chairs umgeben. Der fragile Tisch wird hinterfangen von einer Küchenzeile aus Beton, die in ihrer Materialität mit dem Raum zu verschmelzen scheint.

Pläne und Zeichnungen
3


Minimalistisches Badevergnügen


Das extrem reduzierte Ambiente lenkt den Blick auf das kleinste Detail – auch in den Badezimmern, die den zwei gleich großen Schlafzimmern angeschlossen sind. Auch hier steht das Thema Beton im Mittelpunkt der Gestaltung – nicht nur an Decke, Wand und Boden. Auch das geradlinige Doppelwaschbecken mit integriertem Waschtisch und die Badewanne sind aus dem grau changierenden Material gefertigt, während die Beleuchtung mit natürlichem Licht über Oberlichtfenster erfolgt. Aus Platzgründen ist das WC nicht in den Badezimmern selbst untergebracht, sondern befindet sich im Eingangsbereich des Hauses, gleich neben dem Wohnzimmer – was nicht ganz praktisch ist.



Von einem der Schlafzimmer führt der Blick zum großen steinernen Outdoor Swimmingpool. Parallel zum Haus angeordnet, ist dieser von einer wie schwebend wirkenden Terrasse umgeben. Die wiederum wird eingerahmt von hohen Mauern aus Naturstein, die in einer Linie zu den Außenmauern des Hauses verlaufen und größtmögliche Privatheit garantieren. 


Nicolaus Schuybroek ist ein Meister der Reduktion. Doch wirkt diese weder unterkühlt noch unzugänglich. Im Gegenteil: So minimalistisch das Ferienhaus an der Côtes d’Azur sein mag, so sinnlich ist es gleichzeitig. Das liegt vor allem an der Kombination haptisch so unterschiedlicher Materialien wie Beton, Holz, Glas und Stahl. Diese besondere Gabe für die Auswahl der Materialien kommt nicht von ungefähr: Schuybroek war fünf Jahre Projektleiter im Architekturbüro von Vincent van Duysen. Einen Lieblingsarchitekten hat er übrigens auch. Peter Zumthor.

Weitere Artikel 13 - 25 von 26 Mein wunderbarer Friseursalon Marcels Reise zum Mond Ägyptische Alpen Krone aus Beton Portugiesisches Treppenhaus B wie Beton Catwalk aus Beton Aus Zeit gebaut Alles anders in Berlin Designklassiker mit Schnurrbart Fenster zum Schlauch Architektur der Seele
jetzt zu MADEby wechseln

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.