Design für Delinquenten

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Text: Katharina Horstmann, Foto: Carola Ripamonti / Marcello Clerico

Gaststätte im Gefängnis: Das Liberamensa will mit aufgeschlossenem Design eine Schleuse zwischen zwei Welten schaffen. Die von Andrea Marcante und Adelaide Testa auf einem Turiner Gefängnisgelände entworfene Kantine öffnet zweimal in der Woche für Jedermann – bekocht und bedient wird der Gast von den Insassen selbst.

Das Essen im Gefängnis genießt einen schlechten Ruf. Nicht immer zu Recht, zumindest, wenn es im Rahmen einer Resozialisierungsmaßnahme eine Rolle spielt und Aussichten für die Zeit nach dem Leben im Vollzug schafft – zum Beispiel als Koch, Bäcker, Konditor oder gar als Betreiber eines Restaurants. Wenn der Inhaftierte dabei zusätzlich in Kontakt mit der Außenwelt kommt und diese dabei nicht nur die Qualität der Gefängnisarbeit kennenlernt, sondern im Gegenzug auch er eine unmittelbare Wertschätzung seiner Tätigkeit erfährt, bleibt es nicht bei der Jobperspektive allein. Es ist bereits ein kleiner Schritt zurück in das soziale Gefüge der Gesellschaft, noch vor der Entlassung. Genau dieser Schritt wird im Liberamensa in Turin unterstützt. Das Restaurant befindet sich im Casa Circondariale Lorusso e Cutugno, das mit 1.300 Insassen die größte operative Haftanstalt im Piemont darstellt. Als Teil einer Initiative, die sich seit Jahren um fortschrittliche Resozialisierungsmaßnahmen bemüht und auch eine Bäckerei und einen Catering-Service im Gefängnis betreibt, beschäftigt es 16 Häftlinge, die dort als Köche und Kellner arbeiten.

Im Dialog
Förderer der Initiative sind auch Andrea Marcante und Adelaide Testa vom Turiner Studio UdA. Die beiden Architekten haben die alte Gaststätte auf dem Gefängnisgelände unentgeltlich umgebaut, die täglich für Vollzugsbeamte und nun auch an zwei Abenden in der Woche der Öffentlichkeit zugänglich ist. Dabei war es ihnen wichtig, die Identität des Ortes zu bewahren und mit ihrem Entwurf auf die vorgefundene Struktur einzugehen. Aus diesem Grund wurde Vorhandenes nicht entfernt, sondern gestalterische Elemente hinzugefügt, die mit dem Existenten in Dialog treten. Den Metallgittern der Fenster wird ihre Strenge genommen, indem sie mit farbigen Verglasungen von Cristal King durchsetzt wurden; den alten Steinfliesen und Holztäfelungen werden Keramikoberflächen von Mutina, Grafiken von Studio Fludd und Vorhänge von Kvadrat entgegengesetzt, die dem Raum eine neue Frische verleihen.

Unaufgeregt elegant
Die Möbel hingegen sind neu: Die leicht zickzack-förmigen Tische haben Marcante und Testa speziell für das Projekt entworfen. Sie erinnern in ihrer Schlichtheit und mit ihren farbigen Oberflächen von Abet Laminati an moderne Mensatische. Ergänzt werden sie von den Stühlen „School“ des italienischen Unternehmens Lago, die auch an die pragmatische Gestaltung staatlicher Einrichtungen denken lassen, wenn auch mit einer Spur mehr Eleganz. Die zweckbetonte Anmutung der Möbel wird von der Deckenbeleuchtung unterstützt, die von dem Turiner Metallbauer OM Project in Zusammenarbeit mit dem Kabelhersteller Creative-Cables angefertigt wurde. Die moderne Interpretation der Kronleuchter besteht aus blau lackierten Metallrohren, von denen orangefarbige Kabel und Fassungen hängen. Mal gradlinig, mal rund nehmen sie Bezug auf die Fensterbögen des Raumes.

Das Projekt zeigt mit einfachen Mitteln, wie ein relativ neutraler Zwischenraum zwischen Außen- und Gefängniswelt funktionieren kann. Ein Ort, der einerseits nicht seine Realität verneint, aber auch darauf verzichtet, diese zusätzlich zu inszenieren. Zumal es ausdrückliche Hoffnung der Initiative ist, mit einem qualitativen Angebot nicht ausschließlich Gäste zu empfangen, die aus Wohltätigkeitszwecken das Projekt unterstützen oder einen spektakulären Ort aufsuchen wollen. Man soll auch gut essen können – Wasser und Brot gibt es schließlich nur im Film.

 

 

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