Dr. No in Córdoba

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Text: Norman Kietzmann, Foto: David Vico 

Erst Steinbruch, dann Viehstall, heute Wohnhaus. Eine Höhle bei Córdoba durchlebte gleich mehrere wechselvolle Verwandlungen, die nun zu einem architektonischen Happy End geführt haben: Ein filmreifes Wechselspiel von Alt und Neu, das die Sinne auf eine beständige Entdeckungsreise führt.  

Wenn archaische Höhlenwelten auf modernistische Architektur treffen, ist ein Hauch von James Bond vorprogrammiert. Schon bei der ersten Verfilmung von Ian Flemings Roman, „Dr. No“ (1962), hatte Set Designer Ken Adam eine elektrisierende Mixtur aus Steinzeit und Zukunft erfunden, die sich wie ein roter Faden durch die Agentenfilme der beiden folgenden Dekaden ziehen sollte. Dass die Strahlkraft dieser Interieurs keineswegs nur auf die Leinwand beschränkt sein muss, zeigt ein Wohnhaus unweit von Córdoba, das als Ferienunterkunft gemietet werden kann. 

Römer und Araber
Lärmende Mitreisende sind dort kaum zu befürchten. Das Haus ist von einem 3000 Quadratmeter großen Grundstück umringt und schmiegt sich schützend an eine Felsformation, als wollte es sich vor der Außenwelt verkriechen. Die Höhle, die der Casa Tierra als Baugrund dient, wurde einst als Steinbruch genutzt. Über die zeitliche Datierung sind sich die Archäologen indes uneinig. Einige behaupten, dass der Höhlenkomplex bereits aus der Zeit der römischen Besetzung stamme, als Córdoba noch Colonia Patricia hieß. 

Palast des Kalifen 
Andere hingegen sehen den Ursprung während der arabischen Regentschaft im 10. Jahrhundert, als dort einige Steine für die nur wenige Kilometer entfernt errichtete Stadt Medina Azahara und den Palast des Kalifen Abd Ar-Rahman III. gewonnen wurden. Im 19. und 20. Jahrhundert ist die Höhle von den örtlichen Bauern in Beschlag genommen wurden, die sie zur Unterbringung von Kühen und Schafen nutzen und zusätzliche Stallungen anlegten. Auch eine Stierkampfarena findet sich auf dem Gelände, in der bis vor wenigen Jahren noch Kämpfe ausgetragen wurden und in der einige der berühmtesten Stierkämpfer Spaniens auftraten. Bevor die Tiere in die Arena geführt wurden, konnten sie hier ihre letzten ruhigen Minuten verbringen. 

Erst Steinbruch, dann Viehstall, heute Wohnhaus. 
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Filmreife Verwandlung 
Die Verwandlung der Höhle in eine filmreife Unterkunft lag in den Händen von Andrés Moreno und Manuel Murillo des lokal ansässigen Architekturbüros UMMOestudio. Rund 93.500 Euro hat der Umbau des 73 Quadratmeter großen Wohnhauses gekostet, wofür der Fels mit neuen Wänden geschlossen und mit einem zusätzlichen Baukörper in den Außenraum erweitert wurde. Auch einige bestehende Mauerreste sind in den Hausbau integriert worden. Das neue Volumen dient zur Unterbringung der Küche, die mit ihren weiß verputzten Wänden einen atmosphärischen Gegenpol zur rau strukturierten Höhlendecke setzt. Das Prinzip des sorgsam inszenierten Chaos wird am Boden mit unregelmäßig zerbrochenen, weißen Marmorplatten aufgegriffen, die eine spannende räumliche Klammer zum Fels inszenieren.

Eine Dosis Dr.-No-Feeling
Von der Küche aus führt eine dreistufige Treppe hinunter in den offenen Wohnbereich, der die gesamte Höhle ausfüllt. Für die entscheidende Dosis Dr.-No-Feeling sorgt ein dunkelgrauer Estrichboden, der die Archaik des Gesteins mit puristischer Klarheit zu bändigen vermag. Wärme wird hingegen bei der Möblierung groß geschrieben, die zum Teil eigens für das Höhlenhaus angefertigt wurde. Unweit der Küche wird ein runder, hölzerner Esstisch von drei geflochtenen Stühlen umringt, darüber wölbt sich Achille Castiglionis berühmte Bodenleuchte Arco. Eine mit weißem Stoff bezogene Eckcouch wird von mehreren Teppichen flankiert, die die Nüchternheit des Estrichbodens brechen. 
Schlafzimmer und Wohnzimmer bilden ein fließendes Kontinuum.
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Fließendes Kontinuum
Schlafzimmer und Wohnzimmer bilden ein fließendes Kontinuum. Den Übergang markiert eine schmale Konsole, die direkt vor die Höhlenwand platziert wurde und ebenfalls von einem geflochtenen Stuhl ergänzt wird. Das von grobkarierten Stoffen umschlungene Himmelbett schließt direkt an die Rückseite des Badezimmers an, das links vom Hauseingang durch eine raumhohe weiße Wand abgetrennt wird. Die subtile Romantik des Bettes wird von einem monumentalen, hölzernen Kleiderschrank gebrochen, der nahtlos in einen U-förmigen Tisch übergeht und sich in den Raum hinaus fortsetzt. „Wir wollten einen Dialog zwischen den vorhandenen räumlichen Bedingungen und der neuen Architektur erzeugen, indem wir sie auf respektvolle Weise annähern, anstatt in direkten Kontakt zu setzen“, erklärt Andrés Moreno den Gestaltungsansatz.  

Natürliche Klimatisierung
Die Fensteröffnungen zur nach Süden ausgerichteten Gartenseite haben die Architekten bewusst klein gehalten. Schließlich soll ein allzu starkes Aufheizen vermieden werden. Der Fels wirkt wie eine natürliche Klimaanlage, die die Temperaturen im Inneren konstant bei 18 bis 20 Grad hält – was vor allem in den brütend heißen Sommermonaten ein Segen ist. Im Winter kann hingegen auf eine Heizung verzichtet werden, sodass die Casa Tierra das gesamte Jahr über als Unterkunft genutzt werden kann. Wenn es Dr. No jemals nach Córdoba verschlagen hätte: Diese Höhle wäre eine Unterkunft ganz nach seinem Geschmack gewesen. 

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