Zum Dinner ins Parkhaus

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Text: Tanja Pabelick


Es war einmal ein altes Parkhaus im Osten der Provinz Stockholm, das lag ungenutzt und unscheinbar zwischen Tankstellen, Fitness-Studios und Shoppinggalerien. Statt es abzureißen, entschied sich die Gemeinde Boo für eine Umnutzung – und baute in das Gebäudeskelett ein Restaurant ein, das einige Elemente seines früheren Zustandes behalten durfte. Beton, Kupfer und Kachelwände treffen hier auf Jagd-Devotionalien und aus Schweden-Klischees bekannte Sommerhaus-Accessoires. Eine ungewöhnliche wie gute Mischung.


 
Der Name Stockholm selbst beschreibt seine Lage schon recht genau, denn Holm ist eigentlich nur das schwedische Wort für Insel. Die sogenannten Schärengärten an der Ostküste des Landes sind aber nicht nur die Heimat der Hauptstadt. Auf den Hunderten von Landbruchstücken, die die Provinz Stockholm ausmachen, befinden sich malerische Vororte und Kleinstädte im Einzugsgebiet. Die Ortschaft Boo ist nicht nur durch 15 Kilometern Wegstrecke, sondern auch durch eine Meeresenge namens Skurusundet von der Stadt getrennt. Schicke Restaurants, Cafés und Nachtclubs siedeln sich in der Regel lieber urbaner und deshalb weiter westlich an. Für die Boo-Bewohner sind Distanz und Wasserkreuzung regelmäßige Hürden, die es für Exkursionen ins Stadtleben zu nehmen gilt. Nun gibt es einen Grund mehr, die Hauptstadt Hauptstadt sein zu lassen und sich diesen Weg zu sparen.

Insel-Restaurant

Der Designer Richard Lindvall hat ein altes Parkhaus im Norden von Boo zu einem Restaurant mit angeschlossenem Club umgeplant. Nach einer Recherche-Reise des Gestalters mit dem Ziel Polen stand der Name bald fest: Nazdrowje, was Prost auf Polnisch heißt und gleichzeitig das übergeordnete Thema des Interieurs andeutet. Denn bei seinem Trip in den Osten Europas besuchte er auch einige der alten verlassenen Fabriken und fand dort die Atmosphäre, die er ins schwedische Boo importieren wollte.
 
Kupferakzente
 
Roh und unverputzt sollte es im polnischen Restaurant aussehen – Eigenschaften, die das Parkhaus schon mitbrachte und die einfach erhalten wurden. Die polierten Betonböden und Betonwände ergänzte Richard Lindvall durch passende Sitzbänke, die direkt an die Wand angegossen wurden. Highlights setzt Kupfer in Form von Platten, die als Verkleidung am großformatigen Kamin dienen oder mit Standard-Wasserrohren, die als geradlinige und speziell angefertigte Leuchten mit einfachen Glühbirnen an der Decke entlangführen. Diese Rohre finden auch in den Sanitärräumen als archaische Armatur Verwendung, und die Heizungsanlage wurde ebenso daraus gebaut. In langen Schleifen führt sie unter dem großformatigen Fenster entlang.

Kachel-Karos

 
Überall dort, wo die Wände gelegentlich gereinigt werden müssen, wie in den Bädern oder hinter der Bar, sind sie komplett mit weißen Fliesen im Standardmaß gekachelt. Das verleiht der Parkhausatmosphäre eine Prise Schwimmbad-Flair, der Gefahr einer Übernüchterung des Ambientes beugen dann wiederum Dekorationsobjekte vor. Holzscheite stapeln sich in Kaminnähe, über der Bar hängt eine Reihe alter Industrieleuchten, die der Designer in einer tschechischen Fabrik aufgetrieben hat. In einer Ecke des Raumes hängt ein Hirschkopf, der von hier den ganzen Speisesaal überblickt. Schlussendlich sind da aber auch noch die wahren Helden der Veränderung: Ganz dem Industriethema folgend hat der Gestalter die verschwitzen Handwerker nach getaner Arbeit vom Fotografen Mattias Lindbäck ablichten lassen – und die gerahmten Bilder im Restaurant verteilt.
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