Es war einmal...

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Text: Katharina Horstmann, 27.10.2010


In der Mode verwandelte er Hosen zu Röcken, Handschuhe zu Blusen oder Magnetbänder zu Stolen. Im Design machte er aus Tapeten Kamine, aus Flaschen Leuchten oder aus Wachs Kerzenständer: Martin Margiela. Auch bei der Gestaltung der Suite „Ile aux Oiseaux“ im Spa-Hotel Les Sources de Caudalie nahe Bordeaux, einem seiner letzten Entwürfe vor seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen Maison Martin Margiela, setzte der belgische Modedesigner sein dekonstruktivistisches Verfahren fort. Das Resultat: ein Interieur mit illusionistischen Details, überraschenden Metamorphosen und der (Nicht-) Farbe Weiß.
 
 
Das Les Sources de Caudalie ist inmitten der Weinbauregion Château Smith Haut Lafitte ansässig und bekannt für seine Vinotherapie, die antibakteriell wirkt und dabei den Stoffwechsel ankurbelt sowie die Durchblutung fördert. Zu seinem zehnjährigen Jubiläum beauftragten die Besitzer Martin Margiela, die von dem Hauptgebäuden des Anwesens etwas abseits gelegene Suite „Ile aux Oiseaux“ – zu Deutsch: Vogelinsel – neu zu gestalten.
 
Trompe-l'œil
 
Betritt man den hölzernen Pfahlbau, der oberhalb eines Weihers liegt, findet man sich in einem illusionistisch anmutenden Raum wieder, in dem die Farben Weiß, Schwarz und Grau dominieren und in dem mittels geschickter perspektivischer Darstellung eine nicht vorhandene Räumlichkeit vorgetäuscht wird. Die Wände sind mit einer Tapete verkleidet, die eine Abbildung eines Schwarz-Weiß-Fotos von einem Pariser Apartment aus der Hausmann-Epoche aufgreift. So befindet sich beispielsweise anstelle des alten Kamins ein Bild eines eben solchen an der Wand. Die Holzdecken wiederum sind komplett in Weiß gestrichen und lassen den Raum größer wirken; der Fußboden ist aus Holz und mit weißen Kuhfellen bedeckt.
 
Metamorphose
 
Die meisten Möbel stammen aus zweiter Hand oder wurden transformiert. Der Schreibtisch, der rechts von der Eingangstür steht, besteht aus einer transparenten Glasplatte, die auf fünfzig dünnen Stäben steht. Auf ihm steht eine Leuchte aus der Kollektion N°13 von Maison Martin Margiela: eine Flasche, auf der ein weißer Lampenschirm sitzt. Ihm gegenüber stehen zwei alte Stühle aus den 1950er Jahren, die – typisch Margiela – mit weißen Schonbezügen bedeckt sind. Einziger Farbtupfer hier ist das rote, mundförmige Sofa Bocca, ein Designklassiker aus Polyurethan aus den 1970er Jahren des italienischen Herstellers Gufram. Davor steht ein kubusförmiger Beistelltisch aus Spiegelglas.
 
Im hinteren Teil des Raums befindet sich ein schlichtes weißes Doppelbett, dessen Kopfende aus zwölf weißen quadratischen Kissen zusammengesetzt ist, die an der Wand befestigt wurden und bis zur Decke reichen. Daneben ein Schrank, der ebenfalls aus Spiegelglas ist und den Raum reflektiert.
 
Patina
 
Das Badezimmer ist nur mit einem dicken, grauen Vorhang vom Wohn- und Schlafraum getrennt. Auch hier wird das Konzept der perspektivischen Täuschung aufgegriffen: Der Fußboden besteht aus einem PVC, der Steinfliesenmuster in Cabochon-Form imitiert; alles anderes ist komplett in Weiß gehalten.
In der Mitte des Bads steht vor einem Fenster eine alte gusseiserne Badewanne auf vier Füßen, das einzige Relikt aus der vorangegangenen Dekoration der Suite. Links davon befindet sich eine große Spiegelwand, rechts davon zwei Waschbecken, die an Modelle erinnern, die Anfang des 20. Jahrhunderts in französischen Schulen benutzt wurden. Über diesen hängt ein Spiegel, der aus verschiedenen alten Spiegeln zusammengesetzt wurde und insbesondere durch seine Patina charmant wirkt.
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