Gegenwart im Bad

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Text: Jasmin Jouhar, Foto: Christoph Rokitta, 08.09.2015

In einem Altbau zu wohnen, ist in Berlin mehr als nur eine Option unter vielen auf dem Immobilienmarkt. Es ist ein Lebensentwurf, vielleicht sogar die Berliner Daseinsform schlechthin. Doch wenn der Altbau saniert werden soll, haben Architekten meist nicht viel Spielraum. Was gibt es an den großzügigen Zimmern und der historischen Ausstattung schon zu ändern? Gerade deswegen sind die Wohnungen ja so begehrt. Dieser Umbau eines 3-Zimmer-Apartments vom Berliner Architekturbüro Atheorem zeigt, wo trotzdem was geht: in Küche und Bad nämlich.

Die Wohnung ist nahezu idealtypisch: zwei Zimmer zur Straße, ein weiteres Zimmer, Küche und Bad zum Hof. Der Grundriss ist kompakt, es gibt kein unpraktisches Berliner Zimmer und die beiden großen Räume sind mit einer Flügeltür verbunden. Auf dem Boden: Eichenparkett und Dielen. Die Lage des 1890 erbauten Hauses in der Linienstraße in Mitte verheißt urbanes Leben zwischen Vintageläden, Coffeeshops und Restaurants. Klassisch, repräsentativ, charmant oder einfach nur „traumhaft“ – so heißt es bei solchen Objekten in den Anzeigen der Suchportale.

Trifft neu alt?
Weniger traumhaft sind häufig die Nebenräume: verbaute Grundrisse, marode Installationen, hässliche Fliesen. Beschränkt sich der Sanierungsbedarf in den Zimmern darauf, Wände, Böden und Fenster zu überarbeiten, müssen Küchen und Bäder oft komplett neu geplant werden. Die zentrale Frage: In welcher ästhetischen Beziehung steht das Neue zum Alten? Wird die historische Substanz nachgeahmt mit Profilleisten und Musterfliesen, wird es schnell kitschig. Betont zeitgenössische Elemente wie Glastüren oder Lichtleisten zerstören als Fremdkörper die atmosphärischen Qualitäten.

Kontemporäre Komponenten
Die Architekten Carla Rocneanu und Patrick Loewenberg von Atheorem setzten beim Umbau der 3-Zimmer-Wohnung auf den Mittelweg zwischen Anpassung und Distanz: „Die einzigen kontemporären Komponenten des neuen Grundrisses sind das Badezimmer und die Küche, die abstrakt gestaltet wurden, um einen sublimen Kontrast zu den originalen Gestaltungsmerkmalen der Gründerzeit herzustellen, deren Materialität und Tonalität sich hier wiederholen.“ In den Zimmern dagegen wollten sie die Qualitäten des Bestands betonen: „Die wesentlichen Wohnräume wurden dabei behutsam in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, um die vor Ort gefundenen, historischen Elemente wie Türen, Fenster und Parkettböden zur Geltung zu bringen.“

Dezent-hochwertig
In die typisch schmale Küche haben die Architekten eine neue Zeile mit Unterschränken, Spüle und Herd einbauen lassen. Die Arbeitsplatte aus Edelstahl hat der Küchenhersteller Blanco nach ihren Entwürfen maßgefertig, und die Armatur in einem warmen Messington kommt von Vola aus Dänemark. In der Wand hinter der Küchenzeile bietet eine Regalnische zusätzlich Stauraum. Das ist alles sehr reduziert in der Formensprache, dezent-hochwertig und setzt vor allem mit Details wie den abgekanteten Griffen Akzente.

Im Licht duschen
Das Badezimmer mit Dusche und WC grenzt an die Küche und fällt noch schmaler aus. Anders als in der Küche haben die beiden Architekten hier den ganzen Raum umgestaltet, der sich mit seiner kühl-lichten Atmosphäre nun deutlich vom warmen Altbauambiente absetzt. Der Boden und die Wände sind fugenlos weiß mit Epoxidharz beschichtet, auch Möbel und Sanitärobjekte strahlen in demselben Farbton. Die geringe Fläche ist geschickt ausgenutzt: Einbauschränke rahmen die Tür, und die Dusche ist direkt vor dem Fenster platziert. Damit es großzügiger wirkt, geht der Boden ohne Stufe oder Leiste direkt in die Duschfläche über, Regenbrause (Hansgrohe) und Handbrause (Vola) kommen ansatzlos aus der Wand. Lediglich Vorhänge trennen den Duschbereich ab und schaffen Sicht- und Spritzschutz. Der schmale, lange Waschtisch ist ebenfalls ein Eigenentwurf der Architekten, aus Corian gefertigt und mit einer Vola-Armatur ausgestattet. Die Wand hinter dem Waschtisch ist großflächig verspiegelt, zwei Spiegelleuchten von Artemide (Dioscuri Parete) hellen das Bad zusätzlich auf. In allen Räumen haben die Architekten Produkte aus der Schalterserie LS 990 von Jung einbauen lassen.

Berliner Traum
Mit diesem Umbauprojekt zeigen Atheorem, dass auch im Altbau Spielraum bleibt für Gestaltung, und Architekten nicht in Ehrfurcht vor dem Bestand erstarren müssen. Und die Auftraggeber können nun ihren Berliner Traum von hohen Decken, Flügeltüren und alten Holzböden leben. Ohne dabei auf den Anschluss an die Gegenwart verzichten zu müssen. Dafür gehen sie bloß mal eben rüber ins Bad.

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