Grüner wird's nicht

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Text: Cordula Vielhauer, Foto: Torsten Seidel, 30.08.2010


Heute muss zwar jedes neue Gebäude eine positive Energiebilanz ausweisen, doch es macht immer noch einen Unterschied, ob Nachhaltigkeit nur das Sahnehäubchen ist, das es als energieoptimierendes Finish noch dazu gibt, oder ob sie von Anfang an die Grundlage der Gebäudekonzeption bildet. Das Architektur- und Ingenieurbüro Ziegert Roswag Seiler hat sich mit konstruktivem Lehmbau einen Namen gemacht – von Bangladesh bis Abu Dhabi ist sein Wissen gefragt. Der Ausbau des eigenen Büros in Berlin-Kreuzberg erfüllt höchste Ansprüche an Umweltgerechtigkeit – und zwar auf allen Ebenen. Das kann man sehen, fühlen und sogar riechen.


Das Gebäude am Stichkanal zwischen Spree und Landwehrkanal gehört zu einem ehemaligen Gewerbekomplex aus der Gründerzeit; die Räume der Arbeitsgemeinschaft aus Ingenieuren und Architekten liegen in einem klassischen Loft im vierten Stock des Altbaus. Um die Anforderungen an die verschiedenen Aufgabenbereiche der Bürogemeinschaft zu erfüllen, wurde der große Raum aufgeteilt. Denn hier wird nicht nur entworfen und gerechnet; ein wichtiger Schwerpunkt liegt in der Forschung: Die Ingenieure sind gerade dabei, sich die Lizenz als Prüflabor für Lehmbau zu erarbeiten. An einem Niedrigenegiehaus ohne Lüftungsanlage in Holz- und Lehmbauweise tüfteln Ingenieure und Architekten gemeinsam, zudem werden hier immer wieder Lehmbaustoffe und innovative Holz- und Bambuskonstruktionen entwickelt.

Lehmkubus und Holzkiste

Bei ihrem Büroausbau kamen daher selbstverständlich solche Materialien zum Einsatz, die Ziegert Roswag Seiler auch bei ihren Projekten am liebsten verwenden: Holz und Lehm. Ein „Lehmkubus“ aus Holzständerwänden mit Lehmbauplatten nimmt rechts vom Eingang die Sanitäranlagen und das Prüflabor auf. Wer dabei an schlammbraune Wände mit Stroheleinlage denkt, liegt jedoch falsch: Die Lehmbauplatten der Firma Claytec, die die Ingenieure auch mitentwickeln, kann als Oberfläche mit Feinputz in vielen Farben bekleidet werden; hier wurde eine hellgrauer Putz mit leichtem Glimmeranteil gewählt. Sie bildet einen kühlen Kontrast zu den weiß gebeizten Regalen aus Konstruktionssperrholz. Letzteres kleidet auch die beiden Chefbüros und die Teeküche auf der hinteren, linken Seite des Büros ein; dabei dienen die Trennwände gleichzeitig als Stauraum. Direkt neben dem Eingang liegt der komplett verglaste Besprechungsraum mit Blick über die Spree und ihr intensiv genutzes Ufer mit seiner Mischung aus Kulturbetrieben und gewerblichen Nutzungen.

Arbeitsklima und Ergonomie


Herzstück des Büros ist jedoch der große, offene Bereich in der Mitte des Lofts. Hier stehen die vier Gemeinschaftstische für die Mitarbeiter. Um ihnen möglichst viel Beinfreiheit zu gewähren, werden die sechs Meter langen Tische lediglich an den äußeren Enden gehalten und bieten an jeder Seite Platz für je drei gegenüber liegende Arbeitsflächen. Ein Kanal für die Kabelführung in der Mitte unter der Platte dient dabei gleichzeitig als Aussteifung. Die Tische sind aus Konstruktionssperrholz gefertigt, weiß gebeizt und mit Linoleum belegt. Halbhohe Sideboards aus dem gleichen Material dienen als Stauraum und Trennung zwischen den Arbeitsgruppen. Jeder Angestellte hat zudem ein eigenes geschlossenes Fach für persönliche Gegenstände. Auch unter ergonomischen Gesichtspunkten werden die Belange der Mitarbeiter berücksichtigt: Die Monitore der Rechner können mit einem selbst entworfenen Stapelsystem aus kleinen Brettchen unterschiedlich hoch gelagert werden. Für gesundes Sitzen sorgen der dreidimensional bewegliche Drehstuhl ON und der Modus (beide Stühle von Wilkhahn). Neben der Bestuhlung erkennt man die unterschiedlichen Plätze von Ingenieuren und Architekten übrigens auch an den Arbeitsgeräten: Die Ingenieure sitzen an PCs, die Architekten an Macs.

Licht und Luft


Die Belichtung des Büros wurde ebenfalls in Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte optimiert: So sorgen Sensoren und Schalter an den Tischen für eine präsenzgesteuerte Beleuchtung der Arbeitsplätze. Alle Innenwände besitzen zudem im oberen Bereich Verglasungen, die das Tageslicht bis in die fensterlosen Innenräume leiten.
Es ist auch kein Wunder, dass Besuchern beim Betreten des Büros sofort die frische Luft auffällt: Hier herrscht kein Büromief – trotz Sommerhitze und Südausrichtung. Das ist kein Zufall, sondern gezielte Planung: Zum einen dienen die Lehmwände als Speichermasse, die Feuchtigkeit aufnehmen und die Räume kühl halten, zum anderen absorbieren sie Schadstoffe aus der Raumluft. Es werden hier jedoch dank der ökologischen Baumaterialien gar nicht so viele frei gesetzt, zudem sind alle emittierenden Geräte wie Drucker und Kopierer in einem eigenen geschlossenen Raum im „Lehmkubus" untergebracht. Bei Raumluftmessungen wurden daher so gut wie keine Schadstoffe nachgewiesen. Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Detail ist sicher auch die Dusche, die extra für die zahlreichen Fahrradfahrer im Büro eingerichtet wurde. Nachhaltigkeit fängt eben schon auf dem Weg zur Arbeit an.
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