Katalonisches Puzzlespiel

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Text: Norman Kietzmann, Foto: Salva Lopez

In einem mittelalterlichen Kastell bei Girona platzierte das spanische Architekturbüro Mesura eine mäandernde Landschaft aus Stein. Das Ergebnis ist kein idyllischer Paradiesgarten, sondern ein betont architektonischer Rückzugsort, an dem Rauheit und Sinnlichkeit ineinandergreifen.

Nicht jede Burg muss ein Museum sein. Wer Glück hat, verwendet den Spruch „My home is my castle!“ durchaus im wortwörtlichen Sinne. Wie ein historisches Gemäuer in ein wirkliches Zuhause verwandelt wird, ist im Umland der katalonischen Stadt Girona zu bestaunen. Dort erwarb ein privater Käufer das Castello di Peratallada und baute es zu einer Ferienresidenz um. Deren Besonderheit liegt nicht nur am Charme der alten Mauern, die zum Teil bis ins 10. Jahrhundert zurückreichen. Es ist vor allem die Umgestaltung des Hofes, die einen spannenden und charaktervollen Ort entstehen ließ.

Steinerner Garten
Das vom Eigentümer beauftragte Architekturbüro Mesura aus Barcelona gestaltete einen steinernen Garten im Innenhof des Kastells, bei dem nichts von der Stange ist. „Der Baugrund hat eine sehr komplexe Topografie mit einem Gefälle von knapp zwei Metern von der Straße zur Eingangstür. Wir haben dieses Problem mit drei verschiedenen Plattformen gelöst“, erklären die Architekten und treffen punktgenau ins Schwarze. Die Positionierung der Ebenen richteten sie auf einen rund 300 Jahre alten Akazienbaum aus, der als großer Schattenspender den Hof dominiert. Auch die weitaus kleineren Bäume nahe der historischen Mauern wurden in das tektonische Spiel der Höhenebenen integriert.

Sprung über drei Höhenebenen
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Lebendiges Raster
Den Leitfaden für die Planung lieferte die Materialität. Sämtliche horizontale Ebenen sind mit Blöcken aus Travertin ausgelegt, deren Farbe und Struktur mit dem alten Mauerwerk korrespondieren. Die Architekten konnten hierbei auf Überreste eines nahe gelegenen Steinbruchs zurückgreifen. Weil die Abmessungen der sieben und fünfzehn Zentimeter starken Blöcke variieren, wurde ein streng monotones Raster vermieden. Stattdessen sind die Steine als ein großes Puzzle zusammengesetzt worden, das eine changierende und dynamische Wirkung erzeugt. Kontinuität herrscht auch bei sämtlichen Treppenstufen, die ebenso aus Travertin gefertigt sind wie zwei lange Sitzbänke.

Schimmerndes Nass
Ein materieller Wandel wird lediglich bei den vertikalen Elementen vollzogen. Die Mauern, die die drei Höhenebenen voneinander trennen, sind aus Sichtbeton gegossen wie auch ein freistehender Küchenblock. Den Mittelpunkt des Hofes bildet ein Pool, der eine starre Rechtecksform vermeidet und stattdessen mit Vor- und Rücksprüngen eine komplexere Geometrie aufzeigt. Die Steinplatten ragen leicht über das Wasser hinweg, das dank einer farbigen Beckenverkleidung hellblau schimmert. Wenn sich das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche bricht, tanzen die Spiegelungen über den steinernen Garten hinweg und erwecken ihn zum Leben. 
Kein Paradiesgarten, sondern ein architektonischer Rückzugsort
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Zeitgemäße Ewigkeit 
Das Ergebnis ist ein zurückhaltender und dennoch prägnanter Ort, der mit den historischen Mauern eine stimmige Verbindung eingeht. Der Grund für das Gelingen basiert auf den Details. Die Beleuchtung des Hofes wurde unsichtbar an die Unterseite der Travertin-Bänke sowie der metallenen Treppengeländer integriert. Sämtliche Anschlüsse, Leitungen und andere technische Belange sind komplett unterhalb der Steindecke verdeckt worden. Der Hof scheint damit zwischen den Zeiten zu oszillieren. Er wirkt zeitgenössisch, gewiss. Und doch strahlt er einen Anschein von antiker Ewigkeit aus. Schade, dass das Kastell tatsächlich nur als private Sommerresidenz genutzt wird. Die mäandernde, steinerne Poollandschaft wäre wirklich eine Reise wert.

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