Kraftquellen der Stille

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Text: Claudia Simone Hoff, 07.03.2016

Ohne ein Bad im traditionellen Onsen kann kein Japaner leben. Kerry Hill Architects haben mit dem Resort Amanemu in der Präfektur Honshu Mi die japanische Architektur- und Designtradition in die Gegenwart übersetzt und einen Ort zum Abtauchen geschaffen. Der größte Luxus? Platz!

Aman ist eine 1988 gegründete Luxushotelgruppe, zu der dreißig Resorts in zwanzig Ländern gehören. Allen gemein ist der hohe Anspruch an Architektur und Interiordesign, der immer verankert ist in der Kultur und den Traditionen des Gastgeberlandes. Das Thermalresort Amanemu liegt im Ise Shima-Nationalpark an der zerklüfteten Ago-Bucht in der Präfektur Honshu Mi und ist neben dem Aman Tokyo das zweite Hotel der Gruppe in Japan. Der Ort könnte idyllischer nicht sein: Inmitten von Ahorn- und Kirschbäumen auf einer Anhöhe gelegen, schweift der Blick vom Hotel hinüber zum Meer.

Umgebung des Hotels
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Wasser steht im Fokus des Hotels, genauer gesagt die traditionelle Onsen-Kultur, die im täglichen Leben der Japaner eine große Bedeutung hat. Da Japan auf vulkanisch aktivem Gebiet liegt, ist das ganze Land geradezu übersät von heißen Quellen. Eine Lieblingsbeschäftigung der Japaner am Wochenende oder in den Ferien ist deshalb seit jeher ein Besuch der Onsen-Kurorte oder eines traditionellen Hotels. Solche Ryokans verfügen über ein öffentlich zugängliches Onsen und manchmal auch über private Thermalbecken. Ganz in der Tradition des Ryokan wird im Amanemu übrigens auch die japanische, stark ritualisierte Willkommenskultur Omotenashi zelebriert. Eine weibliche Managerin, Okami genannt, erahnt und erfüllt die Wünsche der Gäste und versucht zuweilen gar sie zu übertreffen.

Wie ein Bauernhaus
Konzeptionell ist das Hotel ganz auf die Tradition der japanischen Badekultur ausgerichtet. Deshalb gibt es neben einem großen Onsen im Außenbereich ein 2000 Quadratmeter großes Spa mit Gemeinschafts-Onsen und zwei privaten Badepavillons. Auch sind sämtliche Gästezimmer – 24 Suiten und vier Villen – mit privaten, gestalterisch sehr schlicht gehaltenen Thermalbecken ausgestattet. Sitzt man im wohltuend heißen Wasser, geht der Blick durch die raumhohen Fenster hinaus ins Grüne. Ähnlich wie im Aman Tokyo setzen Kerry Hill Architects auch hier ganz auf japanische Architektur- und Designelemente, die handwerklich auf hohem Niveau umgesetzt sind. Die über das Gelände verteilten Gästehäuser mit tiefgezogenen Ziegeldächern und Wänden aus dunkel gebeiztem Zedernholz beispielsweise erinnern an typische japanische Bauernhäuser, die sogenannten Minkas.

In der Ruhe liegt die Kraft
Die wohlproportionierten Volumina setzen sich im Inneren fort. Unaufgeregt und klar sind die mit hellen, japanischen Hölzern getäfelten Räume. Sie sind mit maßgefertigten Möbeln und Stoffen in warmen Farbnuancen eingerichtet. Das gestalterische Konzept: klare Linien, kubische Formen, wenige, aber hochwertige und haptisch interessante Materialien. Leuchten, Schiebetüren, Lichtpaneelen und dekorative Elemente sind in der Kunst des Kumiko ausgeführt, in der Holzstücke ohne Nägel zu filigranem Sprossenwerk oder kunstvollen Mustern zusammengefügt werden. Ergänzt wird das wirkungsvolle Interior, in dem es nie ein Zuviel an Dekoration gibt, um Kunstwerke des japanischen Kimonodesigners Genbei Yamaguchi. Die Gästezimmer sind großzügig gehalten – 99 Quadratmeter die Suiten, 375 Quadratmeter die Villen –, was in Japan der eigentliche Luxus ist.

Die Rückbesinnung auf klassische Handwerkstechniken, wenige, sehr hochwertige Materialien und die Übersetzung japanischer Gestaltungstraditionen in zeitgemäße Architektur – Kerry Hill Architects ist mit dem Projekt Amanemu ein Kunststück gelungen: einen Ort zu schaffen, der einfach ist und luxuriös zugleich. Wer hier Urlaub macht, taucht ab. In die Stille, den Wald und den Onsen.

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