Leuchtende Luftschlösser

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Text: Julia Bluth, Foto: Philippe Tabouriech


Wie ein Raumschiff!“, „Wie eine Kathedrale!“ oder gar „Wie eine Gebärmutter!“ – die Assoziationen der Besucher der aufblasbaren Labyrinthe von Architects of Air sind ebenso phantasievoll wie vielfältig. Allen gemein ist jedoch die Begeisterung und Verblüffung angesichts der geradezu überirdisch leuchtenden Farben im Inneren, die allein durch das einfallende Tageslicht entstehen. Gerade einmal zwanzig Minuten dauert es, bis sich eine flach auf dem Boden ausgebreitete Plane aus PVC in ein bis zu zehn Meter hoch aufragendes, mit Luft gefülltes Luminarium verwandelt hat.


Alles begann in den frühen achtziger Jahren, als Alan Parkinson als Leiter eines sozialen Theaterprojektes mit aufblasbaren Plastikskulpturen experimentierte. 1992 hatte er die Technik soweit verfeinert, dass er im englischen Nottingham die Architects of Air gründete und mit dem ersten Luminarium auf Reisen ging. Seither hat er jedes Jahr ein neuen Entwurf verwirklicht und die verschiedenen Modelle mit so klangvollen Namen wie Levity, Amococo oder Amozozo auf über 500 Veranstaltungen in 37 Ländern präsentiert.

Gefiltertes Licht


Um das Tageslicht auf effektvolle Weise filtern zu können, arbeiten die Architects of Air mit mehreren Schichten aus besonders feinem PVC in vier Grundfarben. Extra für sie von einem lokalen Unternehmen hergestellt, misst der spezielle Kunststoff weniger als einen halben Millimeter in der Dicke. In viermonatiger Handarbeit werden die einzelnen Planen verklebt, um etwa zwanzig per Reißverschluss verbindbare Einzelelemente entstehen zu lassen.

Am Ende steht ein über 1000 Quadratmeter großes Labyrinth aus Gängen, Nischen und Kuppeln, dessen Formensprache Elemente der osmanischen, gotischen und orientalischen Architektur widerspiegelt. Mirazozo, Alan Parkinsons Entwurf von 2010, unterscheidet sich von seinen Vorgängern vor allem durch das geometrische Netz leuchtender Nahtlinien, die den Blick in die Kuppel lenken. Inspiriert von den Mustern islamischer Kunst und Architektur soll der Besucher sich in kontemplativer Betrachtung der schimmernden Geometrie verlieren können.

Die äußere, silberne PVC-Plane ist blickdicht, während die farbigen Schichten transparent und besonders lichtdurchlässig sind. So entstehen aus den ursprünglichen vier Farben anhand unterschiedlicher Kombinationen und wechselnden Lichteinfalls unzählige Farbnuancen. Selbst an einem wolkigen Tag lässt die UV-Strahlung die Besucher in ein Meer aus direktem und reflektiertem Licht eintauchen. Der Effekt funktioniert ähnlich wie bei den Buntglasfenstern gotischer Kathedralen und versetzt seine Betrachter ebenso ins Staunen.

Miracoco


Das neueste Luminarium Miracoco ist der bisher aufwändigste Entwurf der Architects of Air. Drei zwölfflächige Kuppeldome in den Farbgebungen Rot, Blau und Grün gruppieren sich um einen voluminösen Zentraldom, der mit seiner monumentalen Form an den Lotustempel in Indien erinnert. Größer als alle seine Vorgänger, besticht er bei einfallendem Tageslicht durch ein einzigartiges Spiel aus Lichtpunkten und changierenden Farbfeldern im Inneren der Kuppel.

Im Juli diesen Jahres feierten die Architects of Air mit ihrer Neuschöpfung Premiere im französischen Annecy, um im Anschluss die weltweite Tournee zu beginnen. Sie verprechen, dass kein Besuch dem anderen gleicht, da die Erfahrung des Ortes je nach Lichtverhältnissen und Zusammensetzung der Besucher stark variiert. So wie Verner Pantons begehbare Wohnhöhle Visiona aus dem Jahr 1970 mit ihrem psychedelischen Design zur totalen Entspannung einlud, scheint auch ein Luminarium für die meisten Erwachsenen ein Ort der Ruhe und Besinnung zu sein. Viele liegen oder sitzen in den verschiedenen Nischen und verlieren sich in der Betrachtung des Lichts. Kinder hingegen fühlen sich durch die Kraft der Farben eher zu erhöhter Aktivität stimuliert und bringen die leichten Strukturen durch Laufen und Springen zum Vibrieren.

Im November ist Miracoco auf der Insel Malta zu Gast, und tausende von Menschen werden aufs Neue die Schuhe ausziehen, um für zwanzig Minuten an einem Spektakel aus Licht und Farbe teilzuhaben. Denn: Wenn irgendwo die Bühne die Show ist und das Licht in all seinen Facetten der Star, dann in einem Luminarium.
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