Quartett am See

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Text: Markus Hieke, Foto: Fredric Boukari und Lars Grafström, 29.03.2016

Wer Doppelhaushälfte oder Townhouse liest, denkt normalerweise kaum an ein Haus am See, umgeben von alten Bäumen und mit großem Gemeinschaftsgarten. Genau das aber hat Architekt Max Holst im Stockholmer Vorort Saltsjöbaden realisiert. Genauer gesagt zweimal zwei Häuser, dreistöckig, die aufgereiht in einen Felshang hineingebaut wurden und auf der Südseite große Fensterfronten haben.



Schwedens Bevölkerung wächst und mit ihr die Einwohnerzahl der Hauptstadt Stockholm. Dass, wer es sich leisten kann, ein wenig außerhalb zieht, ist längst kein neues Phänomen mehr. Dass aber selbst da Grundstücke geteilt und dichter bebaut werden, hingegen schon. Saltsjöbaden liegt weniger als 30 Autominuten südöstlich der Stadtgrenze. Per Zug ins Zentrum dauert es kaum länger. In Solsidan, einem gehobenen Wohngebiet, das den Schweden vor allem aus einer gleichnamigen Comedyserie bekannt ist, hat nun ein kleinerer Immobilienentwickler vier Wohneinheiten auf einem knapp 4.000 Quadratmeter großen Grundstück an einem kleinen See gebaut.



Vorne Bungalow

Dicht beieinander stehen die zwei weiß verputzten Doppelhäuser vor einem schroffen Hang aus Granitfels. Jede einzelne der Zwillingshälften hat eine Wohnfläche von 170 Quadratmetern, verteilt auf jeweils drei Stockwerke. Bei der Planung ging Architekt Max Holst wie folgt vor: „Unser Hauptanliegen bei diesem Projekt war es, einen Weg zu finden, um ein Wohnprojekt mit vier Einheiten zu realisieren und dabei so viel wie möglich der vorhandenen Freifläche intakt zu halten. Von vornherein stand für uns fest, dass die Häuser im oberen Teil des Grundstücks, von wo aus man hereinkommt und somit den ersten Eindruck vom Apartment bekommt, in einem niedrigen Profil gehalten werden müssen.“ Und so wirken die Gebäude mit ihren Flachdächern von der Zufahrtsseite aus fast wie Fünfziger-Jahre-Bungalows. Was in der Nachbarschaft nicht zu sehr überraschen würde, denn die meisten Bauten hier sind nicht neu, sondern stammen aus einer Zeit zwischen 1930 und 1950.



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Hinten Strandhaus

Ein Blick auf die Südseite wiederum erinnert an die Siebziger. Hier öffnet sich über alle Ebenen eine Fensterfassade zum See. Die Idee war es, „ein weißes Äußeres zu haben, als Kontrast zum natürlichen Farbton des Granits“, so Max Holst. „Uns kam das Douglas House von Richard Meier in den Sinn“, ein weißer Bau aus dem Jahr 1973, mit eindrucksvoller Glasfront und Ausblick auf den Michigansee in Nordamerika. Bei dem viel kleineren schwedischen Exemplar schaffen überdachte Balkone in den oberen Stockwerken die Verbindung zwischen drinnen und draußen.

Maisonette mit Loftcharakter

Betreten werden alle vier Wohneinheiten von der oberen Ebene aus. Der Grundriss beider Hälften ist spiegelsymmetrisch, aber um wenige Meter zueinander versetzt. Beim Betreten befindet sich neben der Garderobe zunächst je ein kleines Gästezimmer und ein Gästebad. In Richtung Garten folgt der offene Küchen- und Essbereich, der durch einen Handlauf zum um ein Halbgeschoss tiefer liegenden Wohnbereich abgetrennt ist. Die hohe Decke erzeugt Loftcharakter, während der Absatz an ein Maisonette erinnert. Dank Isolierung des Daches von außen bleibt die Balkenkonstruktion aus Brettschichtholz sichtbar. Am Boden liegen wie in allen tieferen Ebenen der Häuser helle Dielen aus Fichtenholz.


Pläne
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Upside-down wohnen

Je weiter man nach unten gelangt, umso privater werden schließlich die Bereiche. Ein Halbgeschoss tiefer liegt auf der Hangseite ein Schlaf- oder Arbeitszimmer, weiter unten – im ersten Obergeschoss also – ein großes Schlafzimmer und ein Badezimmer. Wie alle Bäder ist auch dieses mit grauem Naturstein gefliest. Hier wie auch im restlichen Haus setzt der Ton den Kontrast zu Holzboden, -decken und -fenstern. Besonders edel wirkt der Einsatz von estnischem Kalkstein – einem warmgrauen Stein, der sowohl am Boden für Eingangsbereich, Küche und Terrasse, als auch für die Fensterbänke oberhalb der Heizungsverkleidungen in den Wohnbereichen verwendet wurde. Im Erdgeschoss befinden sich schließlich zwei weitere Zimmer, eines davon mit Zugang zum Garten, ein Hauswirtschaftsraum und noch ein kleines Bad.


Die zweimal zwei Häuser in Solsidan sind dank Max Holsts Gespür für Proportion, Materialität und Lichtverhältnisse zu einem Wohnkomplex geworden, der kompakt, aber nicht eng, hochwertig, aber nicht verschwenderisch wirkt. Eine Besonderheit ist es, die Gebäude von oben nach unten zu erfahren. Das Beste daran: Allein aufgrund des Höhenunterschiedes hat man den Alltag spätestens an der Tür zum Gemeinschaftsgarten weit hinter sich gelassen.

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