Zeitlose Kontraste: Das 11 Howard in New York

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Text: Markus Hieke, Foto: Nikolas Koenig

Dieses Hotel im New Yorker Stadtteil SoHo ist im positiven Sinne anders. Wo früher Gäste einer Hotelkette herbergten, ist heute ein Designhotel untergebracht. Mit seinem Interior und einer Auswahl zeitgenössischer Kunst spiegelt das 11 Howard das pulsierende Leben Manhattans wider. Eingerichtet hat es das dänische Designduo Space Copenhagen in Kooperation mit der New Yorker Innenarchitektin Anda Andrei.

Gleich beim Betreten des Entrees merkt man, dass dies kein gewöhnliches Boutique-Hotel ist. Der obligatorische Empfangstresen weicht einem runden Tisch. Eingecheckt wird am iPad. So entsteht keine Barriere zwischen dem Gast und dem ungemein lässigen Personal des Hauses. Das 11 Howard befindet sich in einer der vielfältigsten Ecken Manhattans. Modeboutiquen reihen sich an Marken- und Concept Stores, Cafés an Restaurants, neben Interiordesignläden locken Galerien zum Besuch hierher. In dieser Lage, Ecke Lafayette und Howard Street, wo sich die Straßenzüge der Viertel Little Italy, Chinatown und Bowery mit denen von SoHo kreuzen, soll das Hotel die Antwort auf das bunte Treiben dieser Gegend sein.

Hosting mit Anspruch

Früher wurde das Haus von Holiday Inn betrieben. 2016 eröffnete der amerikanische Immobilienmogul Aby Rosen hier seine Version qualitätsbewussten Hostings. Dafür wurden wenige strukturelle Veränderungen am Gebäude vom amerikanischen Architekturbüro Beyer Blinder Belle durchgeführt. So verlegte man etwa den Eingang von der Lafayette Street auf die ruhigere Seitenstraße. Für das Interior wurde die Innenarchitektin Anda Andrei, die nahezu drei Jahrzehnte Erfahrung im Hoteldesign hat, als Creative Director beauftragt. Gestaltet hat sie das 11 Howard gemeinsam mit Signe Bindslev Henriksen und Peter Bundgaard Rützou vom dänischen Designbüro Space Copenhagen.

Dementsprechend skandinavisch, ausgeglichen, ruhig wirken viele Teile des Hauses: beginnend beim Eingangsbereich, der neben dem Empfangstisch einzig einen niedrigen, dunklen Loungetisch mit drei hellgrauen Marmorhockern und einen gewellten Paravent beherbergt. Die Decke ziert ein Mobile des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder. Sandfarbene Wände, Säulen und deckenhohe Vorhänge an zwei Seiten erzeugen einen warmen Eindruck. Letztere verhindern, dass der Raum seiner Höhe wegen hallenartig wirkt.

Bibliothek
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Kunst und Design
Eine Wendeltreppe hinter einer Glaswand am Rand des Entrees führt hinauf zur Bibliothek und zur Hotelbar The Blond. Hier soll verweilt werden und hier kommt auch erstmals der Anspruch des 11 Howard zum tragen, die dynamische Kunst- und Designlandschaft von SoHo widerzuspiegeln. Mit der Bibliothek wurde die gelungene Alternative zur üblichen Lobby geschaffen. Neben Designklassikern wie Arne Jacobsens Rattansessel Charlottenborg von 1936 bringt das Duo von Space Copenhagen mehrere eigene Entwürfe unter: die Stühle der Rén-Kollektion für Stellar Works, das Sofa und die Sessel namens Stay für Gubi oder den Sessel Swoon für Fredericia sowie Einzelanfertigungen. An zwei Wänden des Raums hängen Bilder des japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto. „Die Bibliothek wirkt vollkommen wie ein Wohnzimmer“, sagt Anda Andrei. Eine Auswahl an Kunstbänden verstärkt das Gefühl, hier eher bei jemandem zu Hause zu sein.


Treffpunkt Hotelbar
Die Bar wirkt hingegen etwas dunkler, eleganter, clubmäßiger. Hinterleuchtete, oxidierte Spiegelwände reflektieren den Raum. Das The Blond soll Treffpunkt für Hotelgäste, aber auch für die Nachtbarschaft sein. Ab null Uhr wird aufgelegt – angepasst an das moderne New Yorker Nachtleben. Die wahrhaft wilden Zeiten sind schließlich längst vorbei. Und auch am Morgen sind Freunde des Hauses genauso wie Hotelgäste willkommen. Im Restaurant Le Coucou im Erdgeschoss wird gefrühstückt, an den Wochenenden gibt es Brunch, wochentags Lunch und am Abend französische Küche mit zeitgemäßem Twist. Gestaltet wurde es vom New Yorker Duo Roman and Williams.

Zurückhaltende Eleganz
Auf den Etagen darüber sind insgesamt 221 Zimmer und Suiten untergebracht. „Die Aufteilung wurde zu achtzig Prozent so beibehalten wie früher“, erklärt Andrei. „Die Idee war es, etwas leiser zu sein als andere Hotels. Zeitloser.“ Ihr Händchen für zurückhaltende Eleganz haben Space Copenhagen dabei bewiesen: heller Dielenboden, Massivholzmöbel im skandinavischen Stil, Details aus Messing, dunkelblaue Vorhänge. Die Zimmer sind lichtdurchflutet. Wer ein Zimmer auf der Südwestseite hat, sieht das One World Trade Center über allen Türmen der Skyline hervorragen. Auch Herzog & de Meurons 56 Leonard-Gebäude, das wie aus gestapelten Containern gebaut wirkt, ist zu sehen.

Terrace Suite
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Innere Ruhe auf Dänisch
Bei soviel Ausblick muss es ja drin ruhiger zugehen. Wieder fügen die Designer eigene Möbel ein: Sessel und Sofas aus der Kollektion Fly für &tradition, den Stuhl My Chair für Stolab sowie maßgestaltete Tische und Betten. Jedes Zimmer schmückt ein individuelles Objekt der Keramikkünstlerin Katie Yang. In den Bädern wurden Waschtische mit Messinggestellen und Marmorplatten platziert. Statt bodengleicher Duschen beließ man es bei den vorhandenen Wannen, installierte aber Regenduschen und hier wie am Waschbecken messingfarbene Armaturen der Serie Montreux von Axor.

Suite mit 270-Grad-Blick
Highlight des Hauses ist die Terrace Suite im oberen Stockwerk. Auf 175 Quadratmetern befinden sich ein separates Schlafzimmer, ein Badezimmer und ein Gästebad, eine voll ausgestattete Küche sowie ein Essbereich mit Platz für acht Personen. Eine Dachterrasse umläuft die Suite an drei Seiten, sodass in nord-, öst- und südlicher Richtung der Blick über Manhattan bis hinüber nach Brooklyn genossen werden kann.

Das 11 Howard steht im Dialog mit New York. Es versucht nicht Ruhepol zu sein. Es ist Teil dieser pulsierenden Stadt, auch wenn es kaum amerikanisch wirkt. Umso mehr skandinavisch, etwas französisch vielleicht und auf jeden Fall zeitlos: New York war, ist und bleibt eben die Stadt der Einwanderer, der Kreativen und Freigeister. Und: „Mit einer Betonung auf langzeitiger Funktionalität ist das Interior absichtlich nicht trendy“, heißt es im Hotelprospekt. „Sein Ziel ist es fortzubestehen und sich mit der Zeit zu verbessern.“ Diese gewisse Natürlichkeit kauft man dem Haus ab. Genau wie das Graffiti auf der Südfassade, das unter der Mentorschaft des Künstlers Jeff Koons in Zusammenarbeit mit einer lokalen Street-art-Organisation entstand. Mit der Hilfe von Anda Andrei und Space Copenhagen hat sich das Hotel so den Kontrast zwischen Rohheit und Finesse, zwischen Geschäftigkeit und Regeneration zu eigen gemacht.

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