Eurocucina 2012 – Auf dem Holzweg

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Text: Claudia Simone Hoff, 26.04.2012


Sägerau, glatt, geschnitzt oder mit Intarsien: Holz war omnipräsent auf der diesjährigen Mailänder Küchenmesse Eurocucina, die zum 19. Mal parallel zum Salone del Mobile stattfand.  Knapp 332.000 Besucher strömten auf das Messegelände, wo sich bis letzten Sonntag Küchenmöbel- und erstmals auch Tableware-Hersteller in vier Hallen präsentierten – neben den unzähligen Veranstaltungen in der Stadt. Die zweijährig stattfindende Eurocucina teilte sich die vier Hallen mit einer Fläche von 27.000 Quadratmetern – bedeutend kleiner also als das Kölner Pendant LivingKitchen – zum fünften Mal mit der Nebenveranstaltung FTK (Technology for the Kitchen).


Das neue integrative Messekonzept ist nachvollziehbar, bedeutet Essen und Speisen doch viel mehr als Küchenmöbel oder Elektrogeräte. Ein wenig Deko kann nicht schaden, scheint man sich in Mailand gedacht zu haben, und wagte die ambitionierte Positionierung Richtung Ambiente und Maison & Objet. Ob die von Erfolg gekrönt sein wird, ist ungewiss, allerdings hatten einige namhafte Hersteller den Weg in die lombardische Metropole gefunden.

Dabei sein ist alles

Alessi präsentierte seine Produkte nicht nur wie sonst in seinem ständigen Showroom auf dem Messegelände, sondern auch auf einem reich gedeckten rotierenden Tisch in Halle 11. Stefanie Hering war mit ihren fragilen Schönheiten aus Biskuitporzellan von Berlin nach Mailand gereist, Seletti feierte mit seinem spielerisch wirkenden Tableware-Entwürfen ein Heimspiel und auch handwerklich ambitionierte Hersteller wie Christiane Perrochon mit ihren feinen Töpferarbeiten waren zu finden. Allerdings ging es hier weniger um die Präsentation von Neuheiten als vielmehr darum, Präsenz zu zeigen, waren die bestimmenden Ausstellungsstücke doch noch immer die Küchenmöbel.

Auf Holz geklopft

Geschmacklosigkeiten wie güldene, glitzernde oder ganz und gar unpraktische Kreationen beiseite lassend, konnte der Küchen-Aficionado an den gut besuchten Messeständen der insgesamt 180 Hersteller viel Attraktives entdecken. Auch wenn einige Hersteller der Lust an der Farbe frönten – das deutsche Unternehmen Häcker beispielsweise präsentierte das rote und blaue Küchenkonzept Identity mit orientalisierenden Mustern – war ein Trend nicht zu übersehen: der Einsatz natürlicher Materialien wie Kupfer und Bronze, aber vor allem Holz. Zwar wurden auch komplett aus Holz gefertigte Küchenmöbel ausgestellt – wie bei Riva 1920 oder Team 7 –, doch waren die meisten mit Metall- und hochglänzenden Oberflächen kombiniert. Selbst Alpes Inox, bekannt für seine Küchenmodelle aus Edelstahl, zeigte auf seinem mit Vintage-Möbeln und Pflanzen aufwändig gestalteten Stand Oberflächen aus sägerauer Eiche an Sideboards und Hochschränken des Modells Liberi in cucina. Und während der deutsche Hersteller Rational kassettierte Holzoberflächen mit 20 Zentimeter dicken Arbeitsflächen aus Stein kombinierte, gab es bei Ernestomeda einen manuell verschiebbaren Tisch aus Holz zu sehen.

Technologie in der Küche

Dieser Tisch gehört zum neuen Küchenmodell Icon, das Giuseppe Bavuso entworfen hat. Außer dem Holztisch hat dieses aber ganz und gar nichts Anheimelndes an sich, sondern kommt sehr technisch, um nicht zu sagen männlich daher. Hinter der Arbeitsfläche lässt sich ein Regal elektrisch ein- und ausfahren oder die Wassertemperatur per Touchscreen gradgenau regulieren. Technologie wird auch bei den Schrankoberflächen groß geschrieben: Das ausgeklügelte Filtersystem Anta Air dient dem Luftaustausch. Dass manche Küchenmöbel zwar schön, aber unpraktisch sind, zeigte MK Cucine: Tief in einen Küchenblock eingelassen sind Koch- und Wasserstelle sowie die Arbeitsfläche, ähnlich wie beim neuen Küchensystem k20 von Norbert Wangen für Boffi. Hier ist die Umfassung des Küchenblocks zwar nicht ganz so hoch wie bei MK Cucine, doch laden die Ecken ebenso ein zum Krümelsammeln.

Sinn und Sinnlichkeit

Weniger technisch, dafür umso sinnlicher ging es zu beim italienischen Hersteller Lando, der eine Küchenwerkbank reloaded ausstellte. Enzo Bertis Entwurf Ethos zeichnet sich aus durch seine Liebe zum Detail: ein schwerer Marmoraufsatz mit Einlegebrettern in Kombination mit einem bockähnlichem Holzuntersatz. Auch bei Strato, wie Binova seit Jahren der Abstinenz wieder zurück auf der Messe, bildet das Material den Mittelpunkt des neuen Entwurfs Semplice. Designerin Gianna Farina präsentierte am Stand das Konzept des Küchenblocks, der Kupfer und Bronze mit Holz kombiniert. Hier löst sich die Küche von der Wand, denn nach wie vor ist die offene Küche en vogue, unschwer zu erkennen an den zahlreichen präsentierten Stauschränken mit großer Tiefe (gesehen bei Elmar, Leicht und Varenna/ Poliform) sowie Sideboard- und Regalsystemen.

Sinn und Sinnlichkeit verbindet auch ein kleiner Hersteller von Tableware: KnIndustrie. Die hübsche Präsentation machte aufmerksam auf die von Rodolfo Dordoni gestaltete Topfserie WhitePod. Die innen mit einem weißen Keramiküberzug versehenen Edelstahltöpfe sind mit einem zangenartigen Griff aus Walnussholz versehen, der praktischerweise jederzeit an- und abmontiert werden kann. Bei den insgesamt 30 Haushaltsgeräteherstellern der Nebenveranstaltung FTK hingegen waren nur wenige mit explizitem Designanspruch vertreten. Hier stach erneut die Marke Gaggenau hervor. Auch wenn der spektakuläre Messestand aus dem Jahr 2010 kaum zu toppen war, hatte sich das Team rund um Chefdesigner Sven Baacke einiges ausgedacht, um seine Neuheiten wie die komplett einfahrbare Tischlüftung AL 400 und die grunderneuerte Vario-Kochserie 400 zu präsentieren.

La città

Hatte der Besucher die Glasoberflächen und -griffe bei Elam sowie die kostspieligen Modulküchen von Steininger – vier Module kosten 65.000 Euro – hinter sich gelassen und machte sich auf den Weg in die Stadt, ging die Entdeckungsreise in die Welt der Küchen weiter. Während im Showroom von Valcucine das Holzmodell Sine Tempore von Gabriele Centazzo sowie die Contract-Küche LaCucinaAlessi von Wiel Arets im Mittelpunkt standen, zeigte Boffi ebenfalls viel Holz. Das Modell Aprile von Piero Lissoni ist nun auch in massiven Akazien- oder Nussbaumholz-Bohlen in verschiedenen Stärken im Used Look erhältlich, während Bulthaup ein neues Innenleben aus Holz vorstellte.

Im Superstudio Più in der Zona Tortona präsentierten gleich mehrere Hersteller Lösungen für die Küche, wobei vor allem Cosentino ins Auge fiel. Der spanische Hersteller von Küchen- und Badoberflächen hatte erneut Humberto und Fernando Campana mit einem Projekt beauftragt: So entstand ein Küchenblock aus Wallnussholz mit Silestone-Quarzoberflächen in Form eines Schweizer Messers. Statt Korkenzieher, Nagelpfeile oder Klingen klappen hier allerdings verschiedene Silestone-Produkte hervor. Gleich nebenan gab es beim Label Successful Living by Diesel eine Küche zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem italienischen Hersteller Scavolini entstanden ist. Social Kitchen genannt, täuschen künstlich gealterte Materialien wie Holz, Stahl, Zement oder Glas Vintage vor. Ideenreicher war eine Installation namens „Thus spoke the marble: The journey alters you“ im Garten des Superstudios: Demirden Design aus Istanbul kuratierte die Arbeiten verschiedener Designer mit türkischem Marmor. Das Freigelände wurde dominiert von einem weißen Marmortisch, aus denen skulpturale Fische „auftauchten“ und „Wellenbewegungen“ erzeugten. In den Vertiefungen eingelassen waren – zur Freude der Besucher – Schalen aus Kupfer, gefüllt mit zuckersüßen Turkish Delights.

Ein paar Schritte weiter in der Via Tortona war mit Nespresso ein Hersteller von Kleinelektrogeräten präsent. Passend zum ausgeprägten Lifestyle-Charakter der Marke gab es dann auch weniger Produkte zu sehen als vielmehr ein Image. Während der untere Raum eines Industriegebäudes mit einer Videoprojektion bespielt wurde, gestaltete Piero Lissoni im zweiten Geschoss eine Kaffee-Lounge. Mehr um Genuss als um Gestaltung ging es auch im Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia. Dort hatte Tom Dixon in Zusammenarbeit mit Dock Kitchen im atmosphärischen Kreuzgang eines Klosters aus dem 16. Jahrhundert das Pop-up-Restaurant Spring Table aufgebaut. Neugierig wartend auf die kulinarischen Köstlichkeiten, konnte der gestresste Salone-Besucher sich hier niedersetzen und nachdenken über die Allianz von volkstümlichen Holzküchen und hochgerüsteter Technik, die Notwendigkeit versenkbarer Tischlüftungen und veritable Entdeckungen.


Weitere Produkte, Entdeckungen und Ausstellungs-Highlights des Salone del Mobile 2012 in unserem Special.
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