Autopilot #1

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Text: Niklas Maak, Foto: BMW, 03.07.2014

Autojournalisten schreiben die erstaunlichsten Dinge, und man fragt sich, ob das nicht manchmal auch an den großzügigen Überlassungen von Testwagen oder an den freundlichen Presseeinladungen in warme Länder liegt, wo die Tester drei Tage lang in Luxushotels auf Kosten des Herstellers Hummer mit Entenstopfleber futtern und so viel Champagner trinken dürfen, dass der Blick auf die neuesten Karosserieeinfälle zugunsten des neuen Autos ein wenig verschwimmt. Anders ist es fast nicht zu erklären, dass die Autopresse den neuen BMW i3 mehr oder weniger einhellig als „mutig“, „avantgardistisch“ oder als einen „Ausblick in die Zukunft“ feiert. Schauen wir uns das Ding einmal genau an. 

Socken an den Ohren
Der i3 ist ein Elektroauto, das auf Wunsch mit Range Extender zu haben ist, also mit einem Reichweitenverlängerer, es kostet damit rund 40.000 Euro, ein Preis, für den man auch ein richtiges Auto bekommt. Das dann aber keinen Elektromotor hat. Für dessen Entwicklung hat BMW Milliarden ausgegeben. Da soll man sehen, dass das neue Auto etwas Besonderes ist, und jetzt kommen die Designer ins Spiel. Zum Äußeren des i3 ist zu lesen, sein Design hebe sich „wohltuend“ aus der Masse der Autos heraus. Herausheben tut es sich tatsächlich, und zwar so wie jemand, der sich die Socken an die Ohren hängt.

Hemd aus der Hose
Der Wagen soll anders aussehen. Es gibt Autos, die es geschafft haben, ihre technische Neuartigkeit in phantastische Formen zu übersetzen, Citroëns DS 19 von 1955 etwa – der i3 aber ist ein normal geformter Kompaktwagen, dem man im letzten Moment ein Karnevalskostüm übergestülpt hat, damit er irgendwie anders aussieht. Ich-bin-ANDERS! ANDERS! AHANDERS!, schreit alles an diesem Design. Die Fensterlinie ist so verzogen, als hänge dem Auto das Hemd aus der Hose.

Ohr am Hintern
Was ist das: Ein Panoramafenster für Dackel? Von vorn sieht der Wagen aus wie ein depressiver, weil gegen seinen Willen blau geschminkter Kampfhund. Hinten – noch die schönste Seite – erinnern die Lampen an die schläfrigen, halbgeöffneten Augen des dicken Katers Garfield. Von der Seite sieht er aus wie… tja. Es gibt für kleine Kinder sehr einfache Puzzle, bei denen man aus fünf Teilen ein Schwein zusammensetzen muss. Viele Zweijährige haben Schwierigkeiten damit, sie stecken das Ohr an den Hintern und die Schnauze an die Füße. Genau so: wie ein falsch zusammengestecktes Schwein, sieht der i3 von der Seite aus. 

Skizze des Autors vom besagten Schweine-Puzzle
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Das ist keine Avantgarde
Dies ist kein avantgardistisches Auto. Dies ist ein nerviges Statement von Andersseinwollen, ein besonders deutliches Beispiel für ein Phänomen, an dem fast alle neuen Autos leiden: Man presst ihnen Designideen für sieben Autos ins Blech, weil es für jedes Detail, Fenster, Scheinwerfer eine eigene, überbesetzte Designabteilung gibt, die ihre Mitarbeiterzahl dadurch zu rechtfertigen versucht, dass alles irgendwie ganz anders als sonst gelöst wird.

Terror der Einfälle

Optisch steht der i3 dem Polo Sondermodell Harlekin sehr nahe, einem formal ebenfalls konventionellen Kleinwagen, bei dem dafür jedes Bauteil außen anders lackiert war. Kotflügel: grün! Fahrertür: blau! Dach: rot! Es ist eine typisch deutsche Sehnsucht nach sichtbarer Abweichung vom Standard, die sich in diesem Design zeigt, das gleiche nervtötende Missverständnis von Besonderheit und Individualismus, der optische Terror der Einfälle, den man auch bei Baumarkttüren mit extravaganten Dreiecksfenstern, bei Männern in gelben Cordhosen und blauen Wildlederschuhen und in Designhotels findet, in denen zur Abgrenzung von allen anderen Hotels die Zahnputzbecher an Nylonfäden von der Decke baumeln und die Wanne direkt neben dem Bett steht, so dass man gleich in ihr schlafen kann, weil das Bett nach dem Duschen eh nass ist.  

Teurer Witz
Fans der Marke BMW sind Kummer gewöhnt. Seit Chris Bangle weiß man, dass BMW auch Autos bauen kann, die aussehen, als hätten sie den Auffahrunfall schon hinter sich. Der i3 steht ganz in dieser Tradition. Kann man mit so einem Auto würdevoll irgendwo vorfahren, um jemandem zum Essen abzuholen? Kann man nicht, denn man sitzt in einem teuren Witz. Wer so ein Auto fährt, hängt sich auch Spaghetti übers Ohr, statt sie zu essen und trägt Unterhosen mit Mickeymousemustern.

„Aber technisch ist der Wagen erstklassig! Fahren sie ihn mal!“
Mag sein. Aber er hat eben auch noch eine Karosserie über der erstklassigen Technik, und dummerweise genau diese. Was tun? Ganz klar: Einen alten BMW 2002ti, einen 1979er 323i oder den herrlichen alten M5 der E28er Serie kaufen und ansonsten mehr Fahrrad fahren. Ist für die Umwelt genau so gut und für die Augen deutlich besser.

Niklas Maak ist Redakteur bei der F.A.Z.

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