Der Herr der Spinnen

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Text: Jasmin Jouhar, 15.03.2013


Die derzeit aufregendsten Gebäude Berlins entstehen in einem Keller an der Invalidenstraße. Dort wohnen Tegenaria atrica, Nephila antipodiana und Cyrtophora citricola und arbeiten an dreidimensionalen Ultraleichtbauten, die die parametrischen Höhenflüge von Hadid und anderen wie plumpe Bunker aussehen lassen. Allein, betreten wird die Gebilde aus komplexen Proteinketten niemand, denn es handelt sich um: Spinnennetze. Aber nicht um die Staubfänger aus unseren Zimmerecken. Es sind Kunstwerke, die seit heute in der Berliner Galerie Esther Schipper zu sehen sind. Geschützt in Acrylglasboxen und effektvoll ausgeleuchtet.


Der Bauherr der Spinnen ist Tomás Saraceno, ein Argentinier mit deutschem Wohnsitz, der Berlinern noch mit seiner Ausstellung Cloud Cities 2011 im Museum Hamburger Bahnhof in Erinnerung sein dürfte. Damals spannte er Seile kreuz und quer durch die Haupthalle wie ein gigantisches Spinnennetz, dazwischen schwebten teilweise begehbare und bepflanzte Riesenblasen – eine noch recht erdnahe Umsetzung seines Traums vom Wohnen wie in Wolken. Saraceno lebt und arbeitet laut Selbstauskunft „zwischen und jenseits des Planeten Erde“. Das trifft das Phänomen Saraceno ganz gut, denn die Arbeit des studierten Künstlers und Architekten lässt sich kaum in gängige Kategorien fassen: Er war Artist in Residence am Massachusetts Institute of Technology, absolvierte ein Space Studies Program bei der Nasa, machte als erster einen 3D-Scan eines Spinnennetzes und plant, Spinnen zur ISS ins Weltall zu schicken. Das Antragspapier mit seinem Namen in einer Liste von internationalen Arachnologen zeigt er nicht ohne Stolz vor.

Networking in 3D

Einstweilen sind Saracenos Spinnen aber im lichtlosen Untergeschoss seines Studios neben dem Hamburger Bahnhof zuhause und tun das, was sie am besten können: networken. Mit ihren Hinterleibern produzieren sie ein Material aus Proteinketten, das zugleich stärker und elastischer ist, als alles, was Menschen bislang zustande gebracht haben. Im Keller wird aber nicht nur in 2D gewebt wie bei den Feld-Wald-Wiesen-Radnetzen, sondern dreidimensional im Raum, in Schichten, kreuz und quer oder ganz regelmäßig, je nach Spinnenart. Untergebracht in zusammengezimmerten Kisten aus Pappkartons, von flachen Wasserbecken an der Flucht gehindert und mit Fliegen bei Laune gehalten, spinnen die Tiere ihre Seiltragwerke zwischen den Metallstangen kubischer Gerüste. Doch nicht immer zur Zufriedenheit ihres Herrn: Als sein Assistent Adrian eines der Gerüste aus der Kiste hebt, gerät der sonst so heitere Saraceno sichtlich in Aufregung. Über Nacht haben die Spinnen das Werk ihrer Vorgängerinnen zerstört. Und die Eröffnung der Ausstellung steht doch kurz bevor.

Vom Spinnenkeller ins Universum


Tomás Saraceno lässt die Spinnen nämlich nicht bloß spinnen, er manipuliert ihr Verhalten. Er dreht und wendet die Gerüste, um zu studieren, wie sich die Tiere im Raum orientieren. Und er lässt verschiedene Spinnenarten nacheinander am selben Netz bauen, um hybride Gespinste zu erzeugen. Dabei setzt er die wenigen bekannten, sozialen Spinnenarten ein, die beim Netzbau, bei der Jagd und bei der Pflege des Nachwuchses miteinander kooperieren. „Dahinter steht die Frage: Wie können sich Menschen Raum teilen?“, erklärt der Künstler. Denn Saraceno ist zwar getrieben vom Forschergeist, aber anders als mancher Fachwissenschaftler hält er sich nicht an die Grenzen der Disziplinen. Spinnennetze als Beispiel für Vergesellschaftung. Spinnennetze als Inspiration für sein Konzept von mobilen, schwebenden Städten. Spinnennetze als Analogie für die Struktur unseres Universums. Saraceno jongliert mit den Perspektiven: mal unendlich weit, mal ganz nah, bloß nie konventionell. Er denkt sprunghaft und assoziativ, und ohne Aufnahmegerät wäre die Journalistin beim Rundgang durch den Spinnenkeller verloren. Zumal Saraceno neben einer genialisch-nachlässigen Erscheinung auch ein Englisch mit hartem spanischen Akzent pflegt.    

Überwältigend schön


Kaum ist das Drama um das zerstörte Netz bewältigt, droht schon der nächste Konflikt: In einem anderen Raum sind fertige Netze ohne Spinnen zu sehen, ausstellungsbereit unter Acrylglashauben auf Sockel montiert. Allerdings: Die Spuren der Spinnerei sind noch deutlich sichtbar. Überreste von Fliegen, Hüllen von Kokons, Verdauungsrückstände. „Wie sollen wir die bloß reinigen?“, fragt Tomás Saraceno seinen Assistenten. Jeder beherzte Griff ins Netz bedeutete unweigerlich dessen Zerstörung. Saraceno ist eben nicht nur Utopist und Forscher vom Typ skurriler Professor, er ist auch ein international erfolgreicher Künstler mit Ausstellungen in den wichtigen Museen der Welt. Und als solcher geht es ihm nicht nur um das Sozialverhalten der Spinnen oder die chemische Formel des Proteinfadens, sondern auch um die Präsentation und den ästhetischen Mehrwert der Netze. Die in ihrer Vielfältigkeit und Feinheit übrigens überwältigend schön sind. Ein Blick in die Zimmerecke lohnt sich!

Tierische Ingenieure

Wie überlegen die tierischen Ingenieure ihren menschlichen Pendants sind, durfte Tomás Saraceno mehr als einmal erfahren. Als er seinen 3D-Scan eines Schwarze-Witwe-Netzes anlässlich einer Ausstellung in der Bonniers Konsthall in Stockholm nachbauen wollte, arbeitete er mit einem Team von mehr als zwanzig Leuten zwei Monate lang daran. Über 70.000 Knoten brauchte es, um aus schwarzem Nylonseil eine sechzehnfache Vergrößerung des Netzes herzustellen. Ab kommenden Juni wird im Düsseldorfer Museum K21 die bislang größte schwebende und begehbare Rauminstallation Saracenos zu sehen sein. Das Gebilde aus Stahlnetzen, Kunststoffblasen und Seilen ist so aufwändig zu konstruieren, dass die Eröffnung um ein Jahr verschoben werden musste. Wo wirken welche Kräfte und wie können die Lasten auf die Architektur des K21 verteilt werden? Während Spinnen mühelos das freie Spiel der Kräfte im dreidimensionalen Raum beherrschen, muss der Mensch lange rechnen. Hätte Saraceno seine langbeinigen Mitarbeiterinnen im Keller um Rat fragen können, der Zeitplan für Düsseldorf wäre sicher eingehalten worden.


Ausstellung
Tomás Saraceno
Social .. quasi social .. solitary .. spiders … on hybrid cosmic webs
bis 13.
April 2013
Galerie Esther Schipper
Schöneberger Ufer 65
10785 Berlin
www.estherschipper.com

(alle Bilder: Tomás Saraceno)
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