Design Biennale Saint-Étienne 2015: Was ist schön?

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Text: Claudia Simone Hoff, 17.03.2015

Mailand, Paris, Stockholm – dahin reist der Design-Aficionado normalerweise. Doch manchmal sind es die vermeintlichen Nebenschauplätze, an denen es etwas zu entdecken gibt. Wir waren unterwegs in der französischen Provinz, haben Reisetipps mitgebracht und auf der Design-Biennale in Saint-Étienne jede Menge Stoff zum Nachdenken gefunden: Ausstellungen, Produkte, Positionen.

Les Sens du Beau – das ist das übergeordnete Motto der 9. Design-Biennale von Saint-Étienne. Sich Gedanken zu machen über die Schönheit und damit auch über ihr Pendant – die Hässlichkeit –, passt gut zu diesem Ort. Denn Saint-Étienne ist nicht gerade das, was man eine klassische Schönheit nennt. Die 178.000 Einwohner zählende Stadt liegt zwar nur rund vierzig Autominuten entfernt von Lyon im Département Loire – doch von Stil, Prunk und Glamour kann in der ehemaligen Kohlebergbau-Region keine Rede sein. Stattdessen zu sehen sind Bausünden aus den Siebzigern, leer stehende Geschäfte, Industriebrachen, kurz: Bonjour Tristesse. Doch die vergisst man rasch beim Besuch der Biennale Internationale Design Saint-Étienne, wie die Veranstaltung etwas halsbrecherisch heißt. Schauplatz der Biennale ist die Cité du Design, untergebracht in einer ehemaligen Waffenfabrik, die aus mehreren Backsteingebäuden samt Neubauten besteht und schön atmosphärisch ist.

Kommerzfreie Zone
Die Design-Biennale ist ein Großereignis für die Stadt und die gesamte Region. Das Besondere an der Veranstaltung, die auch externe Orte wie Museen, Galerien, Kirchen und Restaurants bespielt: Hier gibt es keine angegliederte Möbelmesse wie beispielsweise in Kortrijk, was den Vorteil hat, dass die Veranstaltung frei ist von strategischen Überlegungen oder kommerziellen Einschränkungen. Anders ausgedrückt: Die Design-Biennale von Saint-Étienne hat einen intellektuellen und – man traut es sich kaum zu sagen – bildungspolitischen Anspruch. Spielend bewegt sie sich zwischen theoretischem Überbau, Design, Kunst und Handwerk. Das Konzept von Biennale-Chefkurator Benjamin Loyauté: Die Ausstellungen und Veranstaltungen sind einem gemeinsamen Oberthema (Les Sens du Beau) untergeordnet, stehen aber jede für sich – räumlich und inhaltlich. So ergeben sich ganz unterschiedliche Auseinandersetzungen und Positionen zum Thema Schönheit – jeweils bestimmt von externen Kuratoren.

Industrial Design oder Die Perfektion
Der britische Designer Sam Hecht beispielsweise hat zusammen mit seiner Kollegin Kim Colin die Ausstellung Beauty as Unfinished Business kuratiert. Sehr gelungen ist die Szenographie, die man durchaus als schön im Sinne von harmonisch bezeichnen kann. Der Besucher wird auf einem Parcours von weißen Podesten vor weißen Wänden entlang geführt. Es werden Produkte des klassischen Industriedesigns präsentiert: die Leuchte Demetra von Naoto Fukasawa für Artemide, das Waschbecken aus Saphirkeramik von Konstantin Grcic für Laufen und die Armatur Axor Starck V von Philippe Starck für Axor/ Hansgrohe. Die strenge Geradlinigkeit der weißen Displays wird gebrochen durch von der Decke herabhängende, bewegliche schwarze Seile, die den Ausstellungsraum wellenförmig begrenzen. Für Hecht und Colin entsteht Schönheit weniger durch das Produkt selbst als durch den Kontext seiner Nutzung. Sie haben deshalb für die Ausstellung vorwiegend Stücke ausgewählt, die multifunktional sind, gestalterisch schlicht, von hoher Fertigungsqualität und damit zeitlos – so wie die geometrische Vasenserie Ruuto von Ronan und Erwan Bouroullec für Iittala oder die Hat Box von Wrong for Hay, die so reduziert ist in Form und Material, dass sie beinahe asiatisch wirkt.

Made in Korea oder Das Unvollkommene
Apropos asiatisch. Korea ist Gast auf der diesjährigen Design-Biennale, ebenso wie seine Hauptstadt Seoul. Und so steht das koreanische Handwerk im Fokus der Ausstellung Vitality 2015: Beyond Craft and Design, die in der großen Halle der ehemaligen Waffenfabrik stattfindet und von Kyung Ran Choi kuratiert wurde. Im Unterschied zu industriell gefertigten Produkten sind handwerklich gefertigte Objekte Einzelstücke. Sie sind weniger perfekt und bieten mehr Interpretationsspielraum. Wegen ihrer haptischen Qualitäten möchte man sie sogleich berühren, was ihren Reiz ausmacht und wesentlicher Teil ihrer Schönheit ist – das sieht man auch in der Ausstellung. Für Korea typische Materialien wie Holz, Metall, Papier und Porzellan werden von Designern und Handwerkern mit großem Können und unglaublicher Präzision verarbeitet. Dabei werden die traditionellen Techniken in zeitgenössisches Design umgesetzt. Soo Hyun Lyu beispielsweise fertigt ihre feinen Table Centerpieces aus Ahorn mit einer CNC-Fräse, Kim-Sang In benutzt für das Blütenzweig-Relief einer weißen Porzellanvase eine traditionelle Technik aus der Joseon-Dynastie, Sam-Woong Lee zeigt einen Schrank aus weiß lasiertem Eichenholz mit Türen aus koreanischem Papier, und Yumi Oh hat zusammen mit Chae Young Kim Camouflage entworfen. Die digital entworfenen Dekore der Beistelltische sind kunstvolle Einlegearbeiten aus Perlmutt und Lack.

Alles schön?
Dass Schönheit immer auch die Hässlichkeit als Pendant braucht, zeigen Bart Hess und Alexandra Jaffré in ihrer Schau Vous avez dit bizarre? Hier wird Design zur teils hässlichen Groteske, wenn Bertjan Pot mit Masks die klassische Mütze über den gesamten Kopf stülpt oder Si Chan sich mit Hug me von einer grünen Jacke umarmen lässt, deren Vorderseite aus zusammengefalteten „Händen“ besteht. Humor und Spott werden so zu Themen des Designs. Wo sonst würden solche Projekte ausgestellt als auf einer Design-Biennale, die frei ist von kommerziellen Zwängen? Zugegeben, nicht immer erschließt sich dem Besucher der Sinn der Ausstellungen und Veranstaltungen sofort. Das Motto der Biennale – Les Sens du Beau – erfordert ein intensives Sich-Beschäftigen mit und ein Nachdenken über die (gesehenen) Dinge. Auch wenn insbesondere die industriell gefertigten Produkte zum Fast-Food-Konsum verführen. Gut gelöst hat die Komplexität des Themas, das Nachdenken über den Kontext von Schönheit, Kunst und Design Sam Baron mit der von ihm kuratierten Ausstellung L’Essence du Beau (Die Essenz des Schönen). Er stellt einfach, aber effektvoll Arbeiten von Newcomern vor, die jeweils um eine Antwort auf die Frage „Was ist schön?“ ergänzt werden. In diesen Antworten liegt die ganze Komplexität des Themas verborgen: „Schönheit ist Unvollkommenheit“, „Schönheit ist eine andere Perspektive auf das Alltägliche“, „Schönheit ist überall“, „Schönheit ist eine Art zu sehen, eine Frage der Wahrnehmung“. Man könnte auch sagen: Die Schönheit ist in ständigem Wandel. Ebenso wie das Design.

Die Biennale Internationale Design Saint-Étienne ist noch bis zum 12. April 2015 zu sehen.


What else to do? Unsere Reisetipps!

Site Le Corbusier/ Firminy Vert, Firminy
Unweit von Saint-Étienne liegt Firminy im Département Loire in der Region Rhône-Alpes. 1954 beauftrage die Stadt Le Corbusier mit einer Stadtplanung, die den Bau der Maison des Jeunes et de la Culture, eines Stadions und einer Unité d’Habitation umfasste. Die Kirche Saint-Pierre wurde erst 2006 fertiggestellt. Während der Biennale Internationale Design Saint-Étienne ist dort die Installation Acoustic Pavilion von Yuri Suzuki zu sehen – eine Hommage an Le Corbusier.

Le Corbusier & Acoustic Pavilion, Firminy
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Musée des Confluences/ Quartier Confluences, Lyon
Das im Dezember 2014 eröffnete Museum verfügt über eine grandiose naturhistorische Sammlung. Die umstrittene Architektur des Gebäudes stammt vom österreichischen Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. Auch das benachbarte neue Stadtviertel Confluences mit Wohnungen, Büros, Geschäften und Marina ist sehenswert. Dort bauen auf einer Fläche von 150 Hektar Architekturbüros wie Herzog & de Meuron, Kengo Kuma und MVRDV.
Coop Himmelb(l)au, Musée des Confluences, Lyon
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Les Halles de Lyon – Paul Bocuse, Lyon
Wer wissen will, wie Lyon schmeckt, ist hier richtig. Und wundert sich nicht mehr, warum Lyon als Mekka für Gourmets gilt. Paul Bocuse kommt zwar nur noch selten persönlich vorbei, doch sind in der Markthalle aus den Siebzigern viele Händler vertreten, die die zahlreichen Restaurants des Gastronoms beliefern. Dort ballen sich auf 6.000 Quadratmetern Fläche: Trüffel für 1.300 Euro pro Kilogramm, Champagner, Austern, Seeigel, Käse in allen Variationen, Lyoner Würste, Baguette, feine Törtchen. Ein Schlaraffenland des guten Geschmacks!

Rue Auguste Comte, Lyon
Unweit von Nobelboutiquen wie Hermès oder J.M. Weston liegt diese stille Straße. Hier haben sich jede Menge kleiner Läden versammelt. Schwerpunkt: Teppiche, Antiquitäten, Design – Vintage-Stücke, aber auch Neues ist darunter. Und typisch französische Restaurants, Brasseries und Cafés mit Thonet-Bestuhlung gibt es auch. Sehr atmosphärisch und individuell!


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