Die Kommune der Schreibtisch-Solisten

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Text: Tanja Pabelick, Foto: Betahaus, Daniel Seiffert, 03.08.2009


Ohne die schönen neuen Arbeitswelten der sogenannten „digitalen Boheme“ hätte sich das Konzept amerikanischer Kaffeeketten sicherlich nicht so durchschlagend etabliert. Denn ihre besten Kunden kommen nicht nur wegen dem Latte Grande. Sie sind auf der Suche nach Stuhl und WiFi, flüchten vor dem heimischen Bad, das dringend mal geputzt werden müsste, und dem Kühlschrank, der sie ständig in die Küche lockt. Sie nomadisieren durch die plüschigen Nachfolger der ehemals funktional angelegten Internetcafes – um endlich mal richtig arbeiten zu können. Einem der WiFi-Café-Jünger kam deshalb vor einigen Jahren eine brilliante Idee: Er mietete einen Raum, stellte eine Kaffeemaschine auf und lud die netten Tischnachbarn aus dem Café zum gemeinsamen Arbeiten dorthin ein. Damit wurde er zum Pionier einer mittlerweile international erfolgreichen Bewegung: dem Coworking.


Der Name des Mannes mit der revolutionären Geschäftsidee ist Brad Neuberg. Die Eingebung, einen offenen Arbeitsraum zu gründen, ereilte ihn im Jahre 2005. Denn die Gemütlichkeit der Knautsch-Couchen in den Cafés ist nicht gleich ergonomisch und manchem geht seine gedrungene Sitzposition auf Dauer auf die Wirbelsäule. Den Tischnachbarn kann man sich nicht aussuchen, Kontakte sind eher zufällig und die meisten sitzen von Kopfhörern isoliert vor den Bildschirmen. Die Resonanz auf Neubergs öffentliche Arbeitsplätze war und ist enorm. In der „Hat Factory“ in San Francisco treffen in der etwas chaotischen Atmosphäre einer Wohngemeinschaft die Coworker dicht an dicht am zentral aufgestellten Arbeitstisch zusammen. Es gibt eine Küche, eine Sofalandschaft und vor allem: genug Steckdosen, Drucker und Telefone. Damit bietet die ehemalige Hutfabrik die Infrastruktur, die viele bei ihren provisorischen Arbeitsplätzen bisher vermisst hatten: die kuschelige Atmosphäre einer Wohnung mit der Ausrüstung eines organisierten Büros. Zusätzlicher Vorteil ist das soziale Netzwerk: Es gibt einen Kaffeeküchenplausch, Flurfunk und fachlichen oder fachübergreifenden Gedankenaustausch.

9to5 oder 24/7

Wie ein Virus hat sich Brad Neubergs Idee verbreitet. Die ersten Nachfolger eröffneten noch in der Gründungsstadt, dann überall in Amerika. Mittlerweile sind Coworking-Büros in fast jeder Metropole auf der Welt zu finden. Aus dem ersten mehr oder minder provisorischen Miteinander ist vielerorts ein gut organisiertes Geschäftsmodell geworden, das den Mitgliedern Besprechungsräume anbietet, einen Sekretariatsservice stellt oder die Post scannt und per E-Mail nachsendet.
Eines dieser Projekte ist das Berliner Betahaus, das in einem alten Industriegebäude in der Kreuzberger Prinzessinenstraße residiert. Eröffnet hat es im April 2009 und bietet nun insgesamt um die 120 Schreibtische auf 900 Quadratmetern – Voll- oder Teilzeit. Die Preise sind nach Leistung gestaffelt. Einen einfachen Schreibtisch, den man flexibel für zwölf Tage im Monat anmietet, bekommt man schon für etwa 80 Euro. Dann muss man seinen Arbeitsplatz beim Verlassen räumen und kann sich nur zwischen neun Uhr morgens und sechs Uhr abends im Betahaus aufhalten. Wer länger oder rund um die Uhr arbeiten möchte, bucht sich einen der anderen Flex- oder Fixtarife, bekommt einen Schlüssel oder sogar eine eigene Arbeitsecke mit Schreibtisch und Stauraum.

Jeder für sich, Seite an Seite

Damit wird das Betahaus vielen Ansprüchen gerecht, die die Selbstständigen und Freiberufler heute an ihren Arbeitsplatz haben. Bewaffnet mit Handy und Laptop haben sie als moderne Nomaden ihr Büro immer dabei. Was ihnen fehlt ist Anschluss – ans Internet, aber auch der soziale. Das Betahaus bietet beides. In einem großen Raum in der dritten Etage baumeln Steckdosen von der Decke, die Schreibtische stehen frei arrangiert im Raum. Jeder kann sein Büro dort aufbauen, wo er mag. Statt Kollegen hat er Coworker, die zwar die eigenen Projekte verfolgen, aber gerade deswegen hilfreiche Gesprächspartner sein können. Wer etwa einen Ratschlag zur Grafik und Technik seiner Website benötigt, wird im Betahaus mit Sicherheit einen Kommunikationsdesigner oder Programmierer finden, der ihm helfen kann. Der temporäre Arbeitsraum ist somit eine Art reale Netzwerkplattform für die Nutzer, die sich gegenseitig auch einen Job vermitteln können. Um das weiter zu stärken, plant man im Betahaus schon den nächsten Schritt: alle Coworker sollen mit Betreten des Hauses für die anderen auf einer Internetplattform sichtbar werden. So weiß man, ob bekannte Gesichter da sind, oder erfährt, welche Profession die bisher unbekannten Nebenarbeiter ausüben.

Ein Schreibtisch in Sao Paulo

Im Betahaus hat man schon die Zukunft vor Augen: die Ausweitung des Konzeptes über die Landesgrenzen hinaus. Eine Büro-Kette, die es den Mitgliedern erlaubt, den einmal gebuchten Service auch an anderen Orten zu nutzen. Wer für einen Kongress nach Zürich muss oder Urlaub in Spanien macht, könnte dann einfach das dortige Betahaus aufsuchen und statt in Berlin seinen Schreibtisch für ein paar Tage hier verorten.

Einige Netzwerkplattformen, wie etwa das Hallenprojekt, bieten jetzt schon einen ähnlichen Service. Sie vernetzen verschiedene unabhängige Coworking-Häuser auf ihrer Webseite, bringen Interessenten und Schreibtische zusammen und vermitteln den Büro-Service auch mal nur für ein paar Tage. Hier haben sich auch die beiden Studentinnen Anna Steinmann und Elisabeth Kamm registriert, als sie für ihr Diplom an der Kunsthochschule Weißensee zu dem Thema recherchierten. Sie hatten erkannt, dass der neuen Arbeitskultur noch etwas Elementares fehlt: die auf die neuen Bedürfnisse zugeschnittenen Möbel, die die temporären Arbeitsräume flexibel organisieren. Ihre Lösung nennt sich „Pylon“ und ist ein raumstrukturierendes Gestänge, das auf kleinstem Raum alles bietet, was man zum Arbeiten braucht: Licht, Strom und kleine Helfer wie Haken, an denen man seinen Kabelsalat organisieren oder das Jacket aufhängen kann. Pylon bringt alles mit, was man an Infrastruktur dringend braucht, um überall blitzschnell ein Büro zu simulieren – und könnte das Büro in Zukunft so flexibel machen wie die Arbeitnehmer selbst.
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