Die Verlockung der Fliese

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Text: Claudia Simone Hoff


Was ist das? Es ist blau, gelb oder grün und zuweilen mit einem ornamentalen Muster versehen. In Portugal findet man es an jeder (Haus-)Ecke. Und aus fast jedem Jahrhundert. Genau! Es handelt sich um Azulejos – jene berühmten Fliesen, die zu Lissabon und Porto gehören wie Big Ben zu London oder der Eiffelturm zu Paris. Manch kleiner Hersteller aus Italien, Spanien oder Portugal hat diese Tradition für sich entdeckt und entwickelt daraus ganz neue Kacheln.


Unsere Entdeckungsreise beginnt in Berlin. Im Showroom des Küchen- und Badherstellers Boffi sieht man sie gleich beim Eintreten: die handgefertigten Fliesen von Domenico Mori. Raumhoch gefliest, beziehen sie – verstärkt durch den Kontrast mit einem Küchenblock aus Edelstahl – ihre ästhetische Wirkung durch kleine Unregelmäßigkeiten in Größe und Oberfläche. Das gebrochene Weiß changiert leicht, wobei die Farbe zum Rand der Fliese hin dunkler wird.

Über den Reiz des Unperfekten

Die Ästhetik des Unvollkommenen ist ganz typisch für handgefertigte Kacheln und macht sie so reizvoll. Doch nicht jeder Kunde kann sich an das Unvollkommene gewöhnen, wie Boffi-Store Manager und Architekt Michael Albert erzählt. Kein Wunder, sind wir im Zeitalter von maschineller Massenproduktion doch an Produkte gewöhnt, die immer exakt gleich groß und in Farbe und Form identisch geschaffen sind. Wer hingegen einen individuellen Fußboden- und Wandbelag sucht, für den sind diese Fliesen genau das richtige. Auch wenn die Anschaffung ein kleines Loch ins Portemonnaie reißt: Die Quadratmeterpreise können bei bis zu 1000 Euro liegen. Doch handwerkliche Fertigung hatte schon immer ihren Preis. Dafür können diese Kacheln mit dem Alter gewinnen. Wer einmal durch Porto spaziert ist und sich vom Flair der wunderbaren Fliesenmuster an Häuserwänden, in Kirchen oder Palästen quer durch die Jahrhunderte hat begeistern lassen – kann dies bestätigen.

Traditionelle Azulejos sind bemalte und mit einer Zinnglasur versehene, gebrannte Fliesen aus Ton. Das Wort Azulejos stammt aus dem Arabischen: Zellige heißt soviel wie polierter Stein. Mit den Mauren kamen farbig glasierte Fliesen nach Spanien und Portugal und verbreiteten sich von dort in den Kolonien. Aufbereitet und gebrannt wird Ton bereits seit 30.000 Jahren, während die ersten Keramikindustrien Europas im Römischen Reich entstanden sind und vorwiegend Gebrauchskeramik produzierten. Keramische Erzeugnisse werden in Feinkeramik – Steingut, Irdengut, Steinzeug – sowie Grobkeramik unterteilt. Sie unterscheiden sich in der Korngröße voneinander: Bis zu 0,2 Millimeter misst ein Korn bei feinkeramischen Erzeugnissen, bis zu fünf Millimeter bei Grobkeramik. Zwar ist die Verbreitung von keramischen Bodenbelägen seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert stark gestiegen, doch Herstellungsbasis der verwendeten Rohstoffe ist nach wie vor Ton. Für den, der den Reiz des Handgemachten nicht missen möchte, jedoch die hohen Kosten scheut, haben einige Hersteller genau das Richtige im Angebot: Zwar schöpfen sie gestalterisch aus dem reichen historischen Fundus, stellen die Kacheln aber maschinell her. Das hat neben dem Preis noch weitere Vorteile, sind die so produzierten Fliesen doch einfach zu reinigen, rutschhemmend sowie temperatur- und frostbeständig.

Die Fliese als Teil der Architektur

Der Entwurf Azulej der spanischen Designerin Patricia Urquiola für den italienischen Hersteller Mutina knüpft unmittelbar an die Tradition der portugiesischen Azulejos an. Das sieht man vor allem an den Dekoren, die schön miteinander kombiniert werden können. Auf den Feinsteinzeug-Kacheln tummeln sich symmetrisch angeordnete Blumen, dreidimensionale Rauten, kleine Sternchen und Pünktchen. Da die Fliesen in den drei Grundfarben Weiß, Hell- und Dunkelgrau daherkommen, harmonieren sie gut miteinander. Die 27 verschiedenen Muster sind für Wände und Böden gleichermaßen geeignet. Neben der großflächigen Verlegung lassen sich damit auch Akzente setzen: an architektonischen Einbauten, Möbeln oder als Bordüren.

Denn dies ist zweifellos ein Trend: Fliesenhersteller wie Mutina, Salvatori oder Made a Mano begreifen die Herstellung von Fliesen nicht mehr einfach nur als Produktion von Einzelteilen, sondern sehen die Fliese in Zusammenhang mit dem gesamten Interior. Und was liegt da näher, als namhafte Produkt- und Interiordesigner wie Ronan & Erwan Bouroullec, Rodolfo Dordoni oder Raw Edges mit Entwürfen zu beauftragen? Während Mutina limitierte Möbelserien umsetzt – The Bugs Family mit der Fliese Déchirer von Patricia Urquiola oder Snow Table und Snow Bench mit der Oberfläche Phenomenom von Tokujin Yoshiaka – hat Salvatori Piero Lissoni engagiert. Bereits seit langem im Bad- und Küchenbereich zuhause, hat er nicht nur mit dem Mailänder Showroom des auf Naturstein und Marmor spezialisierten Herstellers ein Zeichen gesetzt, sondern auch mit seinem Entwurf Raw. Die Steinfliesenserie spielt mit der Struktur von Holz: Je nach Lichteinfall und Perspektive verändert sich die Oberflächenstruktur. Das Thema Holz spielt auch eine Rolle bei der Fliesenkollektion Incontro von Made a Mano. Im Café  des Porzellanherstellers Royal Copenhagen in Kopenhagen kommt die milchig weiß glasierte, wie ein Stabparkett aus Holz verlegte  Terrakottafliese gut zur Geltung.

Es sind also noch immer die Hersteller aus Italien, die Trends setzten in der Gestaltung von Fliesen: Oberflächen, Dekore, Herstellung und Anwendung – kein Bereich bleibt vom Einfallsreichtum der Italiener unberührt. Wie sehr sich die Ästhetik der Fliese verwandelt hat im Lauf der Zeit Jahr, lässt sich auch am Fliesenformat ablesen: Dominierten bis in die siebziger Jahre eher kleine Fliesen mit einem Format von 15 mal 15 Zentimetern, sind jetzt Stücke zu haben, die zehn mal so groß sind.
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