Die Küche neu erfinden – Bulthaup ist 60

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Text: Claudia Simone Hoff, 05.11.2009


60 Jahre alt ist der im bayerischen Aich ansässige Küchenhersteller Bulthaup dieses Jahr geworden. Das mag man kaum glauben, wirken doch sogar die älteren Küchenmodelle noch immer en vogue. Wir lassen die Zeit Revue passieren und nehmen die gestalterischen und technischen Innovationen des Jubilars mal genauer unter die Lupe.


Angefangen hat alles ganz klein: 1949 gründete Martin Bulthaup das Unternehmen, nachdem er ein Sägewerk in Bodenkirchen gekauft hatte. Schon damals verzichtete er bei seinem, noch mit Pferdewagen ausgelieferten Küchenbuffet aus Holz auf unnötige Verzierungen. Das Küchenbuffet avancierte zum Verkaufsschlager im Nachkriegsdeutschland und nahm das spätere Credo des Unternehmens vorweg: zeitlose und funktionale Produkte zu schaffen, bei dem der sinnliche Aspekt nicht verloren geht. Gestaltung wird bei Bulthaup als ganzheitlicher Prozess verstanden: Form, Material und Verarbeitung greifen ineinander, sind untrennbar miteinander verbunden. So entstehen klare ästhetische Aussagen gepaart mit technischen Innovationen. 1974 beispielsweise führte Bulthaup das erste Einbauküchensystem des Unternehmens ein, „C12“ genannt. Mit einer modernen Formensprache und dem intelligenten Montagekonzept nahm es eine Vorreiterposition für die gesamte Küchenmöbelbranche ein.

Otl Aicher und die Wohnküche

Gerd Bulthaup, studierter Betriebswirtschaftler und begeisterter Bauhaus-Fan, hatte das Unternehmen 1978 nach dem Tod seines Vaters übernommen. Einprägsames Design statt normierter Einheitsküche lautete auch sein Motto – und damit war der Unternehmer seiner Zeit voraus. Zu diesem vorausschauenden Denken gehörte auch das Engagement von Otl Aicher. Der Entwerfer war 1952 Mitbegründer der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm und gestaltete wegweisende Corporate-Design-Programme wie beispielsweise für das der Olympischen Spiele 1972, Erco oder die Deutsche Lufthansa. Gerd Bulthaup und Aicher machten sich auf unzähligen Reisen ein Bild der gegenwärtigen Koch- und Esskultur, woraus das 1982 veröffentlichte Buch „Die Küche zum Kochen“ entstand. Darin geht es um ein „Programm in Stichworten“, das eine „neue Küche“ nach Aichers Ideen zum Inhalt hat. Der Designer gibt ganz praktische Vorschläge zur Gestaltung der „richtigen“ Küche, die bei ihm großzügiger Wohnraum statt beengte „durchrationalisierte Hausfrauenküche“ wie etwa bei Margarete Schütte-Lihotzky ist. Für Aicher steht ergonomisches Arbeiten im Mittelpunkt der Küchengestaltung. Seine Designauffassung strebt nach Ehrlichkeit bei Funktion und Material – ganz nach HfG-Ulm- und Bauhaus-Ideen – und sieht die Reduktion auf das Wesentliche und Nützliche als Ziel. Weil es dabei auch um die Überwindung der Trennung von Wohnraum und Küche geht, fordert Aicher eine offene Küche mit einem Arbeitstisch als Mittelpunkt des Raumes.

„Butcher block“, Küchenwerkbank und „b2“

Hier kommt wieder Bulthaup ins Spiel. Denn das Unternehmen zeichnet verantwortlich für ein Küchenmöbel, das inzwischen selbst in großen Möbelhäusern angekommen ist: Der „Butcher block“ aus massivem Holz kann als einzelnes Möbelstück frei in der Küche platziert werden und bietet zusätzlichen Platz zum Arbeiten, Werkeln und Ausprobieren. Genau wie die inzwischen fast legendäre Werkbank, die Bulthaup 1988 auf den Markt brachte. Sie vereint alle wesentlichen Arbeitsbereiche der Küche in einem Element: Kochstelle, Spülbecken und Arbeitsfläche – die Küche wird zum Kommunikationsmittelpunkt. Mit der offenen und mobilen „b2“ werden Aichers Wünsche an eine moderne Küche im Jahr 2008 dann endgültig wahr: Gemeinsam mit den Wiener Designern von Eoos entwickelte das Unternehmen eine offene und mobile Küche, die individuell ergänzt und zusammengestellt werden kann. „b2“ ist eine Weiterentwicklung der Küchenwerkbank und wird zur „Küchenwerkstatt“ in ihrer ursprünglichen Wortbedeutung: bestehend aus einer Werkbank, die um einen Werk- und Geräteschrank ergänzt wird. Öffnet man die Koffertüren der Schränke, kommt die „Küche zum Kochen“ zum Vorschein. Teller, Gläser, Kochlöffel, Kellen und Schöpfer sind nicht mehr in Schubladen versteckt, sondern in Greifnähe platziert. 

Wirkung durch Produktgestalt: „b3“ 

Nachdem in den Jahren 1992 und 2000 die mobilen Küchenelemente der Systeme „25“ und „20“ auf den Markt gekommen waren, wurde bei Bulthaup sieben Jahre getüftelt, es wurden Schweißtechniken aus der Flugzeugindustrie ausprobiert und sagenhafte 32 Patente angemeldet, ehe 2004 das Küchensystem „b3“ das Licht der Küchenwelt erblickte. Es zeichnet sich aus durch die aus Stahl gefertigte Multifunktionswand und verlässt – laut Designer Herbert H. Schultes – die Kleinteiligkeit bisheriger Systemküchen. Denn anstelle der üblichen grundrissorientierten Küchenplanungen wird hier die Wand genutzt – statisch gesehen ein kleines Wunderwerk. So erschließen sich neue Möblierungsvarianten, die sich fließend in andere Wohnbereiche fortsetzen können. Dank der Wandpaneele, die Arbeitsplatten, Einbaugeräte, Flatscreens, Lichtsysteme oder Accessoires tragen, scheinen selbst schwere Unterschrankzeilen und Hochschränke an der Wand zu schweben. 

Die verjüngte Küche: „b1“

„b1“ ist das jüngste Küchensystem von Bulthaup und wird – wie alle Küchen des Unternehmens – individuell geplant und kommissionsweise gefertigt. Funktional und ästhetisch puristisch, trägt die hohe Verarbeitungsqualität der hochwertigen Materialien grundlegend zum Erscheinungsbild bei. Als Materialien kann man zwischen Laminat, Edelstahl, Aluminium, Massivholz, Glas, Lack und Furnier wählen. Dieses Küchensystem soll vor allem eine junge Klientel ansprechen und begeistert den Nutzer durch raumhohe Küchenschränke, stimmige Proportionen, fugenlose Gestaltung, komplett durchgefärbtes Laminat sowie fließende Übergänge von Fläche zu Kante.

Laserkante und Skulpturenschränke

Diese fließenden Übergänge sind die jüngste technische Innovation von Bulthaup. Bei der nahtlosen Kantenausbildung kommt eine einzigartige und patentierte Lasertechnik zum Einsatz, die 2009 auf dem Mailänder „Salone del Mobile“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Dank dieser Technik wirken der Bulthaup-Monoblock – im Übrigen ein Meilenstein für skulpturale Küchenarchitektur – oder die nahtlos in die Arbeitsfläche eingearbeitete Wasserstelle wie aus einem Guss geformt. Extravagant ist auch die Revitalisierung eines Klassikers: Als Material steht bei Bulthaup nun auch Linoleum im Farbton Graphit für die Fronten zur Verfügung. Durch eine spezielle Oberflächenversieglung wird das haptisch und visuell ansprechende Naturmaterial „küchentauglich“. Wenn dann noch die Türen der „b3“-Skulpturenschränke fast lautlos seitlich in den Korpus gleiten – mittels einer eigens für diesen Schranktyp entwickelten Feinmechanik – dann kann der Küchenliebhaber nur noch zufrieden seufzen und leise ein Geburtstagsständchen anstimmen.
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