Ein Tisch im Kornfeld

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Text: Tim Berge, 01.08.2011


Es ist Sommer und die Wärme staut sich in unseren Arbeitszimmern. Computer, Drucker und Scanner tragen einen weiteren Teil zum Hitzestau bei, der sich langsam aber sicher in unseren Körpern bildet. Der Ausblick geht nicht ins Grüne, sondern richtet sich im besten Fall auf eine verkümmerte Büropflanze und mies gelaunte Kollegen, die auch gern woanders wären. Dabei könnte es doch so schön sein: Alles, was man benötigt, ist ein schattiger Arbeitsplatz im Freien. Anstelle von Telefongesprächen der Kollegen hört man Vogelgezwitscher und summende Bienen, Wände sind durch Sträucher oder Hecken ersetzt und es duftet nach Natur – nicht nach Staub und Arbeitsschweiß. Würde es nicht viel leichter sein, motiviert zur Arbeit zu erscheinen und seine Aufgaben mit Lust und Spaß zu erledigen? Ist es nicht auch zeitgemäß – wozu leben wir schließlich in einer drahtlosen Welt!? – und gesundheitsfördernd wäre ein bisschen frische Luft auch. Was also spricht dagegen, seinen Arbeitsplatz an Sonnentagen nach draußen zu verlegen?


Büroarbeit findet in geschlossen Räumen statt – das ist die Regel. Doch genau diese Regel beginnt gerade zu wanken. Das kabellose Netz, das mittlerweile flächendeckend und kostengünstig zur Verfügung steht, verändert die Art und Weise wie Menschen arbeiten, miteinander leben und Raum nutzen. Es ermöglicht eine Loslösung von konkreten Orten und auch die Zeitwahrnehmung verändert sich. War es zu Anfang noch das Café an der Ecke, das zum temporären Arbeitsplatz mutierte, kamen in den letzten Jahren zunehmend die Coworking-Spaces auf: Orte, an denen man sich stündlich ein- und wieder ausmieten kann, kostenloser Cappuccino inklusive. Keine Bindung mehr an irgendwelche Mietverträge, Tischnachbarn oder Städte – wenn das Geld mal nicht da ist oder man für ein paar Tage oder Wochen in einer anderen Stadt arbeiten will, steht man einfach auf und geht. Nun fallen die nächsten Mauern und dieses Mal sind es die echten: Warum sollte der flexibel denkende und arbeitende Mensch seinen Arbeitsplatz nicht nach draußen verlegen können, solang das Wetter mitspielt? Arbeiten soll Spaß machen und ist Ausdruck unseres Wesens: Ich bin, was ich arbeite. Alles, was man dazu benötigt, ist eine Internet-Verbindung und ab und an ein bisschen Strom – das also kann doch kein Hindernis sein!

Neue Arbeits-Plätze
 
Diese Form des Nomadentums kreiert einen Lebensstil mit einer völlig anderen Art der Beziehung zwischen dem Arbeitenden und seiner Umwelt, was auch zu einer Veränderung der Städte führt: weniger feste Strukturen und eine stärker werdende Fluktuation junger Menschen. Ein Nomade zieht stets weiter und sucht nach Orten, die seinen wandelnden Bedürfnissen gerecht werden. Für viele Großstädte ist die „kreative Klasse“ natürlich eine interessante Zielgruppe: jung, innovativ und erfolgreich – damit lassen sich wiederum Unternehmen anziehen, die an diesem „kreativen Kapital“ Interesse haben. Der Bedarf an Lösungen und Attraktionen für diese mobile Generation steigt also.
 
Mit gutem Beispiel voran gehen mal wieder die Niederlande, deren Metropole Amsterdam das Programm „Amsterdam Smart City“ aufgestellt hat. Ziel ist es, mithilfe neuester Ideen und Techniken Europas energiesparendste Stadt zu werden. Ein Projekt sind die „Zonspots“: solarbetriebene, überdachte Stationen, die kostenlos Strom und WLAN anbieten. Das blätterartige Dach schützt nicht nur vor der Sonne, sondern produziert auch die benötigte Energie. Durch die Freiluft-Arbeitsplätze sollen innerstädtische Räume belebt und Freischaffenden ein Ort zum täglichen Arbeiten zur Verfügung gestellt werden. Auch in einigen Parks in Athen gibt es neuerdings von der Stadt zur Verfügung gestelltes, kostenloses WLAN, Und auch in Berlin ist das Thema seit ein paar Jahren aktuell, wird aber auf die berlintypische Weise behandelt und von daher noch ein paar Jahre auf der Tagesordnung bleiben.

Ja, sind wir denn im Wald hier?!

Im wahrsten Sinne des Wortes „zurückgekehrt zu den Wurzeln“ sind die Mitarbeiter des Architekturbüros Selgas Cano. Das für den Eigenbedarf genutzte und selbst entworfene Büro liegt in einem Waldgebiet in der Nähe von Madrid und steckt brüstungshoch im Erdboden. Der nördliche Teil des gebogenen, verdeckartigen Dachs besteht aus einer 20 Millimeter starken, transparenten Acrylglasfläche; der nach Süden ausgerichtete Teil ist eine Sandwich-Konstruktion unterhalb einer Fiberglas-Schale, wodurch die Mitarbeiter stets vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt sind. Von ihren Arbeitsplätzen aus lässt sich der Verlauf der Jahreszeiten sowie das Leben des Waldes tagtäglich neu beobachten: die Natur als Inspiration und Motivation für die Arbeit – sicherlich ein Glücksfall.
 
Das Büro der Steuerberatungsgesellschaft Daamen, Müller und Hufschmidt in Straelen am Niederrhein bietet diese Art von Naturnähe schon seit vielen Jahren. Das Kanzleigebäude befindet sich auf einem 11.000 Quadratmeter großen Grundstück und lockt jeden Mitarbeiter mit einem Blick ins Grüne. Es wird den Mitarbeitern auch freigestellt, im umliegenden Garten zu arbeiten. Die Geschäftsführung ist sich der Tatsache bewusst, dass jeder Mensch die meiste Zeit seines Lebens am Arbeitsplatz verbringt und man ihm dafür etwas bieten muss – und dieses Wohlfühl-Prinzip funktioniert: Angestellte wie Kunden finden die Atmosphäre attraktiv.
 
Wissenschaftler begründen die Sehnsucht des Menschen nach dem Aufenthalt in der Natur mit unseren evolutionären Wurzeln: In der afrikanischen Savanne boten Pflanzen und Bäume Schutz und Nahrung zugleich. In einer gesunden Vegetation wusste der frühzeitliche Mensch, dass er überleben würde. Jeder kennt das Gefühl von Geborgenheit beim Picknick unterm Apfelbaum – und wer hatte nicht schon einmal einen grandiosen Einfall beim Spaziergang um den See?

Von Indianern lernen
 
Die wachsende Beweglichkeit unserer Gesellschaft bringt auch Designer dazu, über das Thema „Freiluft-Büromöbel“ nachzudenken. Grundlage aller Überlegungen ist der Computer, der zwar ein Werkzeug ist, jedoch zunehmend den Benutzer und seine Bewegungsmuster verändert. Ob statische Sitzplätze mit integriertem Laptop-Ablageplatz für den öffentlichen Raum oder Faltmöbel, die sich leicht und schnell transportieren lassen – den Visionen für das mobile Arbeiten sind keine Grenzen gesetzt. Der Wifi Chair von Adriano Design trägt seine Nutzung bereits im Namen: Das geschwungene Stadtmöbel sieht sich als öffentliches Kommunikationswerkzeug und gesunde Basis für das Arbeiten im Freien, besitzt aber ansonsten keinerlei technische Finessen. Ganz anders funktioniert Openaire von Nick Trincia, ein Produkt, das sich konkret an den Bedürfnissen der Büro-Nomaden orientiert und eine hybride Laptop-Tasche bietet, die zu einem leichtgewichtigen Sitz oder Tisch transformiert werden kann. Inspiration für neue Sitzideen kann man auch in noch so entlegenen Gegenden dieser Erde finden. So entwickelte der Designer Alejando Aravena für Vitra das Sitzband Chairless – eine Idee, die er von nomadisch lebenden Indianern aus Lateinamerika übernahm. Das Band wird um die angewinkelten Beine und den Rücken gespannt und entlastet so die Arme.
 
Auch die großen Büromöbelhersteller erkennen immer mehr den Drang zur Freiheit. So kommt es, das einige Produktserien mit wasserfesten und UV-beständigen Beschichtungen als Outdoor-Varianten angeboten werden. Der Aline-Kufenstuhl von Wilkhahn, HAL von Vitra oder der Perillo Outdoor von Züco sind solche Beispiele – und sie sollen erst der Anfang sein, könnte doch die Idee vom Arbeiten im Grünen schon bald häufiger in die Praxis umgesetzt werden. Diverse Studien belegen, dass eine grüne Umgebung die Arbeitskraft stärkt und Mitarbeiter motiviert. Die Wiese vor der Haustür als Arbeitsplatz zu nutzen, bieten auch einige Möbel, die auf den ersten Blick nichts von der Strenge eines klassischen Bürostuhls haben. Waver von Konstantin Grcic wird zwar offiziell als Gartenmöbel bezeichnet, könnte aber auch als gemütlicher Sitz für das Arbeiten an der Sonnen dienen.

Die Alten machten es vor
 
Dabei scheint die Idee der Arbeitsnomaden gar nicht so neu, gab es doch bereits in den sechziger Jahren sozial-architektonische Experimente, die eine Auflösung der klaren Beziehung zwischen dem Arbeitenden und seinem Arbeitsplatz und der Arbeizszeit verfolgten. Projekte wie das „Mobile Office“ (1969) von Hans Hollein oder das „Gelbe Herz“ von Haus-Rucker Co. (1968) spielten mit der Vision eines Menschen, der völlig losgelöst von allen Koordinaten der Arbeitswelt lebt und wirkt. Der italienische Philosoph Antonio Negri brachte es damals schon auf den Punkt: „Die Welt ist Arbeit!“
 
Diese Vision wird nun immer mehr zur Realität – die Vernetzung von Arbeits- und Privatleben ist schon längst im vollen Gang. Wochenarbeitszeit, Renteneintrittsalter und etwaige Pensionsansprüche geraten zunehmend ins Wanken, und so entsteht eine junge Gesellschaft, die wohl arbeiten wird, bis es nicht mehr geht. Der Verlust dieser Konstanten kann aber auch positiv gewertet werden, sind doch jegliche Bindungen oder räumliche Beschränkungen aufgehoben. Eine junge Generation von kreativen Arbeitsplatznomaden will jederzeit und überall arbeiten können, basta!
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