Ein bisschen besonders

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Text: Markus Hieke, 12.12.2013

Faszinierend und polarisierend. Die Geschichte des Goldes zeigt, wie es unsere Begeisterung für sich gewonnen hat. Und während drei Künstler sich kritisch mit Luxus auseinandersetzen, bieten einige Hersteller Gelegenheit, sich auf konsumkritische Art mit dem seltenen Edelmetall zu umgeben.

Gold – ein Stoff, der uns Menschen entzweit und verbindet wie kein anderer. Kein Metall dieser Welt hat ein so großes Ansehen, obwohl es ebenso offensichtlich eine negative Seite hat. Als protziges Statussymbol und Stellvertreter für Habgier ist Gold genauso Bestandteil unsere Lebens wie als Ehrung, Verehrung oder edler Körperschmuck. Auf der Siegertreppe gibt es die Goldmedaille als höchste Auszeichnung. Der Goldring signalisiert den Bund der Ehe. Die Bezeichnung flüssiges Gold steht gleich für mehrere wertvolle Lebensmittel wie Bienenhonig oder Olivenöl. Speisen wie die Lasagne holen wir goldgelb überbacken aus dem Ofen. Und viele Genussmittel gewinnen an Wert, indem sie mit Gold Edition betitelt werden.

Für Himmel und Zähne
Um ein zeitgenössisches Phänomen handelt es sich dabei allerdings nicht. Denn seinen Anfang nahm der ganze Wahn bereits vor über 6500 Jahren, wie die älteste gefundene Grabbeigabe aus dem bulgarischen Warna beweist. Als Schmuck trägt man Gold etwa seit dem vierten Jahrtausend vor Christus. Ein berühmtes Zeugnis der frühen Astronomie ist die mit Gold besetzte Himmelsscheibe von Nebra aus der Bronzezeit. Zur Geburt Jesu Christi brachten die Heiligen drei Könige neben Weihrauch und Myrrhe selbstverständlich auch Gold. Und mit der gesellschaftlichen Weiterentwicklung begann das Edelmetall den Siegeszug bis in die letzten Winkel aller Kontinente – ob als Zahlungsmittel, Schmuck oder Zahngold. Es folgte der Goldraub bei den Inka und der Goldrausch in Nordamerika. Selbst der Versuch, Gold künstlich herzustellen, blieb nicht aus. Zwar ist das misslungen. Aber immerhin entstand dabei als glückliches Nebenprodukt das Meißener Porzellan, das weiße Gold Europas. Heute verursachen ein entfesselter Goldpreis und die Goldgewinnung vor allem soziale wie ökologische Folgen.

Bescheidenheit oder Hochmut?
Worin liegt nun aber der Reiz im ewig glänzenden Material? Es mag die Seltenheit und seine warme Ausstrahlung sein, durch die das Edelmetall so fasziniert. Allein die Zurschaustellung goldener Gegenstände scheint oft schon die Strahlkraft des Stoffes auf seinen Besitzer zu übertragen. Ein bescheidener Mensch wird sich demnach nur dezent mit Gold verzieren, während sich der hochmütige Zar die Wasserhähne vergolden lässt und der arabische Ölscheich im goldenen Mercedes Benz vorfährt.

Kraftsymbol im Widerstand
Doch kann man übertriebenes Protzen auch mit Kritik an der oberflächlichen Gesellschaft aufladen. Aus dem US-amerikanischen Hip-Hop kennt man etwa das Klischeebild der goldbehangenen Gangster-Rapper. Hier wird Gold zum Kraftsymbol im Widerstand gegen die Unterdrückung der afroamerikanischen Minderheit und zum Ausdruck der Individualität. Der Rapper Trinidad James beispielsweise drückt in All Gold Everything seine Abneigung gegen stillose Hipster der Konsumgesellschaft aus; gegen Mitläufer, die allen Trends nacheifern; gegen Stripperinnen im College-Alter sowie gegen Spitzel und Verräter. Für ihn zählen unbekümmerter Spaß am Leben und der Zusammenhalt seiner Clique – zum Ausdruck gebracht durch Gold, Geld und Drogen.

Trinidad James: All Gold Everything
Gold in Darm und Vene
Eine Ecke weiter gedacht hat der Konzeptkünstler und Designer Diddo. Er treibt seine Kritik an der Habgier auf die Spitze, indem er mit The Cure for Greed ein Set entwickelte, mit dem man seine Geldsucht befriedigen kann. Zu Pulver zermalmt und eingekocht, lässt sich ein Extrakt aus Dollar-Noten durch eine goldene Spritze in die Venen injizieren. Einen weiteren Ansatz im Umgang mit Luxus-Besessenheit fand das Modelabel Ju$t Another Rich Kid um Ken Courtney gemeinsam mit Designer und Künstler Tobias Wong. Für jene Menschen, die absolut alles haben und immer noch mehr wollen, entwickelten sie die Indulgences: ein Paket aus sieben unnötigen Luxus-Accessoires. Das Highlight darunter: eine kleine Kapsel für 425 Dollar, bei deren Verzehr selbst das Darminnerste mit 24-karätigen Goldblättchen zum Glänzen gebracht wird.
Diddo: The Cure for Greed
Konsumkritische Schätze
Für diejenigen Normalbürger, die noch nicht alles haben, aber ein bisschen was Besonderes suchen, bieten einige Hersteller immer wieder gern konsumkritische Goldschätze an. Schließlich ist Gold das wohl einzige Material, das keiner wirklich braucht, aber jeder haben will. Bei Seletti gibt es so zum Beispiel Estetico Quotidiano, eine Serie von Einweg- und Alltagsprodukten wie Pappteller, Flaschen und Töpfe aus vergoldetem Porzellan. Established & Sons hatte die Hamburger-Box Takeaway in Gold im Angebot. Und Tom Dixon führt die goldenen Deko-Schalen Eclectic in der Kollektion, die nicht gerade edel, sondern mehr wie laienhaft ausgehämmertes Blech daherkommen. Als wäre das nicht genug, bietet der Hersteller Calico aus Brooklyn als i-Tüpfelchen die Möglichkeit, seine Kostbarkeiten selbst ganz in Glanz zu hüllen: handgefertigte Tapetenunikate mit goldener Marmorierung. Nur ein bisschen besonders eben.

Alles, was glänzt: Mehr aus unserem Special The Golden Age lesen Sie hier.

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